Illustration: Martin Z. Schröder

Berlin - Überall ist was los. Ein leeres Polizeiauto lauert in zweiter Reihe. Eine Straßenbahn hält auf der Kreuzung. Hinterm Rettungswagen wartet das Auto des Notarztes. Aber nicht nur Autos! Ein Streit auf offener Straße. Was kreischt sie da zu dem Rumpelstilzbart? „Nur weil du nicht kommunizieren kannst!“ Soll das ein Ehekrach sein? Ich bin so unmodern! Meine Alte und ich bewerfen uns klassisch mit Geschirr, wenn wir uns streiten, und überbieten uns mit der Verschmutzung unserer Beschimpfungen. Aber wir tun es nur vormittags, wenn die Nachbarn zur Arbeit sind. Wir versöhnen uns bei der Suche nach gebrauchtem Nobelgeschirr im Internet.

Die Autos geben mir aber auch zu denken. Ich möchte immer wissen, was überall gerade los ist. Es sollte eine Umzugsbeschilderungspflicht geben. Umzuziehende haben Auskunft zu erteilen. Auf einem großen Sperrholzschild mit Pinsel stünde es geschrieben, mit Fotos: „Denniz Kluibenschädl und Roselore Schwingshackl haben die Nase voll vom flachländischen Berlin und verlassen die Stadt nach dem Süden.“ Oder: „Gebrüder James & Joe Bond, Studenten der Nationalökonomie, beziehen eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung unter Einbringung ihrer Musikanlage und werden nie vor drei Uhr morgens schlafen gehen.“ Dann wüßte man mehr. Auch die Notrufwagen sollten stets melden, was sich tut. Das wäre nett in der Stadt, wo man so vieles aus der Nachbarschaft nie erfährt.

Früher lebte bei mir im Haus Frau Schlutz, eine alte Dame, die viel Zeit mit Pläuschen auf den Straßen im Kiez verbrachte und mir dann in groben Zügen die News präsentierte, mit allen Facetten der Nachbarschaftsfluktuation: „Frau Kniffke, vis-à-vis zweiter Stock, die Dünne mit den Wadenbeißer, is jestern bei de Kosmetikbehandlung jestorben. Hat Frau Lohse erzählt, aus der Nummer drei. Unter der Jesichtsmaske injeschlafen, sachtse. Nich wieder auffjewacht, sachtse, stelln Se sich vor. Nee, sarick, dit is ein Nobeltod, sarick. Ja, sachtse, aber der ihr Mann war erst seit zwei Wochen tot, sachtse, da hattse ja nüscht von jehabt, sachtse.“ Und der Hund? Wieder ein abgebrochenes Kapitel. Seit neun Jahren ist Frau Schlutz nun auch schon tot und bin ich der Alte im Haus, vermag aber mangels Herumstehen auf der Straße nicht in ihre zu großen Fußstapfen zu steigen.

Heute vormittag radle ich in Weißensee vorbei an einem Andrang an heulenden Polizeiautos. Polizisten, die Hände im Gürtel, schauen hierhin und dahin. Polizeigesichter. In der Mitte des Auflaufs, Roelckestraße, lungert ein großes Entstörungsfahrzeug. Ui, Gasgeruch! Ich trete in die Pedale, denn wenn wo was explodiert, will ich kein Zaungast sein. Wohl fühlt sich der Zaungast nur hinterm Zaun. Weggeschleudertwerden ist keine erwünschte Teilnahmeform.

An dem Ehestreit der modernen weinerlichen Dame hätte ich aber gern teilgenommen. Eiskalt hätte ich ihr die erste Grundregel der Kommunikation von Paul Watzlawick entgegengeschleudert: „Man kann nicht nicht kommunizieren!“ Und ich hätte diesem exzellenzwissenschaftlichen Statement vorwurfsvoll nachgeschluchzt: „Du verstehst meine Kommunikation nicht!“ Mit der Kraft einer fliegenden Suppenterrine.