Dieses erste deutschsprachige Album ist für Gentleman zweifellos ein beherzter Schritt. Immerhin bewegte er sich ungefähr ein Vierteljahrhundert lang auf Jamaikanisch durch die deutsche Szene: Tilmann Otto, in Köln aufgewachsener Pastorensohn, hat als Erster gezeigt, dass man Reggae auch in Deutschland verstehen und spielen kann, ohne ihn touristisch oder als Rebel-Musik punkig einzugemeinden. Gentleman, Jahrgang 1975, lernte das Handwerk schon Ende der Achtziger bei einheimischen Soundsystems wie Silly Walks, aber er tauchte auf seinen Jamaikareisen bis zur sprachlichen Mimikry in den Stil. Er produzierte nicht nur auf der Insel, sondern erspielte sich internationalen und sogar jamaikanischen Respekt. In Deutschland wohnte er seit dem zweiten Album von 2002 in den Goldbereichen der Charts.

Sorgen kennt er nun dennoch, vom Klima zum Kater, von der Politik zum Vater, der sich immer noch einmischt, „Goldplatten an der Wand und sich fühl’n wie ein Versager“, singt er in „Staubsauger“. Das ist einer der besten und reggaesattesten Titel des Albums, der Riddim schwer, beweglich und hoch präzise, der Gesang fließt eilig – bis er im Refrain das Haushaltsgerät länglich dazu benutzt, „auf Vollpower“ wegzusaugen, was „manchmal so schwer zu ertragen“ ist.

Gentleman hat sich gut sechs Jahre Zeit gelassen für das Album, einerseits um sich seinem dritten Kind zu widmen, andererseits um, sagt er, eine angemessene deutsche Form für den Gesang zu finden. Der Fluss der Worte gelingt auch recht gut, wobei die Stimme zwischen soulvollem Croonen und angetoastetem Sprechsingen zu oft in einen seltsam angestrengten Feelgood-Tonfall steigt, dem so unsexy Wörter und Ideen wie „Staubsauger“ gar nicht stehen.

Gentleman kann seine Hörer berühren

Lyrisch gibt es immer mal Ansätze zur Konkretion, zu ungefährer Politik oder Freundschaftstrouble. Aber die werden dann im Vagen aufgelöst, alles halt zu schnell, zu laut, zu eng. Also träumt er frühvergreist von Enkeln, Schaukelstuhl und „einer kleinen Plauze“, erzählt vom Garten und den vielen Blumen, zwischen Kingston und Köln scheint schließlich immer irgendwo die Sonne, ist „Gott seid Dank gutes Wetter“, dämmert die titelgebende blaue Stunde: „Die kleinen Wellen fragen mich: Was machst du denn?“.

Die Musik dazu ist oft sehr gelungen, zwischen schickem Studio -One-Reggae, erweitertem Lovers Rock, sowie diversen HipHop-Hybriden bis zu einer Art immerhin noveltyhaftem Schlagertrap. Aber einige Refrains und R’n’B-artige Melodien fallen doch recht reißbrettmäßig aus, vielleicht der fragwürdige Deutschpop-Einfluss aus der TV-Show „Sing meinen Song“, wo er demnächst zum zweiten Mal dabei sein wird.

Dabei kann er einen schon berühren. „Bei dir sein“ handelt recht sentimental davon, dass er die flüchtige Zeit der jungen Vaterschaft nicht mit Arbeit, Kneipenkumpels und anderem sozialem Kram verschwendet. Abgesehen vom riskanten Timing vor dem drohenden Schul-Lockdown beschert das den Eltern unter seinen Hörern, die gerade ein paar Weilchen mit seinem musikalisch netten, lyrisch banalen Pop verbracht haben, erfolgreich ein schlechtes Gewissen.

Gentleman: „Blaue Stunde“ (Urban / Universal Music)