Fast fünf Jahre lang war Maxim Vengerov nicht mehr als Geiger auf den internationalen Konzertpodien zu erleben. 1972 in Nowosibirk geboren, kam er Anfang der Neunzigerjahre zum Studium nach Deutschland und lebt hier seither. In der von einer Schulterverletzung erzwungenen Pause orientierte er sich über die Jahre mit einigem Erfolg zum Dirigieren hin.

Inzwischen kehrte er auch mit der Violine in die Öffentlichkeit zurück. Im Konzert mit dem Polish Chamber Orchestra übernimmt er am Sonntag in der Philharmonie gleich beide Rollen, die des Solisten und des Dirigenten.

Das Programm enthält lauter Publikumsschmeichler, das vierte und das fünfte Mozart-Konzert im Doppelpack und eine Reihe Solostücke von Tschaikowsky, und trotzdem ist der Saal, gemessen am außerordentlichen Rang dieses Geigers, erschreckend schwach gefüllt. Oder deswegen? Die unaufregende Programmfolge vermittelt ja nicht gerade die Erwartung, möglicherweise etwas zu verpassen. Und die reine Begleitfunktion, in der Vengerov sein Orchester mitbringt wie einen Pianisten, löst auch nicht gerade Neugier aus.

Integrierte souveräne Virtuosität

Tatsächlich plätschert auch die zweite Konzerthälfte mit den sich aufreihenden Zugabenstückchen von Tschaikowsky klangschön vor sich hin, auch wenn Vengerov von der „Sérénade melancholique“ bis zu „Valse und Scherzo“ alles so seriös nimmt, wie nur möglich, nichts mit Pathos künstlich aufbläht und sogar den zwischendurch aufbrandenden Beifall freundlich, aber entschieden abwinkt. Äußerst selten erlebt man eine solche, vollständig ins Musikalische integrierte souveräne Virtuosität – nur dass das Musikalische hier wirklich nicht allzu viel hergibt.

Bei Mozart dagegen schon. Das Polish Chamber Orchestra entwickelte von Beginn an beim D-Dur-Konzert einen warmen, weichen, aber trotzdem deutlich konturierten Klang mit subtilen Phrasierungen, der wie der natürliche Nährboden für Vengerovs genauso gefärbtes Geigenspiel wirkt. Sein Ton kann machtvoll aufblühen und bleibt substanzreich bis ins Piano hinein, bis zu den Begleitfiguren, in denen er sich völlig zurücknimmt.

Vengerov gelingt in den Außensätzen mit ihrer Gestaltenfülle ein Mozart wie aus einem Guss, der trotzdem in jedem Detail präsent und nuanciert ist. Die Tempi wirken nie forciert, die pointierten Brüche der Schlusssätze kommen ohne jede Koketterie aus, erscheinen als natürlicher Ausdruck überquellender Innerlichkeit, ähnlich wie der überraschende erste Einstieg der Solovioline im A-Dur-Konzert, den Vengerov aus einer souverän ruhigen Drehung von der Dirigenten- in die Geigerposition heraus gestaltete, voll konzentrierter, uneitler Schönheit, wie der nie abreißende Faden süßen Gesangs, den er in den langsamen Sätzen spann.