Es ist Jenny Erpenbeck nicht recht, dass ihr Roman „Gehen, ging, gegangen“ derart von der Wirklichkeit eingefangen wurde. Er ist für die Welt vielleicht einen Tick zu leise. Er handelt von den Flüchtlingen, die erst auf dem Alexanderplatz hungerstreikten, dann auf dem Oranienplatz campierten, schließlich eine Schule besetzten und dann doch abgeschoben wurden. Diese Flüchtlinge waren sozusagen die Avantgarde derjenigen, die jetzt zu Tausenden in Deutschland ankommen. Das behandelte Problem, groß genug war es schon, hat sich also nicht erledigt, sondern im Gegenteil: Es wächst weiter an.

Vom Sockel

Es ist vor allem für die Hauptfigur unpassend, so am Puls der Zeit zu handeln, denn eigentlich ist Richard sehr spät dran. Der kinderlose, verwitwete, von der Geliebten verlassene, frisch emeritierte Professor der Philologie muss erst einmal aus dem Berufsalltag und vom Sockel seiner Bedeutung gestoßen werden, damit er überhaupt auf die Welt außerhalb der seinen, von der nach all den Abschieden nicht viel übrig bleibt, aufmerksam werden kann. Und auch dann dauert es noch eine Weile, ja, er geht direkt an den Menschen am Alex vorbei, die ihre Transparente hochhalten: „Become visible!“ („Sichtbar werden!“) steht da drauf.

Der Philologe bemerkt sie nicht, sieht sie erst abends in den Fernsehnachrichten. Hier klickt es, spät, wie gesagt, aber früher als bei vielen von uns, deren seelische Ausblende-, Verdrängungs- und Abgrenzungsvorrichtungen haltbarer sind. Uns? Kann man bei den Ich-Schützern überhaupt von Wir sprechen? Die eigene Welt mit der da draußen (da drinnen im Fernseher) in Zusammenhang zu bringen, ist eine riskante, aber nötige Mühe. Denn die Zeit nagt auch an denen, die von der Wirklichkeit verschont blieben.

„Hab mein Wage vollgelade, voll mit Afrikanern“

Von wegen verschont! Das Buch erzählt im Kleinen eine positive, realistisch-utopische Geschichte, eine, wie sie jetzt im Großen aus vielen Berichten tönt: Die Deutschen schalten um auf Willkommenskultur, aus Flüchtlingen werden Individuen, die Begegnungen finden auf Augenhöhe statt, die Bereicherung ist gegenseitig. Erpenbeck findet für Richard ein philosophisches Motiv, das seine wissenschaftliche und auch ratsuchende Neugier weckt: Er, der aus der Zeit fällt, sucht Hilfe bei denen, die schon außerhalb der Zeit sind.

Er bewaffnet sich wie ein Feldforscher mit Fragebogen und Diktiergerät und begibt sich in die besetzte Schule, gerät in den Strudel der Ereignisse, hört die entsetzlichen Geschichten der Flüchtlinge, lernt aber auch ihre Wünsche kennen, die auf verdächtige Weise bildungsbürgerlich sind: Der eine will gern einmal Klavier spielen, der andere Dante im Original lesen. Der Gipfel der fiktional anberaumten Völkerverständigungsharmonie ist erreicht, wenn Richard ? inzwischen vielseitig einsetzbar als Deutschlehrer, Behördenbegleiter und Chauffeur ? in seinem mit fröhlichen Flüchtlingen vollbesetzten Auto unterwegs ist und singt: „Hab mein Wage vollgelade, voll mit Afrikanern.“

Richard freut sich, dass das Versmaß passt und dass das Auto neben ihnen bei Grün nicht losfährt, weil der Fahrer nicht aus dem Staunen herauskommt. Was für ein geradezu lachhafter Triumph des guten Willens angesichts der überstandenen Leiden, angesichts der gesetzlich zementierten Aussichtslosigkeit. Das Schicksal erlaubt sich im Zuschlagen eine Pause. Auch wenn Jenny Erpenbeck die Handlung mitten im glücklich gefügten Provisorium enden lässt, die nächsten Hiebe kommen bestimmt. Und der Zweifel, ob sie auszuhalten sein werden, ist mitgeliefert.

Die Tür bleibt offen

Jenny Erpenbeck hat keine Reportage geschrieben, sondern ein sittliches Gleichnis konstruiert, literarisch auf die Realität zugegriffen. Die Moral könnte sein: Tu nicht so moralisch, sondern interessiere dich auch für dich, wenn du auf andere zugehst. Motive von Versinken, Graben, Oberfläche, von Sprachforschung, Schweigen und Verstehen ziehen sich reflektierend durch den Text. Vielleicht ist er diesmal nicht so auffällig ausbaldowert wie in früheren Werken, die der Welt, wie sie ist, mit fiktionaler, zuweilen trotzig poetischer Kraft entgegentreten. Erpenbeck ist bei aller sprachlichen Ambitioniertheit auch eine süchtige Rechercheurin.

Es sind die Details, die eingestreuten Realitätspartikel, die ihre Bücher zu Wahrheitstransportern machen. Bereits für ihr Debüt „Das alte Kind“ hat sie sich als 27-Jährige in eine elfte Klasse einschulen lassen und sich gar ein bisschen in einen 16-Jährigen verliebt.

Dieser Monat muss damals sehr bereichernd, aber auch sehr anstrengend gewesen sein, wie sie in einem Artikel erzählte: „Was für ein Genuss, nach vier erschöpfenden Wochen Schule sagen zu können: Es reicht! Als ginge für mich ein Traum in Erfüllung, den Generationen von Schülern geträumt haben: die Tür des Klassenzimmers hinter sich zuschlagen und Eis essen gehen! Ein schlechtes Gewissen habe ich nur meinen Klassenkameraden gegenüber, für die Ernst ist, was für mich Spiel war.“

Diesmal sind Spiel und Ernst nicht wieder zu trennen. Die Tür bleibt offen, auch wenn das Buch zugeklappt ist. In der Danksagung sind die Gesprächspartner von Erpenbeck aufgelistet, sie muss ähnlich wie Richard mit ihnen in bereichernden Kontakt gekommen sein. Bei der Vorpremiere am vergangenen Sonntag gab es Tuareg-Gesang und afrikanisches Essen.