Angela Merkel muss sich derzeit viel gefallen lassen. Unter anderem den Vorwurf, eine „Volksverräterin“ zu sein. Wie aber geht das eigentlich: ein Volk zu verraten? Carolin Emcke, die am Sonntag in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, macht in ihrem Essay „Gegen den Hass“ zunächst einmal klar, dass mit dieser Attacke ein ziemlich schräges Bündnis geschlossen wird.

Der völkische Affekt zugunsten eines irgendwie „christlichen Abendlandes“ kommt nämlich ausgerechnet jener Ideologie von Homogenität, Reinheit und Natürlichkeit nahe, die islamistische Extremisten und Fundamentalisten in verschiedenen Varianten predigen. Vor allem aber weist Emcke auf ein großes Missverständnis hin: Dieses homogene „Volk“, das wie ein geschlossener sozialer Körper durch die Geschichte schreitet, gab es nie. „Das Volk“ hat daher auch keine Meinung; es fühlt nichts; und es kann nicht verraten werden.

„Es wird offen und hemmungslos gehasst.“

Mit völkischem Denken muss man sich wieder ernsthaft befassen. Zu groß sind die Wahlerfolge der niederländischen Freiheitspartei, des französischen Front National, der österreichischen FPÖ, des ungarischen Fidesz, der Schwedendemokraten, der Wahren Finnen, der Schweizerischen oder der Dänischen Volkspartei, der polnischen PiS-Partei und hierzulande der AfD. Die Kategorie „Volksverräterin“ ist mittlerweile eine Beleidigung, gegen die es zu argumentieren gilt.

Welche politische Ansicht aber verbirgt sich hinter Beschimpfungen wie „Schlampe“, „elende Fotze“, „Mistvieh“, „dumme Hure“ oder „Nutte“, als die Angela Merkel kürzlich in aller Öffentlichkeit angegriffen wurde? Personen, die verbal so entgleisen, sind nicht einfach anderer Meinung oder enttäuscht oder wütend. Sie hassen. Und genau um dieses Phänomen geht es Carolin Emcke. Ihre Diagnose lautet: „Es hat sich etwas verändert in der Bundesrepublik. Es wird offen und hemmungslos gehasst.“

Hass hat eine Geschichte

Hass, so Emckes Ausgangsüberlegung, resultiert aus einer zweifellosen Gewissheit. Er wendet sich „ungenau“ gegen sein Objekt, weil jede Blickschärfung zu einer Differenzierung führte, die das Ziel der Attacke verdampfen ließe. Wer hasst, schafft sich ein Gegenüber, das die eigene Integrität bedroht und das daher abgelehnt, verachtet und misshandelt werden darf. Dieser Affekt kommt jedoch nicht spontan. Er regt sich nicht gleichsam natürlich, weil in der Welt etwas schiefläuft. Und er hat daher auch keinen sachlichen Kern, wie Politiker mit herablassender Jovialität inzwischen meinen.

Hass hat eine Geschichte; er profitiert von Strukturen, in denen Hemmschwellen abgebaut werden; er zehrt von einer Sprache, die permanent zwischen „denen“ und „uns“ unterscheidet. Diese Ermöglichungsbedingungen von Hass muss die Kritik entlarven.

Wie können sie so hassen?

Von außen gesehen wirkt der Hassende schnell unfassbar schäbig. Sein Gesicht verzerrt sich zur Fratze. Die Sätze verstümmeln zu Parolen und ausgespeiten Worten. Im Hass lässt sich ein Mensch gehen. Sein ganzes Verhalten wirkt roh und vulgär. Er missachtet jede soziale Konvention, die auf prinzipiellem Respekt und auf Achtung beruht und ohne die jede Supermarktkasse oder jede U-Bahn-Tür im Feierabendverkehr zum Kriegsschauplatz werden würde.

Wer so allergisch auf den Hass reagiert, für den schließt sich der Hassende aus der Gemeinschaft zivilisierter Bürger aus. Genau in dieser Abstoßung liegt freilich das tiefere Problem, weil sie sich in das Spiel von „denen“ und „uns“ verstrickt, nur eben unter umgekehrtem Vorzeichen. Einer der interessantesten Sätze findet sich daher gleich am Anfang von Emckes Essay: „Manchmal frage ich mich, ob ich sie beneiden sollte. Manchmal frage ich mich, wie sie das können: so zu hassen. Wie sie so sicher sein können.“

Die „affektiven Vorzüge“ der Verletzlichkeit

Es wird nicht recht klar, ob Emcke diese Frage nur rhetorisch meint. Sie scheint sich in ihrem finalen „Lob des Unreinen“, das man vom ersten bis zum letzten Wort unterschreiben möchte, durchaus sicher. Aber lässt sich damit die eigentümliche Verführungskraft verstehen, die vom Hass ausgeht? Jener Genuss, für einen Augenblick nicht mehr zweifeln zu müssen? Die Lust daran, die Komplexität der Welt schlicht zu ignorieren? Sich nicht mehr im „sowohl als auch“ zu bewegen, sondern sich dem „entweder oder“ hinzugeben? Jene Zumutung einfach abzuweisen, dass wir als mündige Subjekte, die wir sein sollen, uns zugleich immer schon in unüberschaubare Verhältnisse verwickelt sehen müssen? Emckes „Plädoyer für das Unreine“, und darin liegt eine wichtige Pointe, „adressiert die affektiven Bedürfnisse von Menschen als verletzbare und auch verunsicherbare Menschen“.

Wie aber macht man die „affektiven Vorzüge“ der Verletzlichkeit fühlbar? Das ist eine Kernfrage der Aufklärung. Die Politik findet derzeit keine gute Antwort darauf. Das macht „Gegen den Hass“ zu einem eminent wichtigen Buch.