Warum macht sich ein amerikanischer Kunsthistoriker, obendrein ein Mittelalterspezialist, Sorgen wegen der Schließungspläne der Berliner Gemäldegalerie Alter Meister am Kulturforum? Kurz: Die Werke der Gemäldegalerie sind ein internationaler Schatz. Sie befinden sich in Berlin, aber sie gehören der gesamten Menschheit. Deshalb wurde die Petition change.org/altemeiste verfasst und bis jetzt von fast 10.000 Kunstfreunden aus aller Welt unterschrieben.

Die Sammlung in Berlin ist nahezu ohne Vergleich. Nur in London und Paris, vielleicht auch St. Petersburg und Madrid, erwartet den Besucher, ob Fachmann oder nicht, eine vergleichbare enzyklopädische Dichte der gesamten Entwicklung der europäische Malerei von 1300 bis 1800. Die Qualität der Sammlung ist atemberaubend. Hier überhaupt von Highlights zu sprechen, ist eine Ungerechtigkeit gegenüber dem Rest. Berlins zweite Wahl würde in den meisten anderen Museen Glanzlichter abgeben.

Die Gemäldegalerie am Kulturforum soll dennoch einer Präsentation der Kunst des 20. Jahrhunderts weichen, deren Sammlung durch die bewundernswerte Großzügigkeit des Ehepaars Pietzsch erweitert worden ist. Der Anlass des Protestes ist aber keineswegs Gleichgültigkeit gegenüber der Moderne. Der Zweck unserer Petition ist auch nicht, einen Streit anzuzetteln oder gar den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Professor Parzinger, und andere Befürworter des Plans zu verteufeln, sondern sie aufzufordern, ihr Vorhaben zu überdenken.

Grundsätzlich sinnvoll

Grundsätzlich ist gegen eine sinnvolle Zusammenführung der Berliner Gemälde- und Skulpturensammlungen an und auf der Museumsinsel nichts einzuwenden. In der Theorie würde der vorgeschlagene Plan in einer Folge miteinander verbundener Bauten einen lückenlosen Überblick über die Kunst Europas und des Vorderen Orients von der Antike bis ins 19. Jahrhundert erlauben. Der neue Ort könnte mehr Besucher anziehen, Touristen, aber auch mehr Berliner, die bisher weitgehend gleichgültig gegenüber den Schätzen in ihrer Mitte waren.

Theorie und Praxis sind jedoch zwei verschiedene Dinge, vor allem, wenn es politisch wird. Riesige Summen werden benötigt, um alle Teile des Masterplans und die Rekonstruktion des Berliner Schlosses mit dem Humboldt-Forum umzusetzen. Professor Parzinger hat zunächst offiziell verkündet, dass ein Umzug der Gemäldegalerie nicht in Erwägung gezogen werden kann, wenn die Alten Meister mehr als fünf Jahr der Öffentlichkeit entzogen werden. Doch in seinen neuesten Verlautbarungen wird bereits von sieben bis neun Jahren gesprochen.

Angesicht der Erfahrungen im Berliner Bauwesen und den absehbaren finanziellen Engpässen ist selbst diese Zeitvorgabe zu optimistisch. Zudem führen Pläne allein noch nicht zu einem Architektur-Wettbewerb, ein abgeschlossener Wettbewerb nicht unmittelbar zum Beginn der Bauarbeiten, selbst wenn der Gewinner eindeutig feststeht. Die Erfahrung mit den Planungen der Stiftung – siehe Pergamonmuseum, Neues Museum, Staatsbibliothek – lehrt, dass ihre Umsetzung leicht mehr als zehn Jahre dauern kann. Währenddessen auch nur ein Viertel oder gar die Hälfte der Sammlung der Gemälde ins Bodemuseum zu pferchen, ist schlicht unannehmbar. Zumal eben auch ein Teil der ebenso bedeutenden Skulpturensammlung der allgemeinen Betrachtung entzogen und der Forschung schwer zugänglich wäre.

Mit imperialer Geste

Mit imperialer Geste hat die Stiftung ihren Plan als Rochade bezeichnet. Bei der tauschen im Schachspiel König und Turm die Plätze. Jedoch bewegen sich beide Figuren gleichzeitig. Im Gegensatz dazu müssen sich in Berlin die modernen Bilder zuerst bewegen, die Alten Meister sollen warten, warten, warten… Obendrein ist eine Rochade ein Verteidigungszug, der den König hinter einer Barriere von Bauern schützt, die Mehrzahl von Berlins Alten Meistern und Skulpturen also. In dieser Hinsicht ist die von der Preußen-Stiftung gewählte Metapher wirklichkeitsnäher als die Befürworter ahnen.

Die gegenwärtigen Pläne offenbaren, dass wieder einmal die Vergangenheit der Gegenwart weichen soll, ohne dass dabei ihrer Zukunft ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre. Anstatt die Sammlungen ins Depot zu verbannen, was hohe, bisher unkalkulierte Kosten verursachen würde, sollte die Stiftung einen Weg finden, die Pietzsch-Sammlung vorläufig an einem anderen Ort unterzubringen, bis dann die Erweiterung des Bode-Museums vollendet ist. Die zehn Millionen Euro könnten auch dafür verwendet werden.

In seinem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagte Professor Parzinger, dass ich ihm meine Einwände vor ihrer Veröffentlichung hätte mitteilen sollen. Umgekehrt wäre zu fragen, warum er nicht im Vorfeld der Planungen mit kunsthistorischen Fachleuten Kontakt aufgenommen hat. Hätte er das getan, wären die Proteste vermutlich vermeidbar gewesen. Stattdessen hat er versucht, vollendete Tatsachen zu schaffen. Die Kunsthistoriker Deutschlands und der ganzen Welt sprechen sich geradezu einhellig gegen diesen Vorschlag aus.

Man wird sehen, ob die mächtigen Verfechter der Umzugspläne den Mut haben, ihr Vorhaben zu überdenken, das zweifellos gut gemeint ist, aber im Ablauf ganz und gar verfehlt. Die Stiftung sollte ihre Pläne für die Sammlung Pietzsch nicht verwerfen, sondern diese mit einer angemessenen Strategie ergänzen, um den außergewöhnlichen Sammlungen Berlins in ihrer Gesamtheit gerecht zu werden.

Deswegen fordert meine Petition, dass die Sammlung Alter Meister ausschließlich und nur dann umziehen und der Sammlung Pietzsch weichen sollte, wenn auf der Museumsinsel genügend Ausstellungsraum für die gesamte Sammlung der Gemälde und der Skulpturen bereitgestellt werden kann.

Die Verwalter der Berliner Kunstschätze haben eine Verantwortung, nicht nur deutschen Steuerzahlern oder Kunsthistorikern gegenüber, sondern auch der Vergangenheit, die, trotz zahlreicher schwerer Verluste durch Krieg und menschliche Torheit, Berlin ein Vermächtnis hinterlassen hat, das viel zu kostbar ist, um es im Depot zu vergraben.