Berlin - Was war das für ein Bildbearbeitungsprogramm? Diese Frage stellte sich, als im letzten Herbst neue Fotos von der Entertainerin Gayle Tufts auftauchten. Schmeicheln, glätten und verjüngen – bitte, aber gleich halbieren? Mit Erscheinen der liebenswürdigen Wuchtbrumme auf der Bühne würde doch der Schwindel im 38er Kleid auffliegen. Nun, unterdessen hat die Welt erfahren, dass Gayle Tufts durch Sport, Schweiß und Tränen („Ein Drittel wurde weggeweint!“) tatsächlich 33 Kilo leichter geworden – und geblieben ist. Das, verehrte zurückgelassene Dicke, hat Respekt verdient und nicht Verrats-Vorwürfe und Rückfallwetten. Wie man sieht, kann sogar ein Doppelkinn schmelzen. Anders als der klapprige Karl Lagerfeld und der übellaunige Josef Fischer konnte die Berliner Amerikanerin ihrer neuen Figur nämlich auch größere Bühnen- und Schreibenergien abringen.

Am Mittwoch war Premiere ihrer Ein-Personen-Show „Some like it heiß“ mit Marian Lux am Klavier, dem gewandten Komponisten ihrer neuen Lieder. Gayle Tufts preist auch seine Herkunft: ein junger Schwuler aus dem Osten! Was soll man sagen: Die beiden machen das fabelhaft, Tufts toughe Stimme musste ja nicht mit abnehmen. Und Herr Lux hat vielleicht als einziger 29-Jähriger ein wirklich inniges Verhältnis zu den Wechseljahresnöten einer 51-Jährigen aufgebaut. Denn darum geht es an diesem Abend: Um Schwitzattacken, Launen und Östrogenmangel, um Wechseljahre. „Demokratisch sind sie ja, jeder bekommt sie, nur vor Madonna haben sie Angst!“

Klar, das Thema elektrisiert alle, die nachts tropfnass aufwachen und erschöpft nach dem frischen Schlafanzug tasten. Aber die anderen? Gayle Tufts nennt dies eines der letzten Tabuthemen der Zivilisation, einen Konversationskiller, fühlt sich von dem Wort unfruchtbar beleidigt und verlangt ein neues Marketing für diesen Zustand: Pimp my Menopause! „Die letzte Regelblutung“ wäre doch mal ein Titel für einen Tarantino-Film, oder „Inglourious Bleeders“. So. Und zu solchen Vorschlägen singt Gayle Tufts lustige Lieder über langjährige fleißige Eierstockarbeiterinnen, die eines Tages einfach in den Ruhestand geschickt werden. Schluss, vorbei, gemein wie bei Schlecker.

Gayle Tufts singt, tanzt, erzählt sich mit schäumender Begeisterung durch ihren Abend, aber das Schönste bleibt doch ihre Sprache. Die ist ja keine zufällige denglische Gemengelage, wie oft angenommen, das sind fein nuancierte Kunstwerke: präzise, lustwandelnd, mit dem fremden Blick. „Familiäre Verstreuungsaktion“ ist so eine Wortschöpfung. Sie erzählt vom Tod ihrer Mutter. Tatsächlich bringt sie mit diesem Thema ein Zelt zum Lachen und verbreitet zugleich rührende Ernsthaftigkeit – eine irre Gratwanderung, doch sie funktioniert. Gayle Tufts liest vor, wie sie mit den Geschwistern am Strand steht, wie sie versuchen, Mamas Asche gegen den Wind zu verstreuen. Die Mutter hatte sich im Alter von 80 Jahren eigensinnig das Rauchen abgewöhnt, nur noch Hummer verlangt und statt eines Sargs die Verstreuung am Strand. Und so warfen die Tufts dann „ein paar Handvoll Mutter in Richtung Atlantik“.

Fluffig und nie tantig

Natürlich wird Gayle Tufts gefeiert, zumal zur Premiere, wo sie ganze Fanblöcke begrüßt. Aber sie ist ja auch was Besonderes unter den Entertainerinnen. Nicht aggressiv-beleidigend wie Desirée Nick oder zotig wie Ina Müller, nicht brutal, zynisch oder grob, wie das die Unterhaltungsgesellschaft heute erwartet, wenn sie – hip! – etwas auf sich hält. Gayle Tufts’ Humor ist ein fluffiges Leichtgewicht und trotzdem nie tantig.

Und er vergnügt besonders die vielen schwulen Boys, die nie je erfahren werden, wie das ist in den Wechseljahren.

Some like it heiß – Die Show bis 6..Mai täglich außer Montag, Bar jeder Vernunft. Tel. 88 315 82.

Das Buch gleichen Titels erschien im Aufbau Verlag Berlin, 225 S., 16,99 Euro.