Illustration: Martin Z. Schröder

BerlinWas hat der Mann, der da über den Platz wankt? Die Hände hinter dem Kopf, sich beugend. Quält ihn Schmerz? Ist er betrunken? Wird er vornüberkippen? Muss ich helfen? Muss ich den anfassen?

Eines Nachts versuchte ich, einen gefundenen Volltrunkenen aus einer Parklücke zu zerren. Ein einparkender Fahrer hätte ihn nicht sehen können. Woran ich erkannte, dass der Kerl betrunken war und nicht tot, krank oder einen Identitätskonflikt ventilierend? Er schnarchte in einer Schnapswolke. Ich bin unempfindlich, wenn es sein muss. Hätte Gerichtsmediziner werden können. War hier nicht verlangt. Ich rüttelte und rief ihn an. Er glotzte, brabbelte, und ich kommandierte, er könne da nicht bleiben. Ich zottelte an ihm, aber er folgte mir nur so weit auf das Trottoir, dass seine Beine in der Parklücke blieben, sank wieder in Morpheus’ Arme. Ich rief die Polizei.

Sanft waren die Polizisten nicht zur Schnapsleiche. Sie kannten deren Namen und Adresse schon und erläuterten mir, sie seien es leid, von Saufschrauben wie dieser als Gratistaxi missbraucht zu werden. Kann man verstehen.

Ich weiß nicht, wovon die beiden berufshalber einst geträumt hatten, was ihr Ideal von Polizeiarbeit war. Niedliche und Hinfällige über den Fahrdamm geleiten? Bösewichtinnen und -wichten sportiv in den Weg hechten? Mit Blaulicht durch die Stadt sausen? Wenn die Polizei kommt, ist es für sie fast immer mit Dreck, Tränen, Angst, Ärger, Lärm verbunden. Manchmal wird es gefährlich. Denen, die sie gerufen haben, bringt die Polizei oft große Hilfe und Erleichterung, und dafür mögen Polizisten ihre Arbeit. Aber Betrunkene nach Hause zu fahren, dankt ihnen kaum einer, und deshalb waren sie zu meinem Schnapsfund etwas grob.

Mich daran erinnernd, näherte ich mich nun, das Fahrrad abbremsend, dem eingangs vorgestellten Schmerzensmann, der noch immer gekrümmten Leibes seine Hände an den Hinterkopf hielt. Stumm. Ohne zu klagen. Erst als ich schon neben ihm zur gebräuchlichen Seniorenansprache „Junger Mann!“ ansetzte, erkannte ich die Bewandtnis seiner Erscheinung: Ein krummer Greis band eine Gesichtsmaske am Hinterkopf zu, rackerte sich an einer Schleife ab.

Während einige vom Virtuellen schwärmen, sich in Digitalem suhlen, ändert sich unsere Körpersprache im Realen. Diese Haltung hatte ich auf der Straße noch nie gesehen. Ich finde auf meinem Erfahrungskonto keinen Anlass für einen Mann, sich hinter dem Kopf eine Schleife zu binden. Frauen stehen öfter interessant da: ein Zopfgummi neu schlingen, ein Steinchen aus der Sandale entfernen, einen Lidstrich nachziehen, einen Unterhemdträger vom Arm auf die Schulter zupfen. Vielleicht ist das in anderen Ländern anders. Wenn zum Beispiel an irgendeinem Flecken der Erde die gebeugten Männer Bartbinden tragen. Ich weiß nichts davon, aber es kann doch sein.

Das bisschen Maske mache keine Probleme, sagst du? Der Alte möge Ohrschlaufen verwenden, statt Schleifen hinter den Kopf zu applizieren? Die Ohren alter Leute sind schon auf eine Weise beansprucht, die sich jüngere nicht denken wollen: Hörgeräte mit sich mit Brillenbügeln verhakenden Bügeln. Darauf keine Schlaufe, sondern einen Schnaps!