Die Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der künstlerischer Leiter des Festivals Carlo Chatrian
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinWir treffen uns in den Berlinale-Büros am Potsdamer Platz. Hier ist es, als sei man schon mittendrin im Festival, das eigentlich erst am 11. Februar 2021 beginnt. In vier Monaten also.

Liebe Frau Rissenbeek, lieber Herr Chatrian, Sie haben angekündigt, dass die Berlinale 2021 trotz Corona physisch stattfinden soll. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Mariette Rissenbeek: Wir wollen damit das Kino stärken. Durch die Pandemie hat das Streaming zugenommen, die Kinos waren lange geschlossen. Da ist es uns sehr wichtig, ein Zeichen zu setzen, dass wir an die Leinwand glauben und an das Kino als Ort des Erfahrungsaustauschs.

Carlo Chatrian: Jedes Filmfestival strebt danach, die Filme im Kino zu zeigen. Während des Lockdowns mussten einige ihre Pläne ändern. Aber jetzt finden Festivals sogar an Orten statt, wo die Pandemie größere Auswirkungen hatte: in Venedig, San Sebastian, Zürich und in ein paar Wochen in Rom und London. Und sie können für die Sicherheit der Besucher garantieren. Auf der einen Seite haben wir eine Verpflichtung der Filmbranche gegenüber, die sich nach Orten sehnt, an denen Menschen einander begegnen können. Auf der anderen Seite ist es ein Vergnügen für uns selbst, die Kinoerfahrung anbieten zu können.

Herr Chatrian, Sie waren gerade in Venedig, erzählen Sie.

Chatrian: Ich war in Venedig und in Zürich. Das waren Glücksmomente. Die Menschen hatte keine Angst, sondern waren voller Bereitschaft, diese Erfahrung miteinander zu teilen. Zudem war die Organisation sehr gut. Es gab klare Anweisungen, das ist wichtig. In Venedig musste man überall eine Maske tragen, das machte es im Grunde einfacher, als wenn man sie ständig ab- und wieder aufsetzt. Mit dem Online-Ticketing hat es sehr gut geklappt, ich habe keine einzige Menschenansammlung erlebt. Natürlich gab es weniger Besucher, das hat es einfacher gemacht. Aber vor allem war es ein Energieschub für die gesamte Branche. Und das brauchen wir.

Die Berlinale ist ein Publikumsfestival, Anfang des Jahres haben Sie 334.000 Tickets verkauft. Das wird 2021 nicht möglich sein, oder?

Rissenbeek:  Es sei denn, wir mieten 20 Kinos dazu.

Haben Sie das vor?

Rissenbeek: Wir müssen sehen, wie wir die Platzkapazitäten erweitern können. Wenn nicht jeder Platz im Kino besetzt  werden darf, können wir nicht so viele Tickets verkaufen wie 2020. Das ist uns bewusst.

Chatrian: Wir möchten einerseits unser Publikum nicht bestrafen. Andererseits müssen wir realistisch sein. Es ist eine Frage des Budgets.

Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Die Geschäftsführerin: Mariette Rissenbeek studierte Germanistik, Soziologie und Theaterwissenschaft in den Niederlanden. Nach zwei Auslandssemestern an der Freien Universität blieb sie in Deutschland. 2002 wechselte sie zu German Films. Sie ist Geschäftsführerin der Berlinale.
Der künstlerische Leiter: Geboren 1972 in Turin, studierte Carlo Chatrian dort Literatur und Philosophie. Er schrieb für Filmzeitschriften und veröffentlichte Bücher zum Thema Kino. 2002 wurde er Mitglied im Auswahlkomitee des Filmfestivals von Locarno in der Schweiz, 2012  dessen künstlerischer Leiter. Nun hat er diese Funktion bei der Berlinale inne.

Macht sich Corona dadurch bemerkbar, dass Ihnen weniger Filme angeboten werden?

Chatrian: Während des Sommers haben wir mehr oder weniger dieselbe Zahl an Filmen gesehen wie 2019. Filme können noch bis Ende Oktober eingereicht werden, deshalb ist es im Moment schwer zu sagen, ob es am Ende weniger sein werden. Ich mache mir jedenfalls keine Sorgen. Die Quantität ist eigentlich nie ein Problem. Es geht darum, die richtigen Filme zu finden.

Sie werden von 2021 an keinen Silbernen Bären für die beste Darstellerin und den besten Darsteller vergeben, sondern einen genderneutralen Bären. Was hat Sie dazu bewogen?

Rissenbeek: Ich arbeite seit langem in der Filmbranche, und der einzige Preis, der zwischen den Geschlechtern unterscheidet, ist der Darstellerpreis. Alle anderen Auszeichnungen – für die beste Regie, die beste Kamera und so weiter – werden unabhängig vom Geschlecht vergeben. Wir kennen die unterschiedlichen Meinungen zu genderneutralen Preisen und respektieren die verschiedenen Perspektiven. Aber wir denken, dass wir damit die Auseinandersetzung über Gendergerechtigkeit auch vorantreiben können.

Männer sind doppelt so häufig in Filmen zu sehen wie Frauen, sie haben deutlich mehr Redeanteil und einflussreichere Rollen. Demnach müssten künftig mehr Männer den Silbernen Bären erhalten, oder?

Rissenbeek: Wenn wir den Bären genderneutral machen, wird die Jury stärker darüber nachdenken müssen, was sie eigentlich auszeichnen will. Warum sollte es unterschiedliche Bewertungsformen für männliche und weibliche Darsteller geben? 

Aber es ist doch trotzdem so, dass Frauen in Filmen unterrepräsentiert sind.

Chatrian: Sie sprechen von Quantität, bei den Preisen geht es um Qualität. Ich glaube nicht, dass Frauen und Männer unterschiedliche Techniken haben und unterschiedlich bewertet werden müssen. Die Entscheidung sorgt natürlich für Diskussion, aber das ist gut.

Der einzige Vorteil, den ich sehe: Von jetzt an können Sie auch nicht-binäre Personen mit einem Bären auszeichnen.

Rissenbeek: Es ist schon gut, dass wir künftig nicht mehr die Frage nach dem Geschlecht stellen müssen, wenn wir den Darstellerpreis vergeben.

Chatrian: Die Zahl der Menschen, die sich nicht einem bestimmten Geschlecht zuordnen, wächst. Und wir wollen sie nicht ausschließen.

Der Schauspielverband kritisiert, dass der genderneutrale Bär nichts gegen die Chancenungleichheit in der Filmbranche tut.

Rissenbeek: Aber der Silberne Bär, wie er bisher war, hat das auch nicht getan. Man muss früher ansetzen, wenn es um Chancengleichheit für Männer und Frauen in der Branche geht. Unsere Entscheidung sollte ein Beitrag sein, die Diskussion darüber zu vertiefen, was man tun muss, um Frauen zu stärken.

In dem „mission statement“ der Berlinale heißt es, dass das Festival sich als Impulsgeberin für die Filmbranche der Zukunft versteht. Ein Ziel ist sicher mehr Diversität. Wie kann ein Festival dazu beitragen?

Rissenbeek: Die Berlinale war immer schon ein Festival mit unterschiedlichen Filmen aus vielen Ländern und hat diverse Perspektiven eröffnet. Das Festival möchte ein Motor für Diversität sein. Mit dieser Frage beschäftigen wir uns aber auch zunehmend nach innen wie außen. Wie divers sind unsere Teams und Gremien aufgestellt? Und wie erreichen wir künftig ein diverseres Publikum?

Chatrian: Wir sind überzeugt, dass wir mit unserer Filmauswahl Diversität zeigen. Und durch die Menschen, mit denen wir zusammen arbeiten. Natürlich muss man das immer wieder neu reflektieren.

Rissenbeek: Es gibt seit ein paar Jahren den Africa Hub im European Film Market, um der afrikanischen Filmindustrie mehr Präsenz zu geben. Der World Cinema Fund fördert die Diversität des weltweiten Filmschaffens, indem er Projekte aus Ländern mit schwächeren Filminfrastrukturen unterstützt und die Zusammenarbeit mit deutschen Produzentinnen und Produzenten stärkt. Die Berlinale Talents bringen junge Filmschaffende aus der ganzen Welt zusammen. Die Berlinale hat immer wieder Projekte etabliert, die diese Diversität voranbringen und dadurch gezeigt, wie wichtig ihr dieses Thema ist.

Vor ein paar Tagen erschien die Studie zur Nazi-Vergangenheit des Berlinale-Gründers Alfred Bauer. Ich frage mich, wie das so lange verborgen bleiben konnte. Haben Sie eine Erklärung?

Rissenbeek: Es gibt mehrere Kulturinstitutionen der Nachkriegszeit, in denen Personen gearbeitet haben, die eine NS-Vergangenheit hatten. Man fragt sich, warum man damals nicht näher hingeschaut, nicht mehr nachgefragt hat. Aber vermutlich war der Blick mehr vorwärtsgerichtet. Man wollte, dass es weitergeht, dass die Welt sich wieder neu erfinden und drehen kann. Die Gesellschaft braucht oft Zeit, um sich kritisch mit ihrer verdrängten Vergangenheit auseinanderzusetzen. Für uns ist es wichtig, dass nun die NS-Verstrickung Bauers offengelegt wurde.

Chatrian: Sie haben das Recht, diese Frage zu stellen, aber sie bezieht sich auf die gesamte Gesellschaft. Geschichte ist ein Prozess, wir sind ständig dabei, sie umzuschreiben. Indem wir das tun, verstehen wir besser, wer wir waren und wer wir sind.