Ein schwarzes Loch
Illustration: NASA

GenfFerrari. Sie müssen jetzt zu lesen aufhören, wenn Sie keine Produktenttäuschung erleben möchten. Hier geht es nämlich um die Geschichte des Universums, erzählt von einem Physiker, der maßgeblich an der Entdeckung des Higgs-Boson beteiligt war.

Ich habe von Milliardären gehört, die angeblich die Violinistin Anne-Sophie Mutter eingeladen haben, um sie vor ihren Gästen spielen zu lassen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber dies erschien mir immer als der Höhepunkt des Luxus. Nun also Sergio Marchionne (1952-2018). Kein Milliardär, sondern ein Topmanager, der unter anderem auch Chef von Fiat und Ferrari war. Er soll nicht nur ein Vermögen von 550 Millionen Schweizer Franken hinterlassen haben, die Nachricht von seinem Tod habe auch dazu geführt, dass der Kurs der Fiat-Aktie um 16 Prozent einbrach.

Als Marchionne Fiat- und Ferrari-Chef war, rief er den am Genfer Kernforschungszentrum Cern arbeitenden Guido Tonelli an: „Hallo, Professor? Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Habe ich das richtig verstanden, dass es immer noch ein Vakuum ist? Das gesamte uns umgebende Universum, meine ich? Sogar mit Donald Trump und den Aktionären von Fiat Chrysler Automobiles, die mich ganz verrückt machen? Zu schön. Wunderbar. Ich wusste schon immer, ich hätte Physik studieren und diesen ganzen Unfug sein lassen sollen, mit dem ich mich seit vierzig Jahren befasse.“ Dann bat er Guido Tonelli, doch einmal nach Turin zu kommen, wenn er dort wäre. Er würde ihn auch einfliegen lassen, um von ihm zu erfahren, was es so auf sich habe mit dem Weltall und seiner Geschichte.

Die beiden trafen sich, aber Sergio Marchionne wollte alles, so war er nun mal, ganz genau verstehen. Es blieb also nicht bei dem einen Treffen. Dann erkrankte der Manager und starb.

Ich weiß nicht, ob seine Neugierde befriedigt wurde durch das, was Tonelli ihm erzählte, oder ob sie, so geht es mir bei der Lektüre des Buches, nicht immer mehr wuchs. Das Buch heißt „Genesis – Die Geschichte des Universums in sieben Tagen“, ein ironischer Titel.

Das ganze Buch ist vollgestopft mit Anekdoten, die einen zu glauben verleiten, man habe es verstanden, nur weil man es aufmerksam, ja mit Vergnügen verschlungen hat. Apropos verschlungen: Die Genesis, die Erschaffung der Welt, stellten sich die Kuba im Kongo so vor: Der große Mbombo, Herr über eine finstere Welt, spie Sonne, Mond und Sterne aus, „um sich von einem gewaltigen Magengrimmen zu befreien“. Dass alles aus Gott komme, haben wir Abendländler als besonders erhabene Vorstellung gepflegt, aber niemals dachten wir, Gott habe die Welt ausgekotzt.

Reden wir vom Vakuum, jener für Sergio Marchionne so tröstlichen Vorstellung. Wer sich das Vakuum als einen von allem leergepumpten Raum vorstellt, der hat es nicht verstanden. Guido Tonelli stellt uns das Vakuum ganz anders vor: „Es ist nicht das Nichts, sondern im Gegenteil ein System, das unbegrenzte Mengen an Materie und Antimaterie enthält.“ Die sind in ständiger Fluktuation. Werden und Vergehen lösen einander ab. Tonelli weist darauf hin, dass das, was wir Stille nennen, ja auch erzeugt werden kann, nicht durch das Ersterben aller Laute, sondern durch „die Überlagerung sämtlicher möglicher Töne, die sich wechselseitig aufheben, wenn sie sich in entgegengesetzten Phasen addieren.“ Das leuchtet sofort ein, ändert aber nichts daran, dass ich denke: Also ist das Vakuum keines. Heißt das, dass es keines gibt? Aber um die Wahrheit zu sagen: Ich weiß doch, dass es keinen Tod gibt, sondern nur Verwandlung.

Mir kommt das sehr entgegen. Ich glaube nämlich nicht, dass es ein Nichts gibt, ein Nichts, das ein wirkliches Nichts wäre. Sich vorzustellen, dass alles weg wäre, ist ein verhältnismäßig einfaches Gedankenexperiment, solange man sich nur vorstellt, den Raum zu leeren. Sobald der selbst weg soll, macht mein Gehirn schon nicht mehr mit. Noch schlimmer die Idee, dass auch die Zeit ein später Nebenzweig der Ewigkeit sein soll, ein Zeichen der Dekadenz, um mit Thomas Mann zu sprechen. Aber, soweit ich ihn verstehe, spricht Tonelli nicht davon.

Sein Buch macht deutlich, dass der Kosmos das Chaos nicht abgelöst hat, sondern sein Produkt bleibt. Wir haben gelernt: Auf Dauer herrscht im Vakuum Nullenergie. Sieht man aber genauer hin und betrachtet sehr kurze Zeiten, stellt man fest, dass dahinter ein ständiger Vernichtungskrieg von Teilchen und Antiteilchen tobt. „Das Vakuum lässt sich als ein unerschöpfliches Vorkommen an Materie und Antimaterie betrachten.“ Der Eindruck von Nullenergie kommt nur dadurch auf, dass das, was entsteht, sofort wieder vernichtet wird von etwas anderem, das entsteht. Das Gleiche wie hier im Kleinsten geschieht auch im Größten: „Das Chaos hat sich als Ordnung verkleidet.“ Eine sehr dauerhafte Ordnung für menschliche Maßstäbe. „Das Leben der Galaxis entfaltet sich auf einer Zeitskala von vielen Milliarden Jahren.“ Aber die Schwarzen Löcher sind da und werden die Galaxien verschlingen. Auch hier ein Gemetzel.

Die Pointe der Tonellischen Erzählung ist aber nicht das Ende, nicht die Vision von Untergang und Katastrophe. Er sieht das, er beschreibt es. Er erzählt vom Nichts. Dieses Nichts aber ist der Anfang von allem; das, woraus alles hervorging und aus dem wieder alles hervorgehen wird. Nicht, weil es einen Gott gibt, der ihm gesagt hat, was werden soll, sondern das Nichts selbst ist dieser Gott. Nein, nein, das schreibt Tonelli nicht. Das lese ich aus ihm heraus, möglicherweise die Umdeutung eines Menschen, der ans Nichts nicht glauben mag. Aber das ist das Motto, das er seinem Buch vorangestellt hat: „Dichtung hilft uns, auf verzweifelte Weise“ (Anonymer Verfasser einer Mauerinschrift im Zentrum Palermos, Oktober 2018)

Guido Tonelli, Genesis – Eine Geschichte des Universums in sieben Tagen, aus dem Italienischen von Enrico Heinemann, C. H. Beck Verlag, 219 Seiten, 22 Euro.