Geil und ungeil: Die Welt nach Liechtenstein

Mit großer Freude haben wir zur Kenntnis genommen, dass wenige Wochen nach dem letzten nun schon wieder ein neues Album des mit dem Reklamelied „Supergeil“ weit über die Grenzen der Berlin-Mitte-Bevölkerung bekannt gewordenen Sängers, Bart- und Sonnenbrillenträgers Friedrich Liechtenstein erschienen ist; es trägt den Titel „Bad Gastein“ und wird am Sonnabend in Bad Gastein im Grand Hotel Europe uraufgeführt. Das ist toll! Und eine schöne Gelegenheit, sich noch einmal bei Friedrich Liechtenstein für seine Musik und seine ebenso schöne, in ihrer postironischen Ambivalenz immer wieder zum Nachdenken anregende Erscheinung zu bedanken.

Für die aktuelle deutsche Popmusik ist er fraglos eine prägende Figur geworden, nicht zuletzt weil die von ihm und den dafür zuständigen Marketing-Experten in „Supergeil“ erfolgreich vorgenommene Aufwertung einer als ungeil geltenden Supermarktkette (Edeka) mit den Attributen aktuellen Hipstertums dazu geführt hat, dass alle anderen als ungeil geltenden Supermarktketten und Lebensmittelmarken sich an Vergleichbarem versuchen. „Food inspires music“ hieß etwa eine direkt nach dem Erfolg von „Supergeil“ lancierte Kampagne der Supermarktkette Rewe, bei der die Hamburger Band ka-dance drei Rewe-Produkte vertonte, und zwar das Bourbon-Vanilleeis „Pures Vergnügen“, die Grill-Sauce „Mango Feuer“ sowie „Hawaiis Lavasalz“. Danach konnte das Publikum über den besten Song abstimmen: Es entschied sich für das Lavasalzlied.

Noch offen ist hingegen der Ausgang des „Trollinger Song Contest“. Hier hat die „T2.0 – junge Initiative der Württemberger Weingärtnergenossenschaften“ zur Komposition von „Lobeshymnen auf den vielleicht besten Wein der Welt“ aufgerufen; die Gewinner werden am 31. Juli bekannt gegeben. Warum Wein „wie Musik“ ist, erläutert der zur Jury gehörige „Wein-Experte“ Rudolf Knoll auf der Webseite von „T2.0“: „Riesling lässt zum Beispiel an Mozart denken, Lemberger an Harry Belafonte, eine Cabernet-Cuvée an Heavy Metal und jugendlicher Trollinger (bekanntlich sexy) an Andrea Berg!“

Abgesehen von der Frage, ob man beim Herunterschlucken von Rotwein an Andrea Berg denken möchte, sind diese beiden Kampagnen doch insofern von Interesse, als man ihren Effekt als negative Liechtensteinisierung bezeichnen könnte. Die musikalische Interpretation ungeiler Marken führt hier weder zur hipsterisierenden Aufwertung der Marken noch zu steigender Popularität der beteiligten Musiker, sondern im Gegenteil dazu, dass alle Beteiligten nun gemeinsam wie die letzten Deppen dastehen: super-ungeil.