Es ist einfach nie zu spät, sich neu zu verorten.
Foto: Imago Images 

BerlinFür einige Bekannte sei sie Jahrgang 1944, erzählt Mutter und lacht. In ihrem Pass steht etwas anderes. Überraschung. Schließlich gehört sie zu keiner der Gruppen, die sich nach meinem Kinderglauben gern jünger schwindeln: reifere Schauspielerinnen sowie Zuwanderer mit zu optimierender Bleibeperspektive. Als Greis werde ich mich allenfalls älter tunen, schon wegen der Schleimereien: „Halloballo, für Ihre 347 Lenze wirken Sie aber ungemein kregelrüstigflott.“ – „Tja, von klein auf nehme ich nur Gingkokapseln, Doppelherz und Erdnussflips.“

Sie fühle sich nun mal wie höchstens 76, sagt Mutter, und dann wäre das eben auch eine Art Fakt. Manchmal, in kniegelenkseitig günstigen Momenten, sei ihr sogar wie mit Mitte 40. Sie sieht wirklich noch knusprig aus, aber solche Schummelei könnte auffallen. Ich hoffe nicht, dass ihr die Diskrepanz zwischen offiziellem und gefühltem Alter tatsächlich zu schaffen macht. Aber selbst wenn: Sie käme kaum auf die Idee, einen Amtsschimmel aufzufordern, ihren tatsächlichen Geburtstag an den als adäquater empfundenen anzupassen. Das Alter ist ein Schicksal ohne Umtauschrecht. 

Fürs standesamtliche Geschlecht von Menschen gilt dasselbe, einstweilen. Mir wurde in der Schule eingetrichtert, dass die finale Entscheidung über Männlein und Weiblein bereits beim Rendezvous des Samenfadens mit der Eizelle fiele, Punkt. Seitdem hat sich allerhand bewegt. Für Menschen, die sich im falschen Körper fühlen, gibt es Möglichkeiten, die Anatomie in Richtung der sexuellen Identität korrigieren zu lassen. Das ist großartig. Es lindert seelisches Leid und hat vernünftigerweise auch Folgen für das Personenstandsregister. Nur, ich stamme aus einem anderen Jahrhundert. Manches geht mir zu schnell. Etwa wenn jetzt auf die Politik der Druck wächst, den juristischen Geschlechtsstatus von Bürgern allein nach deren Selbstauskunft ändern zu lassen, völlig unabhängig von halbwegs objektiven, im Idealfall wissenschaftlichen Kriterien. Da fühle ich mich, als wäre ich von vorvorvorgestern, wie mit, sagen wir, 347. Oder wenn mit kulturrevolutionärer Unduldsamkeit erklärt wird, dass nicht mehr nur Frauen schwanger würden.

Derlei beobachte ich mit großen staunenden Augen und kommentiere es mit noch größerer Vorsicht: Die Schriftstellerin Joanne K. Rowling sieht sich einer wütenden Boykott-Kampagne ausgesetzt. Sie hält Geschlechter weiterhin für eine biologische Tatsache und nicht allein für ein Sammelsurium aus Rollenbildern und Konventionen. Harry-Potter-Bände wurden deshalb bereits den Flammen übergeben. Sie leugnet sogar die Existenz männlicher Uteri.

So weit lehne ich mich nicht aus dem Fenster. Elemente des neuen Denkens verwirren mich. Altersfragen sind noch nicht tangiert, genauso wenig wie Hautfarbe und Stammbaum, mithin weitere Merkmale, die vielen als unverhandelbar gelten. Gerade gab es Berichte über die US-Akademikerin Jessica Krug. Sie bezeichnete sich lange als Afroamerikanerin. Nun stellte sich heraus, dass sie einer kalkweißen Ahnenleiste entstammt. Selbiges betraf vor Jahren ihre Kollegin Rachel Dolezal. Beide beteuern, sich tatsächlich „schwarz gefühlt“ zu haben. Dennoch werden sie als Ethno-Betrügerinnen gegeißelt. Versteh mir einer die Welt. Ich plädiere für mehr Gelassenheit, auf allen Seiten. Aber ich bin ja auch schon 347 Jahre alt.