Berlin - Wie nur kann man einen Engelsflügel so farbflirrend malen und Musikinstrumente so, dass ihr Klang fast zu hören ist? Wie macht ein Maler Ritterrüstungen so blitzend, dass die Scharniere zu klirren scheinen und zum Heiligtum eilende Bauern so heiter, dass ihre Armut unsichtbar wird? Und wie geraten Landschaften auf einem Bild so duftig, als wenn ewiger Frühsommer herrscht und ein Gottvater von sonniger Strenge?

Wer den bis in die letzte Stoff-Falte raffiniert-eleganten Realismus altniederländischer Malerei – also der flämischen und niederländischen Kunst zwischen etwa 1400 und 1530 – erfahren, genießen, studieren will, der ist in Berlin so richtig wie in keiner anderen Stadt der Welt: Die hiesige Gemäldegalerie birgt die reichste Sammlung dieser Art.

Bis 1920 zählte sogar ein Teil des größten Meisterwerks der altniederländischen Malerei dazu: Sechs der insgesamt acht Tafeln des Genter Altars. Geschaffen zwischen etwa 1420 und 1433 von den Brüdern Jan und Hubert van Eyck für die Genter St. Bavo-Kirche, gilt er als Höhepunkt einer neuen Kunst im Norden. Jetzt erinnert die Gemäldegalerie in einer kleinen Sonderausstellung an ihren einstigen Hauptschatz, der in Folge des Versailler Vertrags an Belgien abgegeben werden musste.

Dem Bildersturm entkommen

Der Altar galt von Beginn an als Wunderwerk. Vor dem Bildersturm calvinistischer Fundamentalisten wurde er 1566 im Turm der Kirche versteckt. Im Barock erhielten die Bilder dann einen neuen prachtvollen Rahmen. Erst der spätere klassizistische Antikenkult konnte mit dem Farbenglanz nur noch wenig anfangen. Zwar ließ Napoleon das berühmte Kunstwerk für den Louvre requirieren, doch nach dem Sturz des Kaisers verkaufte das Genter Kapitel es 1816 an einen Kunsthändler, über den es in die Hände von Edward Solly geriet, der lediglich 100 000 Franken zahlte. Als der preußische König Friedrich Wilhelm III. 1821 die Tafeln mit der Sammlung Sollys erwarb, wurden sie alleine schon mit 60 000 Talern taxiert, mehr als dem 40-Fachen. Die frühe Neuzeit lag im Trend.

In der Haupthalle der Gemäldegalerie steht nun die monumentale Rekonstruktion des Altars. Zusammengesetzt ist sie aus im 1:1-Format abgezogenen historischen Schwarz-Weiß-Fotos der einst Berliner Tafeln sowie gemalten alten Kopien. Geschaffen wurden sie von dem hoch angesehenen Michiel Coxcie 1558 für König Philipp von Spanien und von dem Berliner Carl Schultz um 1825 für König Friedrich Wilhelm III. und seinen Sohn Friedrich Wilhelm IV. Mit den Werken von Coxcie und Schultz vervollständigte sich das Set der Berliner Original- Tafeln van Eycks damalst zum ganzen Genter Altar – so wie im Brüssler Museum die anderen Coxcie-Tafeln zur Komplettierung der dorthin gelangten Bilder des Genter Altars genutzt wurden. Als das Alte Museum am Lustgarten 1830 eröffnete, war der Altar Ausgangs- und Höhepunkt der Ausstellung. Das Biedermeier liebte vor allem die musizierenden Engel. Noch in den Planungen für das Deutsche Museum im Nordflügel des heutigen Pergamonmuseums seit 1907 war für die van Eyck-Werke der zentrale Hauptsaal reserviert. Doch 1920 mussten die Tafeln ausgeliefert werden, genau so wie der in München aufbewahrte „Löwener Altar“ von Dierick Bouts. Dies galt als Kompensation für im Krieg zerstörte Kunstwerke. Das waren völkerrechtlich klare Fälle von Kulturgut-Raub – die von allen Kriegsbeteiligten unterschriebene Haager Konvention von 1904 verbietet die Kompensation von Kriegsschäden durch Kulturgüter des Gegners ausdrücklich.

Neue, weltgewandte Kunst

In diesem Fall hatte der Rechtsbruch immerhin sein Gutes: Der einzigartige Altar war wiedervereint, wurde 1921 vollständig wieder in der St. Bavo-Kirche aufgestellt – auch das Brüssler Museum gab nach einigem Widerstand seine Tafeln dorthin zurück. Doch schon 1940 mussten sie wieder demontiert werden, wurden ins französische Pau ausgelagert, wo die Nazis sie 1942 nach intensiver Suche aufspürten.

Sie schafften den Altar – als „Geschenk“ der Vichy-Regierung! – nach Schloss Neuschwanstein, lagerten ihn mit den für Hitlers Linzer „Führermuseum“ gedachten Kunstwerken ein. 1945 wurde der Altar von den Amerikanern aus dem Kunstlager am Altausee per Flugzeug nach Belgien gebracht. Die Wiederaufstellung in der Genter St. Bavo-Kirche am 6. November 1945 war ein nationales Ereignis.

Bedauerlich, dass diese spannende Geschichte in der Ausstellung nur anhand einer trockenen Datenliste erzählt wird. Man muss das vorzügliche Begleitbuch der Kuratoren Stefan Kemperdick und Johannes Rößler zur Hand nehmen, um sie zu erfahren. Eine Beschränkung, die nicht der Geld- und Zeitnot geschuldet ist, unter der dieses wichtige Projekt entstehen musste.

Es sollten schnellstens trotzdem noch die historischen Fotos, Postkarten, Prachtbücher, die Aktenkonvolute, Briefe Bodes und Simons und des Sammlers Solly hinzugefügt werden. Bedauerlich ist auch, dass die Gemälde und Fotos so montiert sind wie der Original-Altar, also gerade die Außenseiten der Flügel mit den vorzüglichen Portraits des Stifterehepaars Vijt nicht zu sehen sind. Gerade sie aber erzählen: Das Werk war eine Kaufmannsstiftung, deshalb war es so populär im bürgerlichen 19. Jahrhundert.

Und um zu verstehen, welch grandioser Künstler Jan van Eyck war, sollte man in den Saal 4 gehen. Dort hängen seine in Berlin verbliebenen Bilder, die kleine, aber atemberaubend monumentale Madonna im Kirchenraum, die detailscharfen Porträts des Baudouin de Lannoy oder eines italienischen Kaufmanns. Mit Van Eyck begann einst eine neue Kunst, die sich der Welt zuwandte.

Gemäldegalerie , Kulturforum. Bis 29. März 2015, Di/Mi/Fr 10–18/Sa+So 11–18 Uhr. Katalog (Imhof) 19,90 Euro.