An einer Stelle im Buch schreibt Marcus Hellwig: „Im Iran verschwinden täglich Menschen, werden in Geheimknästen gefoltert, umgebracht. Das ist für mich keine Ahnung mehr, das ist Gewissheit. Ich habe die Schreie der Gefangenen gehört, habe die Schläge gespürt, die Ängste selbst gefühlt. Ich habe es durchlebt.“

Ein Jahr nach seiner Freilassung hat Hellwig ein Buch über seine Zeit in iranischer Haft veröffentlicht. 132 Tage saßen der Redakteur der Springer-Zeitung Bild am Sonntag und der Fotograf Jens Koch im Gefängnis. Festgenommen wurden sie im Oktober 2010. Sie waren in den Iran geflogen, um die Geschichte der zum Tod durch Steinigung verurteilten Sakineh Ashtiani zu recherchieren. Bereits kurz nach ihrer Ankunft wurden die beiden als Touristen eingereisten Journalisten festgenommen, mitten im Interview mit dem Sohn der Verurteilten. Zufälle, Pech und Überrumpelungsaktionen macht der Autor dafür verantwortlich, dass ein anderer als der vorgesehene Ort zum Gespräch gewählt und die in Köln lebende Exil-Iranerin Mina Ahadi zur Übersetzung via Handy herangezogen worden war.

T-Shirt um die Augen

Im Mittelpunkt stehen Hellwigs Schilderungen aus dem iranischen Gefängnis. Willkür, Ängste, unerfüllte Hoffnungen und Ungewissheit erlebte er in dieser fensterlosen Zelle, rund um die Uhr angestrahlt von grellweißem Licht, „gefühlt mindestens 150 Watt“. Dem versuchte er zu entgehen, indem er sich zum Schlafen das T-Shirt um die Augen wickelte. Dazwischen stundenlange Verhöre, mit immer derselben Frage: „Warum sind Sie in den Iran gekommen?“, und stundenlanges Stehen mit dem Gesicht zur Wand. Wann immer er die Zelle verlassen durfte, trug er eine Augenbinde. Manchmal, schreibt er, wurden ihm Fallen gestellt, um ihn zum Reden zu bringen. Nach einem dieser inszenierten Vorfälle schreibt er über seine Rückkehr in die Zelle: „Es ist, als würde ich nach Hause kommen. Hier scheint es sicherer zu sein als draußen in der iranischen Nacht.“

Hellwig erzählt auch, wie er lernte, die Zeit zu ertragen. Sein Leitspruch: Mach dir keine Gedanken über Dinge, die du nicht beeinflussen kannst. Er versuchte, „Geist und Körper fit zu halten“. 651 Kilometer lief er während seiner Haft in der Zelle, indem er immer wieder den darin liegenden Teppich umrundete. Jede Runde 20 Meter, mal fünf Runden, machte 100 Meter, danach lief er in umgekehrter Richtung. Außerdem Liegestützen und Sit-ups. Später gelingt es dem Vater einer kleinen Tochter sogar, Freude zu erleben. Über das erste Buch, das ihm seine Familie schickt, schreibt er: „Ich will sorgsam mit diesem Juwel umgehen und nicht mehr als 20 Seiten täglich lesen“. Ein weiteres Buch, „Persisch für Anfänger“, bezeichnet er als „zerebralen Goldschatz“. Er schreibt: „Endlich kann ich mich mit etwas anderem beschäftigen als zum x-ten Mal die Zellenwände zu inspizieren, im Kreis zu laufen oder von meinem Lager aus ins Nichts zu starren.“

Vormittags lernt er zwei Stunden, nach dem hava khori, der einzigen Möglichkeit, frische Luft zu schnappen, lernt er nachmittags zwei weitere Stunden. Nach und nach baut er zu seinem Mitgefangenen eine enge Beziehung auf. Reza fragt ihn Vokabeln ab, übersetzt ihm die Nachrichten aus dem Radio, das ihre Peiniger laufen lassen. Denen hat Hellwig Spitznamen gegeben: Frettchen, Never Mind, Klein-Adolf.

Einmal übersetzt Reza eine Radionachricht, in der es heißt, der Generalstaatsanwalt habe entschieden, dass die beiden in Täbris verhafteten deutschen Journalisten keine Spione sind. „Du sollst abgeschoben werden“, sagt er Hellwig. Und dann sagt er ihm noch: „Wenn du frei bist, musst du erzählen, was hier passiert.“ Er deutet einen Schlag ins Gesicht an. Doch es wird noch dauern, bis das endgültige Urteil steht, bis er und der Fotograf gegen eine Geldstrafe, die der Springer-Verlag zahlt, freigelassen und in Begleitung von Außenminister Guido Westerwelle nach Berlin zurückgeflogen werden.

Auch 2011 belegte der Iran einen der hintersten Plätze auf der Rangliste der Pressefreiheit, die die Organisation Reporter ohne Grenzen jährlich veröffentlicht. 25 der aktuell 153 inhaftierten Journalisten gehen auf das Konto des Iran. Doch eindrücklicher als solche Zahlen ist, zu erfahren, was so eine Gefangenschaft bedeutet. Diese Erwartung löst das Buch ein.

Völliger Quatsch

Während damals – auch in dieser Zeitung – Fragen nach der Eignung, Vorbereitung und Weitsicht der beiden Journalisten gestellt wurden, plagten Hellwig offensichtlich keine Zweifel. Nur einmal schreibt er, wie ihn seine jüngere Schwester Miriam, die er während seiner Gefangenschaft an einem Tag kurz nach Weihnachten in einem „Fünfsternepalast“ treffen durfte, fragte, ob es stimme, dass er angeblich erst ein Journalisten- und danach ein Touristenvisum beantragt hat. Seine Antwort: „Völliger Quatsch: Glaubst du etwa, ich hätte eine Akkreditierung für einen Bericht zum Thema Menschenrechte im Iran bekommen?“

Hellwig arbeitet längst wieder als Redakteur bei Bild am Sonntag. Und beim Springer-Verlag haben sie inzwischen Regeln für den Einsatz in Krisengebieten erlassen.