DarmstadtMehrfach habe diese Verleihung von drei Preisen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung - die erstmals in der Geschichte der Akademie an drei Frauen gehen – vor der Absage gestanden, berichtete Akademiepräsident Ernst Osterkamp am Sonnabenabend im Staatstheater Darmstadt, wo ein paar Angehörige, Kameraleute für den Livestream und etwas Presse lose über die Reihen verteilt waren. Die mit dem Coronavirus infizierte Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn, grüßte von zu Hause, Péter Nádas und Gesine Schwan, die die Lobreden auf Iris Radisch, Trägerin des Johann-Heinrich-Merck-Preises, und Ute Frevert, Trägerin des Sigmund-Freud-Preises, hielten, hatten nicht anreisen können. Die aus Berlin gekommene Büchner-Preisträgerin Elke Erb wurde von Osterkamp zur Urkundenüberreichung auf die Bühne geleitet, sodass er ihr, da es schon egal war, dort auch die Hand schütteln konnte.

Dem Virus wurde anschließend keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Als aktuelle Leitthemen der Reden zeigten sich die Fragen nach der Verständlichkeit von Sprache und nach der inneren, eigenen Stimme. Die Historikerin Frevert, für ihre „barrierefreie“ (Schwan) wissenschaftliche Prosa geehrt, betonte, sie wolle für „ein breiteres“ Publikum schreiben, für „die Gesellschaft“. Sie habe „als Historikerin der modernen Zeit den Wunsch, diese Gesellschaft über sich selbst aufzuklären: über ihre Herkunft, ihre Signaturen und Konfliktlinien, über verschüttete Alternativen und Veränderungspotenziale. Gesellschaften sind lernfähig, sie können gar nicht anders ...“

Ernst Osterkamp (l.), Präsident der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gratuliert der Schriftstellerin Elke Erb bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises im Darmstädter Staatstheater.
Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Zuvor war die Literaturkritikerin Iris Radisch („Die Zeit“) von Nádas in einem fabelhaften Stück Literatur gewürdigt worden – „Auf ihre Autonomie können wir blind vertrauen. Die ist wie Granit. Beim Zusammenprall wird es nicht angenehm.“ Radisch, Jahrgang 1959, erzählte von ihrer völlig bücherfreien Kindheit in der geteilten „Frontstadt“ Berlin, in der die (auf Wilhelm Genazino zurückgreifende) „Gesamtmerkwürdigkeit des Daseins“ allerdings selbst schon Literatur gewesen sei. Es sei dann die „innere Stimme“ gewesen, die sie als „Gegengift zum kollektiven Sprachbetrieb“ fasziniert habe, jene Stimme, die darüber entscheide, „ob man es bei einem Text mit großer Literatur zu tun“ habe.

Elke Erb hielt eine denkwürdige, aber keine Dankesrede

Und dann kam die 82-jährige Elke Erb mit einer Rede, die im engeren Sinne keine Dankesrede war. Dafür war sie wie eine Reaktion auf Frevert und Radisch und auf ihre Weise denkwürdig. Elke Erb sagte: „Meine Damen und Herren, ich bin schon seit Februar 82, Georg Büchner starb mit nicht einmal 24.“ Elke Erb zitierte sich selbst: „Schmerzlichtung, Dichtung. / Am Waldesrand, am Waldesrand / die Tanne stand / im eigenen Land.“ Und sagte: „Also: Büchner hätte das verstanden.“

Schon die – ulkig im Zusammenhang mit Lyrik – völlig ausgeuferte Lobrede des Schriftstellers Hendrik Jackson war auf die Schwierigkeit eingegangen, die Texte von Elke Erb zu verstehen. Für Erb sei aber „die Artikulation des angeblichen Nichtverstehens schon eine produktive Gegenstrategie“ zum „Unverständlichkeitsverdikt“. Das war kein Kontrast zu Frevert, eher eine Ergänzung. Klar wurde ja: Das Verständliche wie auch das Unverständliche könnte, sollte aber nie der Simplifizierung dienen.

Elke Erb erklärte, sie habe versucht, das Dramatische in „Leonce und Lena“ zu „erreichen“, sich dann aber für die Sprache allein entschieden. „Gerade in diesem Stück ist sie das Eigentliche, die von ihm zum Tanzen gebrachten Reden.“ Büchner argumentiere nicht, die Sprache sei nicht ironisch, keine „Entlarvung“, kein Spott, keine Geißelung, sei nicht jugendlich oder frühreif. „Sie ist leicht, rasch ... Sie ist ungewohnt und doch sofort eingängig“, „keine Gedichte, aber doch: so leicht und durchsichtig. Ich wüsste niemanden, dessen Darstellungen den seinen glichen.“ Und dann zitierte sie für den Rest ihrer Redezeit ohne jedwede inhaltistische Nacherzählung „Leonce und Lena“. Sodass die innere, eigene Stimme von Georg Büchner den Saal erfüllte.