Illustration: Martin Z. Schröder

BerlinSie erschien mir am Straßenrand: eine maximalblond hochgesteckte Dame, deren Frisur jener des dummdreisten Mädchen Vicky Pollard aus der englischen Komödie „Little Britain“ glich, die dann aber akustisch überraschte, als sie mit einer von Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen geadelten Stimme in ihr Telefon brummte: „Ick wollt dir jar nich druff ansprechen.“ Ach, wie gern hätte ich den Schritt verhalten, einen Blick ins Schaufenster zu werfen, dabei dem weiteren Gespräch zu lauschen. Aber als Radfahrer selbst gemächlicher Spaziertreterei rollt man an der kostbarsten Bemerkung vorüber und verpasst die Ausführung.

Wir können uns denken, was Großmütter in diesen Zeiten, in unseren Tagen, in der aktuellen Situation beschäftigt: Die Blonde hatte ihre Tochter am Telefon, und die beiden waren dahinplaudernd auf den sogenannten Monster-Truck gestoßen, also ein adipöses PKW-Gehäuse auf LKW-Rädern, das auf dem Geburstagsgabentisch des Enkelchens der Vicky-Pollard-Frisurträgerin zu stehen kommen würde.

Und diese hatte versehentlich, wirklich gegen ihre Absicht, weil sie ihre Tochter eigentlich heute einmal nicht hatte kränken wollen, des Monster-Truckes Hässlichkeit erwähnt und genussvoll gegiftet, dass die heutigen Spielzeuge zwar nicht mit Waffen dekoriert sind wie vor dreißig Jahren die Schützenwagen im Kinderzimmer, aber in der ihnen eigenen absichtsvoll gezeichneten Schrottigkeit furchterregender und kriegerischer aussehen als ein blankgeputzter Panzer.

Zum Formprinzip eines Monster-Trucks gehören Kratzer, Schrammen und Dreck als Zeichen von Unbeherrschbarkeit. Anarchie und Terror, also zwei dem seinen Hosen keine Achtsamkeit entgegenbringenden, durch Matsch und über Kiesel rutschenden Kind vertraute Prinzipien, die es für gewöhnlich in Zusammenarbeit mit Eltern und anderen großen Figuren zu bezähmen sucht, deren Wildheit es aber auch faszinieren. Während Erwachsene wie ich den Zuwachs an Wirklichkeitsnähe im Kriegsspielzeug vornehm dreinschauend zur Kenntnis nehmen.

Abends heimradelnd passierte ich ein körperprachlich traut wirkendes junges Paar, dessen Dame im Moment meiner Hörweite dem ihr seine Aufmerksamkeit schenkenden Herrn entgegen beide Unterarme emporschlug als wolle sie sich emporschwingen und dialektfrei vortrug: „Allein die Tatsache, daß“ – und da war ich auch schon vorbei.

Ich gewinne Übung im Aufschnappen von Gesprächsbröseln. Diese Phrase bringt man nur bei völliger Überzeugung, die man einander bestätigt oder mittels derer man Gesprächspartner in die Knie zwingt. Hier handelte es sich um ein Gespräch freundschaftlicher Selbstbestätigung. So eindringlich die Dame klang und gestikulierte, schien mir doch die Ausführung überflüssig. Warum nur? Daheim angelangt, durchsuchte ich mein digitales Archiv. „Allein die Tatsache“ ist kein Bestandteil eines Textes von mir, weder eines Briefes noch der schriftlichen Gesellenarbeit. Also darf ich kritisieren. Wenn ich solche Phrasen höre, fasst mich Unwille an für die Fortsetzung: Unverrückbare Gewissheit ist fad. Da kletterte ich doch lieber einmal in einen Monster-Truck, vielleicht ist einer innen nussbaumfurniert und urgemütlich. Wer will alle Tatsachen so gewiss kennen?