Berlin - „An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser.“ Der denkwürdige Satz stammt von Charlie Chaplin. Die Malerin Sonja Halbfass, deren Bilder aus Acrylfarbe und Buntstiften soeben in der Galerie Art Cru zu sehen sind, lebt seit vielen Jahren in einer eigenen Welt, die für Außenstehende nicht ganz leicht zu durchschauen ist. Der Name der Galerie Art Cru (krude Kunst) erscheint da beinahe selbst wie ein Hinweisschild. Er ist angelehnt an den Begriff der Art Brut (rohe Kunst), der Jean Dubuffet in den 40er-Jahren zur Anerkennung als Kunstform verhalf. Aus dem Inneren des Art Cru sendet Sonja Halbfass nun verschlüsselte Botschaften, die sie mit symbolischer Bildwucht auf Papier und Skizzenblöcke setzt und in Mappen füllt.

Die Titel muten surreal und zugleich seltsam poetisch an: „Innerer Garten“, „Tanzende Schlangen“, „Blauer Frieden“, „Warme Welle“. Darin schwingt Sehnsucht mit, sich mitzuteilen. Die Farbkompositionen pulsieren, wimmeln, schweben, schwimmen. Sie fügen sich mal zu skizzenhaft figurativen, dann wieder zu pastosen abstrakten Szenen. Stilistisch verschränkt sich alles, was von der Kunstwissenschaft als Impression und Expression, als Op-Art, Pop-Art oder Comic eingeordnet wird. Doch es flieht aus den jeweiligen Schubladen, wird zur psychedelischen Mischung. Zu Kunst, die von akademischer, wissenschaftlicher Einordnung nichts weiß. Es ist eine Bildsprache, die sich alle Freiheiten nimmt, weil sie zutiefst subjektiv ist und Authentizität darstellt. Bilder einer Inselbegabung, die in ihrer eigenen Welt sämtliche Gemengelagen erlebt, deren Chaos sie zum Glück mit Stift und Pinsel zu einer ganz eigenen Ordnung bändigen kann.

Foto: Galerie Art Cru
Sonja Halbfass: „Backstein Gefäße“, 2005, Acryl, Buntstift.

Und so stehen wir vor so rätselhaften wie magischen Bildern. Eins davon, es trägt den Titel „Leben einer Frau“, wird gleichsam zum Suchbild, geschildert wird alles, von der alltäglichen Hausarbeit über das Malen und Zeichnen bis zu erotischen, sexuellen Wünschen. Halbfass kennt keine Tabus. In einem nächsten bunten Wimmelbild aus lauter Bildschirmen hat sie in diese spiegelartige Porträts hineingesetzt, Selbstporträts, Köpfe von Freundinnen und von Männern.

1968 geboren in Hessen, kam sie mit 18 Jahren das erste Mal in die Psychiatrie. Das Akademikerkind hatte bis dahin durch die Arbeit der Eltern an verschiedenen Orten in Amerika und Indien gelebt. In der Schule war sie eine Musterschülerin, begann nach dem College, Psychologie zu studieren. Ihr Lebensweg schien auf Erfolg gepolt. Doch die Ironie des Schicksals wollte es, dass sie psychisch schwer erkrankte: Schizophrenie. Ein Krankheitsweg ohne Wegweiser. Seit 1989/90 lebt sie in Berlin, in therapeutischen Wohngemeinschaften, wechselweise in Kliniken.

Inzwischen ist sie stabilisiert, sie wird von Sozialvereinen wie KommRum e. V. und Die Brücke betreut. Die Kunst gibt ihr Halt, Glücksmomente, Selbstwertgefühl. Sie sehnt sich nach einem Atelier, die Wohnung in Schöneberg ist zu winzig. Die gemeinnützige Galerie Art Cru, deren Träger der Verein PS-Art e. V. ist, stellt seit 2008 Kunst von Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung und geistigen Behinderungen aus. Galeristin Alexandra von Gersdorff-Bultmann sagt, Sonja Halbfass sei eine Entdeckung: „Etwas ganz Besonderes.“ Stimmt. Vor ihren Bildern kann man nur staunen, welche Weite eine Kunst trotz Grenzen erlangen kann.

Galerie Art Cru, Outsider Art. Im Kunsthof Oranienburger Str. 27 (Mitte), bis 21. Januar 2021, Di+Do 12–18, Mi 14–18 Uhr und nach Vereinbarung: 030 2435 7314