Berlin - Nun also ist er unter die Evangelisten gegangen. Sebastião Salgado, 71, Welt-Meister unter den sozial engagierten Fotografen unserer Zeit, verkündet mit seinen atemberaubenden Schwarz-Weiß- Motiven von den letzten Natur-Paradiesen unserer Erde gleichsam eine Heilslehre im Namen der „Genesis“ aus dem 1. Buch Mose: Die sieben Tage der Schöpung sind auf den Fotos: Tag und Nacht, das Himmelsgewölbe, das Wasser und Land trennt, Pflanzen und Tiere entstehen und die Himmelskörper. Und zuletzt: die Menschen weibliche und männliche. Und am siebten Tag: Ruhe.

All das formuliert Salgado mit seiner Kamera als eine so wortgewaltige wie poetische Predigt. Aufnahme für Aufnahme gleicht einem inbrünstigen Gebet an – und für – die Zivilisation, unseren Blauen Planeten zu retten.

Die Berliner Fotogalerie C/O ist der erste Ort in Deutschland, der diese 245 Fotos zeigt: Scharf die Hell-Dunkel-Kontraste, ruhig die Komposition, klar die in Makro- wie Mikro-Sicht erfassten Strukturen, all die unglaublichen Formen der Natur, von den Vulkanen, Wüsten, den als grandiose „Architekturen“ aufragenden Eisbergen am Norpol, über die majestätischen, wie von einem bildhauernden Riesen flachgemeißelten Tafelberg-Massive des Grand Canyons bis zu den „wilden“ Ureinwohnern und Tieren im Dschungel, den Inuit am Eismeer, dem Leben in Savannen und Regenwäldern. Und die Pinguin-Kolonien der Antarktis.

Krank vom Elend der Welt

Gerade sahen wir in den Kinos „Das Salz der Erde“ – Wim Wenders Hommage an den Menschen-Fotografen Salgado. Und wie wir da so bequem in unseren Kinosesseln saßen, traf uns schon dieser empathische, verstörende, berührende Augenzeugenbericht vom Leben und Sterben auf der Welt mitten ins Herz. 40 Jahren lang suchte, las und fotografierte Salgado die Spuren unserer Geschichte auf allen Kontinenten, wurde Zeuge von Konflikten, Krieg, Hunger, Leid. Dabei wurde er immer dünnhäutiger, die eigene Hilflosigkeit angesichts all des Elends machte ihn seelisch krank.

„Genesis“ wurde seine „Selbst-Therapie“, als er 1994 mit seiner Frau Lélia Wanick – sie kuratiert nun auch die Ausstellung – die Agentur Amazonas Images, gründete. Dann fotografierte er acht Jahre lang, auf 32 Fernreisen, in klimatischen Extremen, die „letzten Paradiese“. Er machte seine Expeditionen in kleinen Propellerflugzeugen, mit dem Schiff, im Faltkanu, im Fesselballon, zu Fuß .

Die Initialzündung zum Projekt „Genesis“ mit dem er unberührte Orte – 46 Prozent der Landmasse sind noch so wie in der Zeit ihrer Entstehung – aufspürte, war für ihn ein Amazonas- Wiederaufforstungprojekt in seiner alten Heimat Brasilien. Und so kehrte er, der schon lange in Paris lebt, an den Ursprung zurück. Ein Großfoto zeigt eine Büffelherde in Afrika auf der großen Wanderung, Über den Tieren reißt der Wolkenhimmel auf, ein Strahlenzelt entsteht, wie auf einem Gemälde der Romantiker. Salgados Foto-Ode an die verletzliche Schönheit unseres Planeten versetzt er mit Glaube, Liebe udn der Hoffnung, dieser zerzausten, Flickenkleider tragende kleinen Tochter der Angst, die sich gegen all die Gleichgültigkeit wehrt.