Es beginnt, wie ein guter Krimi halt beginnt: Dunkle Gestalten schleichen nachts um die Häuser, ein Mann steht einsam auf dem Balkon und raucht, ein Ferrari brennt, es gibt eine Schlägerei, und dann beißt eine fette Ratte einem unschuldig schlafenden Baby einen Finger ab. Der Privatermittler Georg Dengler steigt sofort in den nächsten Flieger von Stuttgart nach Berlin, seine Freundin, die Hackerin Olga, ist nämlich befreundet mit der Mutter des armen Babys, und Dengler erklärt sich also bereit, den Übeltäter zu finden, der die Killer-Ratte im Treppenhaus des Kreuzberger Plattenbaus ausgesetzt hat.

Nun ist Wolfgang Schorlaus „Kreuzberg Blues“ bereits der zehnte Fall, in dem Georg Dengler ermittelt, und man ahnt, dass Dengler, der in der Vergangenheit bereits mit der Aufklärung des Todes des Treuhandchefs Detlev Rohwedder oder des NSU-Duos Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt betraut war, ein größeres Rätsel lösen muss als das eines Rattenbisses. Und dass das eigentliche Verbrechen in diesem Roman jenseits des Strafgesetzbuches liegt.

„Die Dengler-Romane sind Tiefbohrungen, mit denen ich versuche zu verstehen, wie unsere Gesellschaft funktioniert“, sagt Wolfgang Schorlau. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer in Stuttgart vorm Laptop, hinter ihm hängen Schwarz-Weiß-Fotografien, eine zeigt ein Porträt von Andy Warhol, eine andere den jungen Barack Obama beim Fußballspielen. Es sind Aufnahmen von Marc Pokempner aus einem Buch über den Blues in Chicago, das Schorlau im Jahr 2000 schrieb, als er noch Manager in einer IT-Firma war. Zwei Jahre später, da war er 48, gab er seinen Beruf auf, um den ersten Roman über Georg Dengler zu schreiben. Er war ein eher mäßiger Erfolg.

Für den zweiten Fall wurde Schorlau dann mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. Bis heute haben sich die Dengler-Romane 1,5 Millionen Mal verkauft. Das ZDF hat fünf davon verfilmt, die Hauptrollen spielen Ronald Zehrfeld und Birgit Minichmayr.

Der Schriftsteller Wolfgang Schorlau.
Foto: Timo Kabel

Georg Dengler war bisher der Lynchjustiz an alliierten Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf der Spur, deckte kriminelle Machenschaften in der Wasserwirtschaft, in der Pharmaindustrie und in der Tierhaltung auf, ging der Frage nach, ob deutsche Soldaten in Afghanistan den Strahlungen von Mikrowellenwaffen ausgesetzt waren, und versuchte die Verstrickungen von Verfassungsschutz und rechtsextremen Milizen in das Oktoberfest-Attentat von 1980 zu entwirren. Kein Thema, das Wolfgang Schorlau zu groß, zu unüberschaubar ist. Im Gegenteil: Seine Romane beginnen da, wo das diffuse Gefühl einsetzt, dass mehr hinter den Dingen steckt.

Die Ratte führt zum Kampf ums Wohnen

Die Spur der Ratte führt Dengler nun mitten hinein in den Berliner Immobilienmarkt. Dass Wolfgang Schorlau sich ausgerechnet dieses Setting für den neuen Roman ausgesucht hat, sagt viel: einerseits über die Zustände, die Dengler dort vorfindet; andererseits über den ganz realen Kampf ums Wohnen in Berlin. Und das hat mit Wolfgang Schorlaus Technik des Schreibens zu tun. Er ist ein akribischer Rechercheur. Er wühlt sich durch Zeitungsberichte, sichtet Akten, spricht mit Ermittlern und Wissenschaftlern.

Dieses Mal war es die Kunsthistorikerin Annette Kulenkampf, mit der er befreundet ist, die ihn auf die Idee brachte: Lass den Dengler doch mal beim Wohnen recherchieren. Er begann zu lesen. Und landete schnell bei der Frage: Wie konnte es passieren, dass Zehntausende Wohnungen in den Besitz internationaler Konzerne gelangten? Er traf den Berliner Soziologen Andrej Holm, ließ sich von Rouzbeh Taheri, dem Kopf der Bürgerinitiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“, durch die Otto-Suhr-Siedlung führen, traf auch Immobilienbesitzer, die ihm – so ist das meistens, wenn er, der Bestsellerautor, anruft – bereitwillig Auskunft gaben.

Wenn er die Entstehung seiner Bücher beschreibt, sagt Schorlau: „Ich will wissen, wie es wirklich ist.“ Kniffelig wird es, wenn er das, was wirklich ist, in den Plot einer fiktionalen Geschichte einfügt. Die Frage, wie sie Wolfgang Schorlau selbst formuliert, ist: „Wie viel Realität verträgt Literatur?“ Von Dengler zu Dengler, sagt er, ziehe er die Schrauben fester an.

Das hat etwas Reizvolles. In „Kreuzberg Blues“ bekommt die Leserin das skrupellose Geschäftsmodell eines Konzerns namens „Deutsche Eigentum“ erklärt, der alles tut, um seine Rendite zu steigern. Schorlaus Methode ermöglicht ihm, an den Grenzen seiner Recherchen die Fiktion anzusetzen, die Leerstellen zu füllen, die Ermittlungsbehörden, Historiker, Journalisten offenlassen müssen, weil ihnen die Belege fehlen. Das Leben, das so zufällig, so chaotisch ist, wie ein Taumel, sagt Schorlau, bekommt so Struktur. Alles ergibt auf einmal Sinn.

Ein Polizist habe ihm mal gesagt: Was wahrscheinlich ist, ist wahrscheinlich auch passiert. Daran halte er sich: „Es muss plausibel sein, und es muss spannend sein. Wenn Literatur nicht spannend ist, sollte man die Finger von der Tastatur lassen.“

So verwischt er die Genres, schreibt beides, Sachbuch und Roman, macht den sperrigen Stoff fesselnd – und befeuert gleichzeitig einen eher niederen Instinkt des Menschen: zu vermuten, dass die Dinge anders sind, als wir zu glauben meinen; dass geheime Organisationen und undurchsichtige globale Konzerne die Geschicke unserer Gesellschaft lenken. Es ist der gleiche Instinkt, auf den Verschwörungstheorien abzielen.

Dafür ist er in der Vergangenheit hart kritisiert worden. „Schund“ nannte die „Süddeutsche Zeitung“ den Fall, in dem Dengler herausfindet, dass Mundlos und Böhnhardt sich gar nicht selbst getötet haben. Schorlau verkaufe den Lesern „nur mit billigen Mitteln eine Lieblingslegende der Verschwörungsszene“.  Die „Zeit“ befand, Schorlaus „Realitätsertüchtigung“ sei „Unsinn“, den es zu widerlegen gelte. Selbst die „Bild“-Zeitung druckte einen halbseitigen Verriss.

Er habe sich gefühlt, als stünde er in Badehose am Strand und auf dem Meer zielten ein Dutzend Kriegsschiffe mit ihren Kanonen auf ihn, erzählt Schorlau. Er kann mit der Kritik nichts anfangen. „Ich erzähle Geschichten. Geschichten sind gut oder schlecht, daran möchte ich gemessen werden.“

Im „Kreuzberg Blues“ bricht Corona aus

Während Schorlau an „Kreuzberg Blues“ schrieb, brach die Corona-Pandemie aus. Er verwob auch das in seinen Roman, fiktionalisierte die Realität in Echtzeit. Eine Geschichte, die im Heute spielt, sagt er, wäre ihm unglaubwürdig erschienen ohne Corona. Normalerweise würde er jetzt auf Lesereise gehen. Aber alle Lesungen sind abgesagt, nur die Buchpremiere findet statt, virtuell.

Er vermisst den Kontakt zu den Lesern, die Diskussionen mit ihnen sind ihm wichtig. Besonders bei diesem Buch, dessen Thema uns schließlich alle irgendwie betrifft: „Wohnen ist existenziell“, sagt Schorlau, „es erscheint uns oft so selbstverständlich, dass man nicht drüber nachdenkt, aber das ist es eben nicht.“

Kiepenheuer & Witsch
Denglers zehnter Fall

Wolfgang Schorlaus Roman „Kreuzberg Blues“ ist der zehnte Fall des Privatdetektivs Georg Dengler. Seine Ermittlungen führen ihn dieses Mal tief in die Machenschaften eines großen Immobilienkonzerns, mitten hinein in den Berliner Häuserkampf.

Der Roman ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, hat 413 Seiten und kostet 22 Euro. Die Buchpremiere findet am Freitag, den 6.November, um 18 Uhr via Livestream statt, die Tickets kosten 5 Euro, zu kaufen gibt es sie hier.