Moderierendes Traumpaar bei ProSieben: Conchita Wurst.
Foto: ProSieben/Markus Morianz

BerlinEin Showdown bahnt sich an: Wer gewinnt Sonnabend im direkten Wettbewerb um die Zuschauer, die Öffentlich-Rechtlichen von der ARD oder die Privaten von ProSieben? Beide Sender wollen einen Ersatz anbieten für den Eurovision Song Contest (ESC), der in diesem Jahr ausfallen muss wegen der Corona-Pandemie.

Nur einen Tag nach dem 18. März, als die Europäische Rundfunk Union (EBU) sich gezwungen sah, das Festival abzusagen, trafen sich zwei deutsche Experten für dieses Showformat, um der EBU eine Alternative vorzuschlagen, Thomas Schreiber, Unterhaltungskoordinator der ARD, und Stefan Raab, einstiges Zugpferd von ProSieben. Schreiber zeichnete in den vergangenen Jahren verantwortlich für viele letzte Plätze, wohingegen Raabs ESC-Bilanz deutlich besser ausfällt. Er schickte Guildo Horn (1998) und Max Mutzke (2004) erfolgreich ins Rennen, er ging 2000 selbst an den Start und führte 2010 schließlich Lena Meyer-Landrut zum triumphalen Sieg.

Zwei große Namen im deutschen Schlager- und Unterhaltungsgeschäft also. Aber sie hatten kein Glück bei der EBU, dem für alle ESC-Angelegenheiten zuständigen Zusammenschluss von derzeit 73 Rundfunkanstalten: Die Zentrale in Genf lehnte das Konzept der beiden ab und entschied, das Ersatzprogramm stattdessen nach Holland zu vergeben, das in diesem Jahr auch für das Original verantwortlich gewesen wäre.

ESC-Ersatzprogramm in ARD und ProSieben

Aus Hamburg: Durch den „Eurovision Song Contest 2020 – das deutsche Finale live aus der Elbphilharmonie“ führt Barbara Schöneberger. Los geht’s in der ARD am Sonnabend, den 16. Mai um 20.15 Uhr. ESC-Stammsprecher Peter Urban und Sänger Michael Schulte sind als Kommentatoren im Einsatz. Ab 21.55 Uhr zeigt die ARD die offizielle Alternativ-Show zum ESC: „Europe Shine A Light“. Edsilia Rombley, Chantal Janzen und Jan Smit moderieren das Event aus dem niederländischen Hilversum.

Aus Köln: Der vom TV-Entertainer Stefan Raab erdachte „Free European Song Contest“ soll nicht weniger als ein vollkommen neuer europäischer Songwettbewerb sein – über 2020 hinaus. Wie auch immer, die Veranstaltung wird am Sonnabend zeitgleich wie bei der ARD ab 20.15 Uhr auf ProSieben live aus Köln übertragen. Als Moderatorin wird die österreichische Sängerin und ESC-Gewinnerin von 2014 Conchita Wurst in Erscheinung treten, gemeinsam mit Steven Gätjen.

Dennoch ließen sich weder Schreiber noch Raab in ihrem ESC-Ehrgeiz aufhalten und planten weiter, diesmal getrennt. Über das Ergebnis kann das TV-Publikum jetzt entscheiden. Raab greift ganz in die Vollen und erfindet was Neues, „Free European Song Contest“ nennt er seine Show, mit Kandidaten aus 15 Ländern. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Programm als reine Mogelpackung.

Denn fast alle der auftretenden Künstler sind in Deutschland geboren und haben nur mehr oder minder innige Bezüge zu den Nationen, die sie vertreten sollen. So hat die Mutter der Italien repräsentierenden Sängerin Sarah Lombardi italienische Wurzeln, die Eltern von Teenie-Star Mike Singer waren einst aus Kasachstan nach Baden-Württemberg umgesiedelt, und der Vertreter Spaniens, Nico Santos, ging als Kind auf Mallorca zur Schule.

Die Kölnerin Sarah Lombardi vertritt bei ProSieben das Land Italien.
Foto: Imago Images/Ralf Müller

Lediglich die österreichische Moderatorin des Abends, die Siegerin von 2014 Conchita Wurst, hat ihren Ruhm dem ESC zu verdanken – repräsentiert also ein Land und Europa zugleich. Produzent Raab setzt, trotz mangelnder europäischer Präsenz, ganz auf Europa: „Der FreeESC besinnt sich auf die eigentliche Idee eines europäischen Songwettbewerbs, nämlich auf den Wettkampf europäisch regionaler Kreativität.“

Einen nationalen Bezug stellt hingegen Schreiber in den Vordergrund. „Das deutsche Finale live aus der Elbphilharmonie“, so der Titel seines Angebots, bei dem „der Sieger der Herzen“ gekürt werden soll. Zur Auswahl stehen zehn der insgesamt 41 Bewerber, die in diesem Jahr ursprünglich in Rotterdam antreten wollten. Diese zehn wurden bereits eine Woche zuvor in einem sogenannten Halbfinale auf ARD One ausgewählt. Die Show erwies sich als komplettes Desaster, mit Bildaussetzern und Tonproblemen. Dazu kamen dann noch – wohl um das junge Publikum für das traditionsreiche Showformat zu gewinnen – aus dem YouTube-Universum drei Moderatoren mit allemal zweifelhafter Sachkompetenz.

Ben Dolic sollte für Deutschland beim ESC 2020 in Rotterdam antreten.
Foto: dpa/Christian Charisius

Von diesen zehn sollen jetzt drei Acts live in Hamburg dabei sein, trotz der coronabedingten Einreiseprobleme kommen Künstler aus Dänemark, Litauen und Island. Der Vertreter Islands, Daði Freyr, hat die einfachste Anreise, er lebt seit einigen Jahren in Berlin. Freyr wird seit Wochen schon in allen Internet-Fanforen als haushoher Favorit gehandelt. Auf Anfrage der Berliner Zeitung schildert Schreiber die Probleme, die Sänger nach Hamburg zu holen: „Dazu gehörte ein intensiver Austausch mit den zuständigen Behörden im In- und Ausland, um den Künstlern nicht nur die Einreise nach Deutschland, sondern auch die Wiedereinreise in ihre Heimatländer zu ermöglichen.“ Trotz allem – ein fairer Wettbewerb wird in der Elbphilharmonie nicht zustande kommen, da treten drei Live-Auftritte gegen sieben Videoeinspieler an.

Mit seinem „freien“ ESC beschränkt sich Stefan Raab auf ein publikumsfreies Kölner Studio, um den gegenwärtigen Corona-Abstandsregeln gerecht zu werden. Die ARD klotzt dagegen mit dem neuen Wahrzeichen Hamburgs, der Elbphilharmonie, ohne den Hinweis, dass natürlich dieses Konzerthaus mit mehr als 2000 Sitzplätzen ebenfalls leer bleiben wird. „Die Sendung am Samstag wird wie alle anderen TV-Shows der letzten Wochen ohne Publikum stattfinden“, teilt ein Sprecher der Elbphilharmonie dazu mit. Analog zu den Geisterspielen in der Bundesliga kommt es also zu einem Geistersingen auf beiden Kanälen.

Hanseatisch eingestimmt: Barbara Schöneberger moderiert die ARD-Sause.
Foto:  NDR/Morris Mac Matzen

Wer mit diesen Shows noch nicht genug Trauerarbeit für den entgangenen Musikwettbewerb geleistet hat, kann sich zu später Stunde in der ARD noch die offizielle EBU-Ersatzshow „Europe Shine A Light“ anschauen, übertragen aus dem holländischen Hilversum. Auch dies ist eine Livesendung, die in insgesamt 46 Ländern ausgestrahlt wird. Lediglich Deutschland schert aus und sendet zeitversetzt eine Stunde später.

Doch auch die Macher in Hilversum müssen mit wenigen Live-Gästen auskommen, wollen aber alle ursprünglich für den diesjährigen ESC-Jahrgang Gemeldeten zusammenbringen, mit Videos und in Schalten. Der Produzent des Abends, Sietse Bakker, will „einen unvergesslichen Augenblick in der Eurovisions-Geschichte erschaffen.“ Und fährt fort: „Natürlich werden wir auch diejenigen ehren, die von der Corona-Krise betroffen sind, genauso wie diejenigen, die hart dafür arbeiten, die Krise zu bewältigen.“ Das klingt beinahe so, als wäre der ESC oder sein Ersatz jetzt auch noch systemrelevant.