Berlin - #image0

„Wo ist Zagato?“ ist auf das Haus am Marheinekeplatz gesprüht. Im Dezember musste das kleine italienische Lokal nach über dreißig Jahren schließen. Es war eine echte Institution und immer voller Stammgäste aus der Nachbarschaft. Für die war es ein Schock, als der Wirt von der Kündigung durch den neuen irischen Hausbesitzer berichtete. Er hätte sogar die doppelte Miete bezahlt, aber es wurde nicht verhandelt.

Irgendwann vor drei Jahren musste ich endgültig einsehen, dass ich in keinem normalen Wohnviertel mehr lebte. Ich wollte gerade die Marheineke-Markthalle an der Bergmannstraße betreten, um meine üblichen Besorgungen zu machen. Da hielt ein Reisebus aus Niedersachsen und spuckte ein große Zahl von beige gekleideten Rentnern aus.

Sie strömten zielstrebig zu den Obst- und Käseständen und schauten sich um wie in einem Museum; oder einem Zoo. Hatten sie noch nie eine Markthalle gesehen? Was ist daran so interessant, wenn normale Berliner einkaufen gehen? Ich kam mir vor wie lebendiges Anschauungsmaterial.

Ferienwohnungen werden eingerichtet

Die Bergmannstraße ist heute – neben Kudamm, Unter den Linden, Potsdamer Platz und Oranienburger Straße – ein touristisches Epizentrum Berlins. Auch bei uns im Hinterhaus werden derzeit drei Ferienwohnungen eingerichtet. Es kämen ruhige Leute, der Hausfrieden sei ihm wichtig, beschwichtigt der Vermieter.

Wir im Haus sind skeptisch. Zu viele Berliner haben unter dem Party-Terror von Jungtouristen im Haus zu leiden. Und an jedem Sonnabend herrscht auf der Bergmannstraße ferienhafter Trubel wie auf den Ramblas von Barcelona oder dem Edel-Trödel-Ballermann in der Londoner Portobello Road.

Das wirkt zwar auf den ersten Blick urban mit all den Menschenmassen, und grölende Saufhorden gibt es auch nicht in den voll besetzten Cafés; aber die eingesessenen Bewohner fühlen sich in ihrem eigenen Viertel zunehmend fremd. Das „normale“ Stadtleben spielt hier nur noch eine untergeordnete Rolle, gerade im Sommer kommt man sich in dieser andauernden Urlaubsstimmung als arbeitender Mensch komisch vor. Freunde aus Charlottenburg oder Zehlendorf, die längere Zeit nicht mehr hier waren, können nicht fassen, wie sich der Bergmann-Kiez verändert hat.

Das war vor elf Jahren, als ich in die Gegend zog, noch nicht abzusehen. Die Anwohner waren froh, dass es in der einst tristen Straße, in der sich noch in den Achtzigern vor allem Billig-Trödler, Dönerbuden und Eckkneipen reihten, endlich ein paar bessere Geschäfte gab. War das vielleicht schon der Beginn der Verbürgerlichung, der teuren Veredlung, wie sie jetzt allenthalben in Kreuzberg beklagt wird? Habe ich selbst zu dieser Entwicklung beigetragen und einer Migrantenfamilie oder Hartz-IV-Empfängern eine geräumige Wohnung weggenommen?

#gallery0

Wie überall in Kreuzberg sind auch rund um die Bergmannstraße die Wohnungskosten rasant gestiegen. Früher undenkbar, ist es eine der begehrtesten Wohnlagen der ganzen Stadt geworden. Die alte Post ist jetzt ein Luxuslofthaus und überall sprießen schicke neue Läden und gehobene Gastro-Degustationen aus dem Boden. Ein schöner Nebeneffekt: Es gibt jetzt wie im Prenzlauer Berg immer mehr Kinder, umsorgt von kultivierten Edelhipster-Eltern. Unsere Zukunft.

Der Bezirk – in seiner Bewohnerstruktur immer noch einer der ärmsten der Stadt – ist mit durchschnittlich 8,02 Euro pro Quadratmeter jetzt der teuerste Distrikt bei Neuvermietungen. „In Kreuzberg ist die Kluft zwischen Bestandsmieten und Neuvermietungen besonders hoch“, erklärt Reiner Wild, der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Doch auch bei den bestehenden Mieten liegt der Bezirk mit 5,13 Euro schon an dritter Stelle. Der nächste Mietspiegel wird vielen gewiss wieder eine 20-prozentige Erhöhung bringen, wie sie im letzten Jahr Hunderttausende von Berlinern erhielten.