Vor zwei Jahren erst war Matthias Brandt als Hauptkommissar Hanns von Meuffels aus dem „Polizeiruf 110“ in München ausgestiegen. Nun kehrt er als Hamburger LKA-Mann in einer ARD-Serie zurück. Seine Figur des Thomas Bethge hat ein reales Vorbild: den früheren Hamburger LKA-Chef Wolfgang Sielaff. In einem „True Crime“-Krimi hätte man Matthias Brandt nicht unbedingt erwartet. Inzwischen aber gilt: Wenn er mitspielt, wird Besonderes erzählt!

„Das Geheimnis des Totenwalds“ hält sich eng an ein Geschehen, das nun schon seit fast dreißig Jahren die Medien in Norddeutschland beschäftigt – die Morde in der Göhrde. Zwar wurden alle Personennamen geändert und aus Lüneburg wurde das fiktive „Weesenburg“, doch wesentliche Abläufe sind der Realität nachgezeichnet. In einem Waldgebiet waren im Sommer 1989 zwei erschossene Paare gefunden wurden, zur selben Zeit verschwand eine Frau – zufällig die Schwester des Hamburger LKA-Chefs. Die örtlichen Beamten verdächtigten den Ex-Mann der Verschwundenen, fanden aber weder Beweise noch überführten sie den Mörder der getöteten Paare. Nachdem ein verdächtiger, wegen Gewaltverbrechen vorbestrafter Friedhofsgärtner sich 1993 in der Haft erhängte, ruhten die Ermittlungen ganz. Nur Wolfgang Sielaff, der Bruder der Verschwundenen, recherchierte nach seiner Pensionierung viele Jahre lang weiter, gründete eine private Soko und ließ sich zuletzt von einem TV-Team begleiten. Vor laufender Kamera wurden die Leichenteile der Schwester entdeckt.

Die ARD kündigt den Dreiteiler als „Event“ an, doch der von Stefan Kolditz geschriebene und von Regisseur Sven Bohse inszenierte Film ist kein knalliges Spektakel, stellt weder den Täter noch die Taten ins Zentrum. Erzählt wird dafür in ruhigen, oft bedrückenden Szenen der Zerfall einer Familie, die jahrzehntelang keine Ruhe mehr fand. Ob Nicholas Ofczarek als verdächtigter Ex-Mann, dessen neue Beziehung immer belastet blieb, ob Hildegard Schmahl als Mutter, die zweimal versuchte, sich umzubringen, oder Janina Fautz als Tochter, die völlig aus der Bahn geworfen wurde – sie alle zeigen eindringlich, wie selbst starke Figuren zum Opfer wurden. In besonderen Widersprüchen steckt die Figur des Bruders. Matthias Brandt spielt gewohnt nuanciert einen Mann, der erfolgreich als Hamburger LKA-Chef ist, ebenso ohnmächtig aber als Angehöriger. Er versucht, loyal zum föderalen Rechtsstaat zu bleiben, muss aber mit Kollegen im Nachbarland Niedersachsen kooperieren, die seine Recherchen regelrecht boykottieren. Der Konflikt zerreißt den besonnenen Mann beinahe. Der Vergleich mit dem realen Ex-LKA-Chef in der Doku zeigt, dass Brandt seinen Helden deutlich schwermütiger, bedächtiger, zweifelnder anlegt – das Ausmaß des familiären Dramas tritt im Film deutlicher zutage als in der Doku. Silke Bodenbender schließlich hinterlässt in den wenigen Szenen als Schwester einen so nachhaltigen Eindruck, dass die Vermisste dem Zuschauer bis zum Schluss vor Augen bleibt.

Der Dreiteiler erzählt weitgehend chronologisch: Der erste Teil spielt zur Tatzeit im Sommer 1989, der zweite Teil zeigt, wie ein zunächst ignorierter Verdächtiger immer mehr in die Enge getrieben wird, im dritten Teil nimmt sich Bethge nach seiner Pensionierung noch mal alle Akten vor. Wichtige Beweisstücke waren schon vernichtet worden. Erst nach 15 Jahren findet sich zufällig eine Handschelle mit einem Blutstropfen – dank neuer Methoden konnte er seiner Schwester zugeordnet werden. Erstaunlich ist, dass „Das Geheimnis vom Totenwald“ seine hohe Spannung und Dramatik hält, obwohl über die Auflösung schon so oft berichtet wurde – wer sie nicht kennt, findet sie schnell bei Wikipedia.

Immer wieder bleibt es unfassbar, wie lokale Ignoranz, Bräsigkeit und Männer-Hierarchien die Auflösung des Falls behinderten und Ermittler sich hinter dem Prinzip „Gegen Tote wird nicht weiter ermittelt“ verschanzten. Nicht zufällig ist die einzige Vor-Ort-Ermittlerin, die aus der Routine ausbricht, eine junge ehrgeizige Polizistin – Karoline Schuch gibt der fiktiven Figur viel Energie. Doch während der Film das Polizeiversagen deutlich als Skandal ausstellt, finden die Nachfolger in der Doku mildere Worten. Er wolle keine Fleißkärtchen verteilen, meint der neue Polizeichef. Dabei sind noch längst nicht alle Verbrechen des Täters aufgeklärt: Bis heute zeigt die Polizei im Netz Hunderte Asservate aus seinem Haus, die jahrzehntelang ignoriert wurden – in der vagen Hoffnung, neue Zeugen zu finden.

Das Geheimnis des Totenwalds; ab Mi, 25.11., als sechsteilige Serie in der ARD Mediathek, als Dreiteiler am 2., 5. und 9.12. um 20.15 in der ARD. Die Dokumentation „Eiskalte Spur – Die Göhrde-Morde und die verschwundene Frau“, drei Teile ab 25.11. in der ARD Mediathek. Eine Kurzfassung ist am 9.12. um 21.45 Uhr in der ARD zu sehen.