Ein wunderbarer Gedichtband hält viele kleine Entdeckungen bereit. - Dieses Buch bietet viele schöne Überraschungen. Eine davon findet sich auf Seite 192, nämlich das Berliner „Nationalgedicht“ schlechthin, und zwar im Original:

Ick sitze da un esse Klops.
Uff eemal klopp’s.
Ick kieke, staune, wundre mir,
Uff eemal jeht se uff, de Tür.
Nanu denk’ ick, ick denk’ nanu,
Jetzt is se uff, erscht war se zu?
Un ick jeh raus un blicke
Un wer steht draußen? – Icke!

Verblüfft entdeckt man, dass die Verse, die direkt aus dem Volksmund zu kommen scheinen, tatsächlich einen Verfasser haben: Jean de Bourgeois. Es ist das Pseudonym eines Autors, der offenbar aus dem Kreis des Kunstkritikers und Schriftsteller Carl Einstein stammt. In dessen Europa-Almanach erschien das Gedicht 1925 zum ersten Mal. Seitdem hat es sich immer wieder verändert, denn die Berliner gaben es von Mund zu Mund weiter. Aus „Un ick jeh raus un blicke“ wurde zum Beispiel die Zeile „Ick jehe raus un kieke“.

Viele solcher kleinen Entdeckungen enthält der wunderbare Band „Ick kieke, staune, wundre mir ...“, erschienen in der Anderen Bibliothek. Er vereint etwa 240 „Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute“.

Unter den Namen von fast 130 Autoren findet man einschlägig bekannte wie Adolf Glaßbrenner, Theodor Fontane, Claire Waldoff und Kurt Tucholsky. Aber man begegnet auch weniger erwartbaren, darunter George Grosz, Erich Mühsam, Alfred Kerr, Stefan Heym, Jurek Becker und Ludwig Thoma, der als Ur-Bayer mit dem Berlinerischen eigentlich nichts am Gamshut gehabt haben dürfte.

Viele Gedichte sind nahezu sprichwörtliches Allgemeingut der Berliner geworden. Ein Beispiel dafür ist gleich der erste Text, „Rose (rothe)“ von Adolf Glasbrenner, der um 1830 schrieb:

Ich liebe Dir! ich liebe Dich!
Wie’s richtig is, ich weeß es nich,
Un’s is mich auch Pomade!


Das Gedicht endet mit den Zeilen:

Doch klopft mein Herz so schnelle!
Ich lieb’ nicht auf den dritten Fall,
Ich lieb’ nicht auf den vierten Fall;
Ich lieb’ auf alle Fälle.

Bemerkenswert ist, dass Glaßbrenner „ich“ statt „ick“ verwendet. Ebenso fällt auf, dass berlinernde Hauptstädter heute gar nicht mehr „mir“ und „mich“ verwechseln, sondern immer „mir“ sagen.

Neben solchen Wandlungen des Berlinerischen zeigt der Gedichtband unter anderem, wie sich die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse in der Sprache widerspiegelten. Georg Bötticher, Vater von Ringelnatz, parodierte etwa 1899 in „Unjlückstag“ den abgehackten Ton des preußischen Offiziersjargons:

Heute jeregnet janzen Tag!
Stube mich eckig jesessen – – –
Frühstück, Cijarrre schlecht, übel danach,
Mittags: janz scheussliches Essen!

Viele Gedichte handeln von Leuten aus dem Volk, von Dienstmädchen, Schusterjungen, Kutschern, Hökerinnen, Fischhändlern, Soldaten, Arbeitern und Budikern. Das Berlinische der „einfachen Leute“ ist seit Adolf Glaßbrenner, dem Erfinder der ersten Berliner „Originale“, ein gern gepflegtes humoristisches Element.

Doch wer in diesem Band allein nach Stoff für lustige Vorträge sucht, der ist „auf dem falschen Dampfer“, wie der Berliner sagt. Die Gedichte geben vor allem auch einen Eindruck davon, dass Berlin in den vergangenen zwei Jahrhunderten eine Stadt mit tiefsten historischen Umbrüchen war. Seine Bewohner erlebten nahezu alles: Kriege, Revolutionen, Republiken und Diktaturen, nationalistischen Höhenflug und Absturz, Teilung und Wiedervereinigung.

Oft wird die Rolle des Berliners dabei als vorlaut-widerständisch angesehen. In der Ankündigung von Christian Döring, dem Programmleiter für Die Andere Bibliothek, heißt es, das Berlinische sei „ein Sprachengemisch voller Witz, plebejischer Respektlosigkeit und kritisch gegenüber den wechselnden Herrschaften im Verlauf der Geschichte“.

Doch dies ist etwas zu einfach gedacht. Das zeigen die Gedichte recht deutlich. Man begegnet in ihnen zwar Respektlosigkeiten zur Genüge – von Glaßbrenners Versen gegen Untertanengeist und Polizeistaat bis zu Wolfgang Neuss’ Text „Dis muss nämlich die Satire!“ oder Jurek Beckers DDR-Couplet „Et jibt ...“. Aber das Berlinische ist kein Jargon der Respektlosigkeit oder der Kritik an Obrigkeiten schlechthin. Nein, jeschnoddert wurde auf allen Seiten. Ob bei Kaisertreuen, Sozialisten, Nazis oder Kommunisten.

Besonders drastisch zeigt sich der Gegensatz in den Berlinerischen Gedichten der Nazizeit.

Eene meene ming mang
Kam das dritte Reich,
Und der alte Singsang
Is een brauner Stinkstank,
Der macht aber jleich
Oogen Fleesch und Beene,
Meene so wie deene,
Unjeheuer weich.

Das schrieb der jüdische Liedtexter Robert Gilbert aus dem Exil. Derweil bedichtete im Lande ein gewisser P. Plemm die sozialen Wohltaten des Naziregimes:

Wat hab ick von de Welt jekannt?
So ’n paar Berliner Straßenecken.
Jetzt muß ich hechst erstaunt entdecken:
Et jibt ooch sonst noch allerhand.

So heißt es im Gedicht „KDF-Feriengrüße“.

Und viel später, das Nazi-Abenteuer war längst vorbei, beschrieb der Kabarettist und Schriftsteller Jo Schulz in seinem „Chanson vom Abstauben“, dass der Berliner eben kein von Natur aus solidarisch-herzliches Wesen ist, so wie ja andere Völkchen auch nicht:

Zuerst komme ick …
und denn … denn kommt meins!
Und sonst kenn ick nischt,
det is mein Einmaleins!

Ja auch das ist Berlin, neben vielem anderen. Das zeigt der wohl nicht nur umfangreichste, sondern auch ehrlichste Band mit berlinerischen Gedichten, der bisher erschienen ist.

Aber es geht auch einfach nur schön und sehnsuchtsvoll. Wie in „Ick“ von Gisela Steineckert:

Ick möcht mal mitn Finga inn Himmel pieken
Ob det wohl jeht?
Ick kann vonne Wiese nach oben kieken
Und sehn, wie ne Wolke zerjeht.
Denn is doch det Blaue janz nah –
Aba ick war noch nie da.

Thilo Bock, Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki (Hg.): Ick kieke, staune, wundre mir: Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute Die Andere Bibliothek, Berlin 2017. 468 S., 42 Euro.

Buchpremiere mit Katja Lange-Müller, Ahne, Thilo Bock und Ulrich Janetzki , 11. 4., 20 Uhr, Literarisches Colloquium, Am Sandwerder 5.