Immerhin 6800 Personen empfahlen die Verse „Europas Schande“ weiter per Facebook. Verglichen mit den 26.000, die Grass’ ebenfalls in der SZ erschienen Israel-Schocker „Was gesagt werden muss“ weiter empfahlen, sind das allerdings wenig.

Dabei hatte Grass alles getan, um den Markt anzuheizen, zum Beispiel das Angebot zum Schein verknappt. „Mit letzter Tinte“ melde er sich zu Wort, hatte der 84-Jährige vor sechs Wochen verkündet, nur um jetzt schon wieder den Füller ins randvolle Tintenfass zu tauchen und in Versform zu leitartikeln. Diesmal ist Griechenlands Schuldenkrise Thema.

Grass und Griechenland

Für den Dichter ist Griechenland selbstredend das Land, das man laut Goethe „mit der Seele suchen“ sollte, nicht mit dem Taschenrechner: „Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht, bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh. / Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt, wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.“ Das Du im Gedicht ist Europa, dem Grass vorwirft, Griechenland zum Tode zu verurteilen wie einst Sokrates verurteilt wurde: „Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure, doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück“.

Wie gesagt, aufzuregen vermochte das kaum jemanden. Erst als die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zum Spaß und mit einiger Plausibilität behauptet hatte, das Satiremagazin Titanic habe das Gedicht geschrieben und der SZ als Grass-Beitrag untergejubelt, schlugen die Wellen höher. Es brach daraufhin zwar kein „Sturm im Internet“ los, wie die Agenturen behaupteten, aber immerhin: Viele Internet-User fielen auf den rasch verbreiteten Scherz der Konkurrenz herein und überzogen die SZ zu Unrecht mit Hohn und Spott – bei Twitter. Wem ergeht es da nicht wie jener Iphigenie, „das Land der Griechen mit der Seele suchend“: "Und gegen meine Seufzer bringt die Welle / Nur dumpfe Töne brausend mir herüber."