Das deutsche Filmerbe ist unmittelbar in Gefahr, verloren zu gehen, wenn es nicht gesichert und digitalisiert wird. Die Institutionen, die dieses Erbe bewahren, darunter die Deutsche Kinemathek Berlin und die Defa-Stiftung, sind unterfinanziert. Erst kürzlich hat die Filmförderungsanstalt (FFA) bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) eine Studie in Auftrag gegeben, der zufolge allein für die Digitalisierung des deutschen Filmerbes mindestens zehn Millionen Euro jährlich bereit stehen sollten – und das wiederum mindestens zehn Jahre lang. Auf Länderebene ergreift nun Berlin die Initiative und will Mittel zur Verfügung stellen. Wir befragten Björn Böhning, den Chef der Berliner Senatskanzlei.

Herr Böhning, überall wird gespart. Das Land Berlin will indes den Etat für das Medienboard Berlin-Brandenburg im Doppelhaushalt 2016/2017 um insgesamt drei Millionen Euro erhöhen, jeweils 1,5 Millionen Euro für 2016 und 2017. Wie rechtfertigen Sie das?

Erstens wollen wir hinsichtlich des Trends zu XXL-Erzählformaten, sprich Fernsehserien, einen stärkeren Anreiz für die Förderung setzen. Formate wie die große TV-Serie „Babylon Berlin“ – die Adaption der Bestseller-Reihe von Volker Kutscher um den Kommissar Gereon Rath, der im Berlin der 1920er-Jahre ermittelt –, aber auch die US-Serie „Homeland“, die derzeit in der Region gedreht wird, zeigen, dass da ein großer Bedarf besteht. Zweitens wollen wir Vorsorge für die Sicherung des Filmerbes treffen – was einmalig ist auf Länderebene. Als erstes Land leiten wir eigenständige Maßnahmen zur Bewahrung in die Wege und wollen 500.000 Euro geben für die Sicherung des Filmerbes: 250 000 Euro pro Jahr, für 2016 und 2017. Das machen wir, weil wir diesbezüglich ein klares Zeichen an die anderen Länder, aber auch an den Bund setzen wollen.

Wie kommt es zu diesem direkt avantgardistischen Vorstoß?

Wir verfolgen intensiv die Diskussionen zum deutschen Filmerbe beim Kinemathekenverbund, die sich ja zugespitzt haben. Und wir diskutieren das Thema zwischen den Ländern. In der Sicherung des Filmerbes muss Berlin vorangehen. Das ist auch ein politisches Signal – wir müssen unser Kulturgut erhalten.

In der vergangenen Zeit sind Sie heftig dafür angegriffen worden, dass Sie eine „Filmindustriepolitik“, also Standortstärkung, favorisieren gegenüber der kulturellen Förderung. Wie passt das zu Ihrem Engagement fürs Kulturgut?

Die Rezeption meiner Äußerungen dazu war womöglich etwas verkürzt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in Deutschland eine Filmindustriepolitik brauchen – und die verstehe ich nicht als kapitalistisches Teufelswerk! Für mich ist eine solche Industriepolitik immer auch eine Förderung von Kultur, weil beim Film zwischen Kultur und Wirtschaft fließende Übergänge bestehen: Film ist Kulturgut, aber auch ein Produkt. Sich fürs filmische Erbe zu engagieren, für Kultur, aber auch Arbeitsplätze sichern zu wollen, bedeutet keinen Widerspruch.

Arbeitsplätze stehen hierzu- lande auch bei den filmtechnischen Dienstleistern zur Debatte.

Dabei geht es ja auch um die Bewahrung von Technologien und Firmen, die man zur Sicherung des Filmerbes und für die Digitalisierung braucht, sprich Kopierwerke, Hardware und Fachkräfte. Die Zahl der Unternehmen, die noch das Know-how haben für altes Filmmaterial, sinkt stetig. Ein Kopierwerk nach dem anderen macht zu. Auch weil deren Aufträge nicht gesichert sind. Und das wiederum, weil die Archive, Stiftungen, Kinematheken nicht das Geld haben, sie zu beauftragen. Die Rettung des Filmerbes muss hierzulande dauerhaft und ausreichend finanziell gesichert werden. Es kann doch nicht sein, dass wir demnächst Millionen Euro in die Hand nehmen, um dann Kopierfirmen in China beauftragen zu müssen, weil es in Deutschland keine mehr gibt.

Bislang stehen fürs Filmerbe seitens der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, immer nur Sondermittel bereit. Sie wollen nun in den Dialog zwischen Bund und Ländern treten: Wie stellen Sie sich das vor?

Ich finde es sehr schade, dass im Haushaltsentwurf der Bundesregierung für 2016 keine festen Gelder für die Sicherung des Filmerbes verzeichnet sind. Immerhin sind die Länder bereit, da in den Dialog zu treten. Es sind ja auch einige Fragen zu klären: Wohin genau soll das Geld für dieses Erbe fließen; auf welche Art und Weise soll das Geld fließen; wie ist die Struktur der Prioritätensetzung – also wer entscheidet, was wann wo gerettet wird? Und so weiter. All diese Fragen halte ich für offen. Der Klärungsprozess muss jedenfalls kurz sein.

Der Entwurf des Doppelhaushalts 2016/2017 muss im Dezember noch vom Parlament abgesegnet werden. Wie stehen die Chancen für Ihr Vorhaben?

Ich werde dafür werben!

Das Gespräch führte Anke Westphal.