Der Schweizer Dramatiker und Romanautor Lukas Bärfuss fühle sich von einem Engel geküsst. So kommentiert er die Nachricht, dass man ihm den Georg-Büchner-Preis verleiht. Wie schön, wenn man Preise kriegt! Es ist vielleicht fies, aber es sei an eine Anekdote von vor gut zehn Jahren erinnert: Damals zog sich die von Bärfuss mitgegründete Theatergruppe 400asa aus dem Wettbewerb um „die beste Produktion“ des 7. Festivals Politik im Freien Theater zurück. „Wir meinen“, so hieß es einst im Offenen Brief, „dass sich diese durch das Adjektiv ‚die beste‘ vollzogene Kategorisierung für freies politisches Theater nicht eignet.“

Die Briefschreiber lehnten das Ritual mit dem „medialisierten Jubel der Gewinner“ ab. Sie kamen vom Jury- und Wettbewerbswesen auf den Zynismus von TV-Castingshows, auf die Siegermentalität schnittiger Anlageberater und arroganter Machtmenschen − und dann ziemlich direkt bis zur apokalyptischen Finanzkrise, die damals gerade lostobte. Wettbewerbs- und Kulturbetriebskritik im Kleinen ist Kapitalismuskritik im Großen und ein Schritt zur Rettung der Welt.

Der schönste von schön vielen Preisen

Darf man in so einer Welt überhaupt Preise annehmen? Aber natürlich und besten Gewissens. Die trompetige Ablehnung galt ja nur für dieses Festival − und vermutlich ging der PR-Gag, pardon: der Diskurs-Anstoß auch eher vom streitfreudigen 400asa-Regisseur Samuel Schwarz aus. Lukas Bärfuss jedenfalls - der gar nicht mehr zu der Gruppe gehörte, auch wenn es sein Stück Bus“ war, das auf dem Festival gespielt wurde - hat vor diesem Festival und danach munter Preise verdient und gewonnen. Mindestens zwanzig an der Zahl inklusive Nominierungen listet Wikipedia auf.

Darunter solche Renommierbrummer und Medienrummelattraktionen wie den Mülheimer Dramatikerpreis (2005), den Anna-Seghers-Preis (2008) oder den Schweizer Buchpreis (2014). Ob es wohl eine ungetrübte Freude für jemanden war, der so herrlich über die Heucheleien des Kulturbetriebs lästerte, viel in Kollektiven arbeitete und nun für seine individuelle − benutzen wir das böse Wort – Leistung prämiert wurde? Auch wenn der Büchner-Preis für sich stehe: Gefreut habe er sich über jeden Preis, sagte er am Dienstag: „Jeder Künstler und Schriftsteller braucht Anerkennung“.

Im Geist von Georg Büchner

Wir, seine Leserinnen und Leser, freuen uns mit. Nicht, weil wir es immer schon wussten, sondern weil wir jetzt noch mehr werden. Die Dotation von 50000 Euro, mit der der am 2. November von der Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache in Darmstadt verliehene Büchner-Preis einhergeht, soll uns eine Erwähnung wert sein − damit kommt man auch in der Schweiz eine Weile hin. Wichtiger ist natürlich der Geist dessen, nach dem der Preis benannt ist: der Sozialrevolutionär und der Existenzdichter. Möge Büchner Bärfuss nicht nur inspirieren, sondern anstacheln.

Bärfuss ist vor 47 Jahren in Thun geboren, hat nach neun Jahren die Primarschule abgeschlossen und in verschiedenen Jobs gearbeitet, unter anderem in einer kollektiv geführten Buchhandlung, wo er die Literatur entdeckte. 1997 gründete er besagte 400asa-Gruppe und ist seither freier Schriftsteller mit dem einen oder anderen Posten etwa als Lehrbeauftragter im Literaturinstitut Biel oder als Dramaturg im Zürcher Schauspiel (2009–2013).

Mit Wucht und Stil

Sein Werk ist formal vielgestaltig, strebt stets nach Genauigkeit und frisst sich beharrlich zum Detail vor, in dem sich die mythische Tragik der Existenz abbildet, die man als geschäftiger Gegenwartsteilnehmer in der heutigen Welt gar nicht vermutet. Bärfuss arbeitet mit scharfem Witz, symbolischer Wucht, verspieltem Stilwillen und einiger Verbissenheit.

Seine Essays sind angriffslustig und schonungslos, sie stellen soziale Fragen mit schwer auszuhaltender Schärfe und lösen Debatten aus wie etwa die böse Psychoanalyse seines Heimatlandes („Die Schweiz ist des Wahnsinns“, FAZ 2015), deren Rechtsruck-Thesen sich leider immer weiter bewahrheiten. Auch sein Durchbruchstück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ (2003) spielt, wie der Titel schon sagt, mit psychoanalytischem Besteck. Es wurde in zwölf Sprachen übersetzt.

Ein kleiner Schritt ins Nichts

Bärfuss klappt mit wenig Aufwand die Oberflächen unserer Existenz weg und lässt uns in die Abgründe blicken. Ein kleiner Wechsel der Position und der Perspektive, eine kleine Verschiebung der Wahrnehmung − und schon rückt das sich in seiner Scheinwelt sicher fühlende Subjekt der Wahrheit näher und sieht sich damit in Angst, Schrecken und Haltlosigkeit versetzt. In seinem Stück „Öl“, uraufgeführt im Deutschen Theater, rutscht die weibliche Hauptfigur (gespielt von Nina Hoss) in den Wahnsinn ab, während sie in einem mittelasiatischen Land auf ihren Mann, einen erfolglos nach Öl suchenden Geologen wartet, und schließlich zur Pumpgun greift.

In seinem jüngsten Roman „Hagard“ (2017) reicht ein leeres Handyakku und ein verlorenes Portemonnaie, um den souveränen Helden aus allen sozialen Konnektionen zu reißen, ihn seiner Identität zu berauben und ins Nichts zu stürzen. Möge der Preis Halt geben.