Gdynia: Einer der größten städtischen Schätze Polens kommt nach Berlin

Polens Hafenstadt Gdynia war in den 1920er- und 1930er-Jahren eine Experimentierstadt für Bauhaus-Architekten. Eine Berliner Ausstellung erinnert an die Geschichte der Stadt.

Das Bankgebäude (Bankowiec) in Gdynia
Das Bankgebäude (Bankowiec) in GdyniaPrzemek Kozlowski

Gdynia, Gdingen, die polnische Stadt am Meer, in direkter Nachbarschaft zum weltberühmten Danzig gelegen, ist eine der größten architektonischen Schätze, die Polens Urbanistik zu bieten hat. Die Stadt war nämlich Spielplatz und Experimentierfeld für mutige jüdische Architekten, die vor allem die 1920er- und 1930-Jahre dafür nutzten, um dem Pomp und dem Kitsch der Gründerzeit den Rücken zu kehren und stattdessen mit klaren Formen und schlanken Proportionen in die Zukunft zu bauen.

Die Stadt sollte den Bedürfnissen der Moderne gerecht werden, kompakt sein, menschennah und vor allem praktisch. Das spiegelte sich etwa in dem Plan wider, in den untersten Teil des wundervollen „Bankowiec“ (einem ehemaligem Bankgebäude) eine Tiefgarage zu bauen. Angesagt waren maritime Formen, die an den Schiffsbau erinnerten, und städteplanerische Lösungen, die dem modernen Leben gerecht werden sollten. Gdynia, die Hafenstadt, kannte nur ein Ziel: die Zukunft.

Ausstellung über Gdynia in Berlin

Heute kann man durch die Stadt immer noch begeistert schlendern und die famose modernistische Architektur bewundern. Dabei fällt auf, dass frappierende Parallelen zur Architektur Tel Avivs existieren, ebenso eine maritime Stadt der Moderne, die von jüdischen Architekten in der Vorkriegszeit errichtet wurde, inspiriert durch die Bauhaus-Schule. Beide Hafenstädte galten als Tor zur Welt, verbanden per Schiffsverkehr Metropolen, wollten architektonisch neue Ufer beschreiten und sich absetzen vom preußischen Kitsch. Zugleich eint beide Städte eine jüdische Geschichte. Denn es waren viele jüdische Architekten, die sich dem Bauhaus-Stil verschrieben haben. Das Warschauer Museum der Geschichte polnischer Juden hat dieser Verbindung eine eigene Ausstellung gewidmet. Der Titel: „Gdynia – Tel Aviv“ (im Jahr 2020).

Berliner Architekturfans können sich aktuell intensiver mit Gdynias einzigartiger Geschichte beschäftigen. Im Rahmen der Architektur-Triennale der Moderne präsentiert die Ausstellung „Urbane Netzwerke der Moderne und die Rolle jüdischer Architekten: Das Beispiel Gdynia (Polen)“ einige Exempel Gdingener Architektur und deren jüdische Ursprünge. Viele Architekten, die in Gdynia tätig waren, hatten jüdische Wurzeln und mussten in den 1930er-Jahren fliehen oder wurden Opfer des deutschen NS-Terrorregimes. Die Ausstellung erinnert daran. 

Auftaktveranstaltung mit einem Grußwort von Tomasz Kurianowicz, Chefredakteur der Berliner Zeitung, am 11. November um 18 Uhr. Die Ausstellung wird in Deutsch und Englisch im „BHROX bauhaus reuse Pavillon“ (Ernst-Reuter-Platz, Mittelinsel, 10587 Berlin) im Rahmen der Triennale der Moderne vom 11.11. bis 24.11. präsentiert. Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 12 bis 20 Uhr. Die Ausstellungseröffnung wird von einer kuratorischen Führung begleitet. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten (GjA) und des Pilecki-Instituts Berlin im Rahmen seines Programms Exercising Modernity.

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