Sonntagabend war der Konzertsaal der Universität der Künste in der Hardenbergstraße bis fast auf den letzten Platz gefüllt. Der chinesische Künstler Ai Weiwei, so hatte es geheißen, werde sich und seine Pläne für seine Arbeit mit den sechzehn glücklichen Studenten, die Aufnahme in seinen Kurs fanden, vorstellen.

Das tat Ai Weiwei natürlich nicht. Er sei neu in Berlin, neu an der Universität, es sei ihm noch nichts eingefallen. Es käme aber auch auf die Studenten an. Die brächten ihre Ideen ein und zusammen würden sie sicher sehr interessante Sachen machen, erklärte der berühmteste lebende Chinese. Ein Kunststudium sei ja auch dazu da, sich erst einmal darüber klar zu werden, was man machen möchte. Ai Weiwei erinnerte daran, dass er in New York Kunst studiert hatte, ohne zu wissen, was er wollte. Manchmal dauert es ein wenig, bis man anfängt, nicht mehr nur faul herumzuliegen.

Professorale Tranquilizer

Die Veranstaltung war nicht gerade eine Empfehlung für die Berliner Universität der Künste. Vier Professoren befragten knapp über eine Stunde lang Ai Weiwei. Hübsch einer nach dem anderen und wenn Ai einsilbig antwortete, röteten sich die Wangen der Professoren. Sie wurden hektisch und wussten nicht, was sie machen sollten. Die eine Dame und die drei Herren waren allesamt sichtlich überfordert. Eine nette, kleine Performance, mehr war ja nicht gefragt – das war offensichtlich schon zu viel für sie. Was, werden die etwas wacheren der anwesenden Studentinnen und Studenten sich gefragt haben, können die mir beibringen?

Dass die Experten fürs Kreative so wenig Spaß an der Situation hatten, versetzte auch Ai Weiwei abwechselnd in Halbschlaf und Aufregung. Er musste den manchmal sehr umständlichen Ausführungen seiner Talkmaster geduldig zuhören und dann erwartete man von ihm, aus den nicht fliegenden Funken einen Steppenbrand zu machen.

Immer wieder verweigerte er sich diesem Anspruch oder aber er sprach ebenso langweilig wie seine Befrager und zeigte dem Publikum so, eine wie riesige Rolle die Mimesis selbst bei einem Konzeptkünstler wie Ai Weiwei spielt. Ein paar Mal aber war es ihm peinlich, dass er so war wie er in diesem Augenblick war. Dann erklärte er, er fühle sich unwohl in dieser Situation. Er sei schließlich noch niemals Professor gewesen. Vor allem aber falle es ihm schwer die ganze Zeit auf einem Stuhl zu sitzen. Das sei er nicht gewohnt.

Normal springe er auf und liefe umher. „Aber“, jetzt grinste er „für das Einsteinforum...“ Schon hatte er die Lacher auf seiner Seite. Viel besser wurden auch Ai Weiweis Witze an diesem Abend nicht. Die vier professoralen Tranquilizer hatten ihre Wirkung voll entfaltet.

Nach Ende der ersten Halbzeit erklärte einer der Herren, jetzt werde es um die Frage gehen, wie man denn Kunst lehren könne. Er sprach von der Schönheit eines weißen Blattes, das es zu beschreiben gelte. Man kann um jeden Studenten froh sein, den dieser Professor nicht beschrieben hat. Dann kam die Frage: Was sollen die Studenten lesen? Ai Weiwei antworte sehr ausführlich: Das ist eine schwierige Frage; ich liebe das Lesen mehr als alles andere, aber ich tue es nicht – man braucht so viel Zeit dazu. Fotografieren geht schneller. Ich weiß, so Ai Weiwei, wie schön es ist die Welt zwischen den Zeilen eines Buches zu lesen. Aber ich schaffe es nicht.

Warum fotografiere er so viel, wurde er gefragt: Als ich zehn Jahre in New York machte ich 70000 Fotos. Heute mache ich mit den digitalen Kameras 700000 im Jahr. Ich fotografiere, weil ich gelernt habe, dass ich nicht verstehe, was mit mir geschieht, dass ich nicht begreife, was ich mache. Darum nehme ich alles auf. Ich kann es anderen zeigen, die mir dann erklären können, was ich gemacht habe. An diesem Abend filmt und fotografiert Ai Weiwei nicht. Aber natürlich lässt er fotografieren. Irgendwann einmal wird er sehen, in was für eine dumme Lage er sich von der Universität der Künste hat manövrieren lassen.

Ethik und Ästhetik? Boing!

Am Ende dürfen Studierende auch noch ein paar Frage stellen. Die erste ist wunderbar. Kein Mensch versteht sie. Es ist Dada pur. Eine heitere Parodie auf die Veranstaltung. Aber nach der dritten Wiederholung der Frage hat einer auf dem Podium sie verstanden. Was ist die Beziehung zwischen Ethik und Ästhetik? Boing. Kaum hat man sie verstanden, hat sie jeden Reiz verloren. Ai Weiwei antwortet: Sie haben mit einander zu tun. Aber sie geraten in der Kunst oft in Konflikt. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Die letzte Frage: Wie definieren Sie Kunst? Ai Weiwei antwortet so etwas wie „Keine Ahnung“. Dann aber rafft er sich auf und sagt: Es ist wie mit dem Sex. Man kann sehr viel Erfahrung darin haben und kann doch nicht definieren.