Morgennebel
Foto:  Imago Images

Berlin„Hör ich, so viel hohen Ton / solltest du verweigern, / sag ich, mancher Sängerlohn / fordert, sich zu steigern.“ – die Ansage in Uwe Kolbes neuem Lyrikband „Imago“ lautet demnach: Mehr Pathos bitte! Denn nur so vermag sich der Mensch zu transzendieren und sich in hohem Ton zum Äther emporzuschwingen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist immer wieder die Rede von metaphysischen Instanzen, etwa vom „uralte[n] Gott“ oder den die Welt kultivierenden „große[n] Gärtnerinnen“. 

Wo sich derartige Hoffnungsträgerinnen in der Wirklichkeit befinden, muss das Textsubjekt noch herausfinden. Daher lässt sich das Wandern als die dem Geist der Romantik entspringende Hauptbewegung in Kolbes aktuellen Poemen bestimmen. Dass dabei die reale Topografie in eine Seelenlandschaft übergeht, hat seinen Grund: Denn jenseits aller physikalischen Gesetze ermöglicht das „Traumland[]“ – paradoxerweise – einen „feste[n] Grund in dem Himmel“ zu sehen. Das Kosmische gewährt Halt. Ohne nur an einer Stelle einen schweren Ton anstimmen zu müssen, ringt hier eine der avanciertesten Stimmen der deutschsprachigen Poesie um Glauben und Spiritualität. Gerade diese Leichtigkeit im Umgang mit tiefen Existenzfragen an den Tag zu legen, macht Kolbes besondere Artistik aus.

Uwe Kolbe: Imago. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 110 S., 21 Euro

Wie einsam ist das Meer?

„Die Sehnsucht nach der Sehnsucht“, diesem so schmerzvollen wie lebenserhaltenden Gefühl, lehrt uns Emmy Hennings. „Im Feuer meiner Träume“ begibt sich ein lyrisches Ich auf eine imaginäre Reise gen Osten, um am Ende doch nur zu fragen: „Wie mag das Meer wohl einsam sein?“ Was bleibt in diesem ozeanischen Alleinsein? Vielleicht, wie das Gedicht „Gefängnis“ dokumentiert, nur der Suizid? Denn „die Freiheit kann uns niemand nehmen: / zu gehen in das unbekannte Land.“

Wer so von Melancholie getrieben ist, muss ein schweres Leben hinter sich gehabt haben: Geboren 1885, tingelt sie mit einem Laienschauspieler unstet durch die Lande, arbeitet später für einen anderen Mann in der Prostitution, wird sogar einmal inhaftiert. Nachdem sie sich mit ihrem späteren Gatten, dem Schriftsteller Hugo Ball, vom Dadaismus lossagt, wenden sich beide verstärkt dem Katholizismus zu.

Neben poetischen Miniaturen, in denen sich das Textsubjekt in die Traurigkeit flüchtet oder sich zugunsten der Stimmen anderer gänzlich zurückzieht, preist es daher auch die himmlisch zu entlohnende Weitherzigkeit der Armen und Demütigen und wähnt seine „Wurzel vergraben in Gott“. Erstmals liegen nun Hennigs sylphidenhafte Gedichte in gesammelter Fassung vor. Endlich!

Emmy Hennings: Gedichte.  Wallstein, Göttingen 2020. 698 S., 38 Euro