Gedenktage mögen von stiller oder lauter Art sein, sie sind ein Angebot zu öffentlicher Übereinstimmung, die es alltäglich nicht gibt. Die DDR, weil sie so neu war und nicht sehr sicher, hatte ein Bedürfnis nach Geschichte als Dauer. Wenn etwas zum zweiten Mal stattfand, hieß es oft: Es ist nun schon eine schöne Tradition. Die DDR, das war eine andere Geschwindigkeit.

Am 9. November ’89 bin ich zum Brandenburger Tor gegangen, es sah dort aus wie vorher. Man musste zur Kochstraße gehen oder zur Bernauer, um in die Menschenströme zu geraten, die in einer Art von ungläubigem Glück die Grenze passierten, die die Unterproduktion von der Überproduktion getrennt hatte. Menschen sahen sich wieder und andere sahen sich zum ersten Mal. Ich war anders dran, was das betraf: Ich machte Filme, und die liefen auf Festivals und Filmwochen und manchmal auch im Kino, ich kannte im Westen Kollegen und Kneipen, aber ich kannte auch die neurotisierte Sehnsucht so vieler, die nicht raus durften. Lebenslanger Berliner, und zwar aus Adlershof, hatte ich auch keine Verwandten im westlichen Teil der Stadt bis auf eine Tante am Bahnhof Gesundbrunnen, die man wohl im April ’45 in ein namenloses Grab gelegt hat, wir haben sie nicht wiedergefunden.

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