George Grosz: "Cain or Hitler in the Hell" im Jahr 1944 in der amerikanischen Emigration, zornig und bitter,  aber in fast altmeisterlicher Manier (Detail)
DHM/VG BIldkunst Bonn 2020

Berlin Jetzt hockt Adolf Hitler im selbstangezündeten Inferno, schmort in der Hölle, kühlt sich voller Schiss die Stirn mit einem nassen Lappen. Aber es gibt kein Entrinnen. Über 50 Millionen Tote – Schreckensbilanz seines Tausendjährigen Reiches und das seiner Schergen samt großer Anhängerschaft, und des Zweiten Weltkrieges, darunter sechs Millionen Holocaust-Opfer, davon 1,5 Millionen Kinder – greifen nach ihm.

In einem mittelalterlichen, Hieronymus-Bosch-artigen Szenario wünschte der Maler George Grosz sich in seinem New Yorker Exil, das er schon 1933 wählte – „vertrieben ins Paradies“, wie der ebenfalls emigrierte Kunsthistoriker Erwin Panofsky schrieb –   die Höllentortur des „Führers“.  

Als Europa brannte

Als Grosz geflohen war, machten die Nazis sein Atelier zu einem Tatort des Ikonoklasmus. Was übrig blieb, zerrten sie 1937 in die Münchner Schandausstellung „Entartete Kunst“. Das Höllenbild mit dem Braunauer malte Grosz 1944, als abzusehen war, dass Hitler und die Seinen Deutschland in die Katastrophe geführt hatten. Aber schon sieben Jahre zuvor begann Grosz mit den „Images of Hell“, eine Serie apokalyptischer Szenerien und Kriegsbilder, die er 1937 unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs malte und angesichts der zerstörerischen Gewalt des deutschen Nationalsozialismus mit Wut, Bitterkeit und Sarkasmus weiterführte.

Grosz war völlig desillusioniert, dass sich 1933 die „proletarischen Massen“ nicht gegen Hitler gewehrt hatten, er war entsetzt über den Mord an dem von ihm geschätzten Erich Mühsam und fassungslos über die Berichte entkommener Emigranten aus den Konzentrationslagern. „Cain or Hitler in Hell“ offenbart die Verstörung des Malers, trotz der riesigen Entfernung von Deutschland und vom brennenden Europa.

Mein Bild der Woche

Der Maler George Grosz, geboren 1893 und gestorben 1959 in Berlin, prägte mit seiner   dadaistischen, satirisch-expressiven und neusachlich-veristischen Malerei die Kunst der Weimarer Republik. Dreimal wurde er angeklagt, wegen Beleidigung der Reichswehr, Angriffs auf die öffentliche Moral und Gotteslästerung. Seine Berliner Arbeiten sind ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Fragen der Zeit. Und auch im New Yorker Exil, das er kurz vor Hitlers Machtergreifung wählte, ließen den Kriegsgegner die politischen Ereignisse in Nazideutschland nicht los.

Das Deutsche Historische Museum (DHM) erwarb das Gemälde
„Cain oder Hitler in der Hölle“, 1944, aus Familienbesitz und integriert es ab dem 4. Februar, 12 Uhr, in die Dauerschau, Unter den Linden 2, tgl. 10–18 Uhr. www.dhm.de


Die Kunst- und die politische Zeitgeschichte sehen das Bild als eines der Hauptwerke der Epoche des mörderischen 20. Jahrhunderts. Grosz selbst beschrieb sein Bild als Darstellung von „Hitler als faschistisches Monster, oder als apokalyptisches beast, verzehrt von seinen eigenen Gedanken und Kindern“. Er setzte es mit der Gestalt Kains gleich, des in der biblischen Tradition ersten und archetypischen Mörders der Menschheitsgeschichte.
Im Vergleich zu vielen anderen deutschen Emigranten war George Grosz auch in Amerika erfolgreich, sowohl was den Verkauf seiner Bilder betrifft als auch durch seine fast kontinuierliche, wenn auch zunehmend ungeliebte Lehrtätigkeit an der Art Students League of New York, die seine materielle Existenz sicherte.


Nach einer mehrjährigen Pause nahm er den Unterricht 1949 deshalb auch wieder auf. Er hatte regelmäßig Ausstellungen, wurde aber in den USA weitgehend als „deutscher Künstler“ wahrgenommen, auch wenn der kunstpapstgleiche Alfred Barr, Gründungsdirektor des Museum of Modern Art, Grosz als „wildesten aller zeitgenössischen Künstler“ gerühmt hatte. Der Berliner erreichte mit seinen Werken im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht die Popularität und auch nicht die analytische Schärfe der expressiven und veristischen Darstellungen wie einst in Deutschland.

Der Verist malte nun wie die Alten Meister

Beim in der Hölle schmorenden, fratzengesichtigen Hitler aber schon, wenn auch in einem anderen Stil. Unübersehbar hat Grosz sich auf die Alten Meister besonnen. Geradezu überrealistisch ist die Szenerie; Boschs Dantes-Inferno ist schon erwähnt. Der Bildaufbau erinnert auch an Altdorfer und die Donauschule – und ist nicht zuletzt ein Indiz der Entwurzelung Grosz’ in der Neuen Welt.
Nun kommt das krasse Zeitbild des Berliner Malers, der schon im deutschen Kaiserreich wegen Beleidigung der Reichswehr, Angriffs auf die öffentliche Moral und Gotteslästerung verhaftet wurde, in die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums.

Möglich wurde das durch Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder. Das Gemälde konnte von den Grosz-Nachfahren erworben werden, die den nunmehr neuen Platz mitten in Berlin, im deutschen Geschichtsmuseum als den richtigen Ort ansehen. Gerade auch wegen der vielen jungen Besucher, für die die NS-Diktatur und der Krieg zeitlich weit weg