Werner Stötzer beim Bildhauersymposium Krugberg bei Seelow im Jahr 1992.
Foto: Galerie Karger/Horst Wiese

Berlin/AltlangsowSeine Blöcke haben nicht das Lächeln antiker Skulpturen. Für Werner Stötzer hatte jeder Stein ein Gesetz, dem ein guter Bildhauer folgen muss. Die Skulpturen sind auch Wegmarken seines eigenen Lebens, Zeichen zwischen Schönheit und Katastrophe. Welchen Stein auch immer er in seinem Leben unter dem Meißel hatte, es war ein Torso.  Ostdeutschlands beliebtester Steinbildhauer schlug die fragmentarische Körperform heraus aus gelblichem sächsischen Sandstein, aus grauem bulgarischen Marmor und aus schimmernd weißem norditalienischen Carrara.  Davon erzählt gerade eine Ausstellung der Galerie Karger im Stilwerk. Am Stein, sagte  Stötzer, „fühle er sich wie ein Mensch, der vollkommen frei ist von Hemmungen und Zwängen“. Der Bildhauer, 1931 geboren im thüringischen Sonneberg, war langjähriger Wahlberliner und leidenschaftlicher Wahlbrandenburger. Sein offener, nur leicht vor Regen, Schnee und Sonne geschützter Arbeitsplatz draußen in seinem Oderbruchdörfchen Altlangsow ist seit dem 22. Juli 2010 verwaist. Aber seine Spur der Steine zieht sich durch Museen – etliche hat die Neue Nationalgalerie – und Parks, über Kirchplätze in Berlin und Brandenburg – von da in den Norden, nach Warnemünde, an die Mole, wo eine weibliche Sandsteingestalt wie Penelope, die auf Odysseus warten, gen Ostsee blickt.

Vielleicht war das Glück. Er nannte sie  „Wegzeichen“, seine „Märkischen Steine“, seine „Engel mit gebrochenem Flügel“, die inzwischen moosbewachsenen „Zigeuner von Marzahn“. Oder er gönnte ihnen nur karge Bezeichnungen wie „Sitzende“, „Stehende“, „Liegende“, auch Flussnamen, etwa „Werra“ und „Saale“. Auf dem Würzburger Domplatz steht die Pieta des Atheisten. Und das Marx-Engels-Forum an der Spree in Berlin-Mitte flankiert sein Figuren-Relief, eine Referenz an den Pergamon-Götter-und-Gigantenfries auf der nahen Museumsinsel. Für Stötzer waren seine Steine wie Wegmarkierungen durch ein Bildhauerleben. Und nie verleugnet so eine Figur den Block, in dem sie noch halb ruht. Die Steine sind nun postume Botschafter einer Kunst, die weder Zeit noch Mode kennt.

Jede Form mündet ins Fragment:„Das Schiff“, 2006-2008, Marmor.
Foto: Galerie Karger/ Werner Stötzer/VG BIldkunst Bonn 2020

Und jede Form mündet ins Fragment. Damit konnte er auch in der öfter rigiden Kunstpolitik der DDR bestehen, sogar zu Ehren kommen. Er sagte, er habe in der Jugend und auch später noch zu viele Trümmer gesehen, reale und geistige, das führte schließlich zum Torso. Seine abstrahierten Figuren sind denen Brancusis, Giacomettis, Moores nahe. Auch denen der preußischen Klassizisten Schadow und Schinkel. Und er verehrte Michelangelo, den späten Renaissance-Universalisten.  Auch Stötzers Oberflächen tragen die Spuren der kurzen, gezielten Schläge des Meißels – von außen nach innen und immer rundherum. Stötzer sagte vom Stein, er habe ein Gesetz und dem müsse der Bildhauer folgen. Er zog mit Stift und Kreide in den Steinbruch, zeichnete auf den Stein. So kam es später zu diesem Rhythmus von Bauch und Brust, Schultern, Armen, Schenkeln – und zu jener charakteristischen Neigung der Figur. Die Skulptur wurde unter seinen Händen zum Gleichnis, die Figur zur Körperlandschaft. Und Stötzer schrieb, wenn er meinte, sich im Stein nicht ausdrücken zu können. Er dichtete Prosa, Lyrik, Essays – und der Brecht-Freund und Gefährte Konrad Wolfs und Heiner Müllers sprühte vor kauzig-weisen Parabeln und Anekdoten.

Studiert hatte er an den Kunsthochschulen Weimar und Dresden, schließlich in Berlin bei Gustav Seitz. 1978 wurde er Mitglied der Akademie der Künste, von 1990 bis 1992 war er deren Vizepräsident. In all den Jahren hat er junge Bildhauer unterrichtet. Nie kam es ihm in den Sinn, Heroen zu formen. Er wollte Widerständigkeit zeigen und Schönheit. Wie sein Freund, der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka, mochte auch Stötzer keine Formglätte. Er zügelte Emotion durch Strenge. Alles mechanisch Beschliffene, meinte er, mache kraftlos. Glattes wäre bei seinen Steinen Lüge.  „Nur wenn der Stein mit der Hand behauen ist, bekommt er Kraft. Es muss ein Rest Unfassbarkeit bleiben“.

Ausstellung zum Gedenken an Werner Stötzer im Entrée der Galerie Kunsthandel Karger, im Stilwerk, Kantstr. 17,  noch bis 8. August, Di-Fr 14-1 9/Sa 10-19 Uhr. Mit dieser Schau beschließt Galerist Wilfried Karger seine  10-jährige Ausstellungstätigkeit an diesem Ort.