Letzte Woche rief Google an. Soso, denke ich an dem Plätzchen hoch oben in der Redaktion, kurz unterm Himmel, Google. Sicher ein Anruf aus der Wolke. Es dauerte einen kleinen Augenblick, bis mir einfiel, dass Google nicht nur ein omnipräsentes Netzgebilde ist, sondern ein menschengeführter Weltkonzern mit haufenweise Mitarbeitern allüberall. Mit Zentralen, Büros – und Sorgen. Manchmal staunt Google, was über Google geschrieben wird, zum Beispiel, dass Googles Videoplattform Youtube 20 oder 30 Leute eingestellt hat, um für ein schlechtes Gema-Image zu sorgen.

Das hat eine Sprecherin der Urheberrechtsgesellschaft Gema in dieser Zeitung (23.6.) erzählt und damit die junge Google-Kollegin Mounira Latrache zum Lachen gebracht. Sie habe zu ihrem Chef gesagt: Hier steht es, ich arbeite für 30, wie sieht es aus mit mehr Geld? In Wahrheit sei sie nämlich in Deutschland die einzige Youtube-Sprecherin, keiner sei neu dazugekommen. Auch sonst zeigte sich Frau Latrache als sanftes Wesen, das öffentlich kein schlechtes Wort über die Gema vortragen wollte.

Ihr Verhandlungspartner solle nicht verärgert werden. Nur am Rande stellte sie richtig, dass Youtube und nicht die Gema den letzten Prozess um die Wiedergaberechte von Musikvideos gewonnen habe. Gewiss, es gab für beide Teilerfolge, aber der Gewinner? Zwei Drittel der Kosten trage die Gema.

Google, klar, ist an Verhandlungen interessiert, denn bis jetzt verdient keiner: Weder die Gema noch Youtube, weil keine Musik läuft. Dabei habe Youtube hoch attraktive Angebote unterbreitet, so Latrache. In 43 Ländern sei man sich einig, 100 Millionen jährlich fließen an die Musikindustrie. Ganz sicher werde man sich auch mit der Gema einigen. Was für ein Optimismus nach zwei Jahren Streit!

600 Prozent Erhöhungen

So lange halten das die Musikklubs nie durch, denen die Gema 2013 die Abgaben bis zu 600 Prozent erhöhen will. Auch sie wollen die Gema zurück an den Verhandlungstisch holen, denn die Gefahr eines Klubsterbens ist kein Marketing-Gag. Selbst das große Berghain soll intern mit Schließung gedroht haben. Gerade haben diverse Klubs an einem Wochenende Playlists von ihrer Musik zusammengestellt, um von der Gema prüfen zu lassen, wie viel ihrer Musik überhaupt Gema-pflichtig ist.

Denn das ist die doppelte Crux, dass die Klubs diese Unmengen Geld hergeben sollen, obwohl sie kaum Gema-Musik spielen, obwohl auch an sie als Urheber kaum Geld zurückfließt. Wer soll sich auf den sorgfältigen Umgang mit fremdem Geld verlassen bei einem Verein, der nicht mal verlorene von gewonnenen Prozessen unterscheiden kann?

Die Gema hat die Verhandlungen mit den Musikveranstaltern hochmütig verlassen, genau wie die mit Youtube. Die einseitig erlassenen Tarife wirken total unausgereift. Nächsten Monat wird das Urteil der Schiedsstelle des Patent- und Markenamts über den Streit erwartet.

Die Gema hat sich bereits höchst zuversichtlich geäußert, von dort recht zu bekommen. Aber selbst ein Kompromiss, also die Hälfte der Erhöhungen, wäre für die unternehmerisch organisierten Klubs schon untragbar. Hier wird mit Existenzen gespielt, sagt Lutz Leichsenring von der Club Commission.

Das kann sich nur ein Monopolist erlauben. Da wird ein Staatsferne-Prediger schnell zum Rufer nach dem Staat, damit sich nicht ein einzelner Verein als Behörde aufspielen und in das gesellschaftliche Leben eingreifen kann, unkontrolliert. Bei der Online-Vermarktung der Musikrechte ist der Staat in Gestalt der EU schon am Horizont auszumachen. Die EU will Verwertungsgesellschaften wie die Gema verpflichten, ihre Rechte zur Online-Nutzung freizugeben. Da wird die Gema nicht einfach vom Verhandlungstisch aufstehen können.