Berlin - Kunst kommt von Können. Der alte Spruch wird hier wahr, in Bronze gegossen, in Stein gehauen. Der Hauspatron gibt sozusagen zu seinem 140. Geburtstag eine Arbeitsparty, in Form einer vielsagenden Ausstellung über den Bildhauer Georg Kolbe (1877-1947). Titel: „Im Netzwerk der Berliner Moderne“ .

Fast lückenlos ist diese Zusammenkunft von Akten, Tänzern, Porträtbüsten im Atelier und den einstigen Wohnräumen des 1927 vom Architekten Erst Rentsch erbauten Refugiums unter märkischen Kiefern an der Sensburger Allee. Wie nebenbei erzählt die Ausstellung von der pulsierenden Metropole, die im frühen 20. Jahrhundert auch den ehrgeizigen Georg Kolbe mit Gattin Benjamine von Leipzig nach Berlin ziehen ließ. Die Stadt war ein Magnet. Alles, auch die Künste, schien im Aufbruch. Unterschiedlichste Stile und Gattungen befruchteten sich gegenseitig. Mit alten Mustern wurde gebrochen.

Freund des Tanzes

In diesem kreativen Umfeld wurde der junge Kolbe aus Sachsen alsbald zum erfolgreichsten deutschen Bildhauer seiner Generation. Architekten wie Walter Gropius, Bruno Taut, Hans Poelzig und Henry van de Velde brachten seine Plastiken und Skulpturen in Beziehung zu ihren modernen Bauten. Er galt als Instanz im Künstlerkreis von Liebermann, Corinth, Marcks, Slevogt, Ernst Barlach, Peter Behrens. Und er war der innigste Freund der modernen Tanz-Szene. Er begeisterte mit seinen expressiven Tanz-Figuren; unübersehbar Kolbes Obsession für die ekstatische Körpersprache des Ausdruckstanzes: Nijinsky auf Zehenspitzen, Gret Palucca als zerbrechliche Sprungfeder, Mary Wigman gleichsam beim „Hexentanz“. Sie – und andere Stars dieser neuen Kunst – verewigte Kolbe in Bronze und auf zahllosen Zeichnungen.

Wie kaum ein anderes Kunstwerk verkörpert seine bronzene „Tänzerin“ von 1912 den Geist des Tanzes. Mit verträumtem Gesichtsausdruck und ausgestreckten Armen gibt sich die junge Frau ganz der Bewegung hin. Die leicht angebeugten Beine, die vorgeschobene Hüfte und der geneigte Kopf suggerieren eine Drehbewegung um die eigene Körperachse − ein Moment der Bewegung festgehalten in einer ruhenden Bronze.

Zugleich, das wird im ehemaligen Werkstattraum sichtbar, war Kolbe der gefragteste Porträtist der Berliner Gesellschaft, der neuen, fortschrittlichen Eliten und ihrer modernen Künstler. Auf dunklen Podesten stehen und lagern hier die bronzenen, gipsernen, steinernen Konterfeis von Kollegen und Weggefährten. Welch reges Beziehungssystem des kommunikativen Künstlers: Vierzig solcher Charakter-Köpfe – insgesamt hinterließ Kolbe 200 – geben Aussehen, Mimik, Wesen berühmter Leute aus der Zeit der Weimarer Republik wieder.

Sie alle waren Protagonisten dieser Epoche zwischen Glanz und Widerspruch. Ganz vorn sieht man Ludwig Derleth, Dichter („Der Fränkische Koran“), der mit revolutionärem Pathos die neue hierarchische Ordnung eines „gereinigten“ katholischen Christentums, in der stilistischen Nachfolge von Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, verkündete. Ein paar Schritte weiter steht man vor dem Kopf des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert, daneben Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, mit Bebel-Bart und Geheimratsecken. Man schaut dem berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch von der Charité auf die wohlgeformte Nase, wird angezogen von den markanten Gesichtszügen des einflussreichen Kunstsammlers und Schriftstellers Harry Graf Kessler. Und man darf Zwiesprache halten mit Kolbes charismatischem Kunsthändler Paul Cassirer.

Die konservative Rechte freilich tadelte und schmähte Kolbes expressiven Stil und wohl auch sein progressives wirkmächtiges Netzwerk mit der damaligen Berliner Avantgarde. Wie intensiv der Kontakt, auch die gegenseitige Ermutigung und Inspiration gewesen sein müssen, lassen Bilder von Schmidt-Rottluff, Beckmann und Kirchner ahnen, die in der Ausstellung mit Kolbes Figuren korrespondieren. Beredt ist auch der Einblick in Kolbes Briefverkehr und in die Bibliothek. Ein Kosmos der Literatur und Kunst tut sich auf, mit Bänden über den japanischen Holzschnitt, von Da Vinci, Heine, Dostojewski, Mommsen.

In den 1920er Jahren wurde Kolbes extrovertierter Stil ruhiger, die Proportionen wieder realistischer, so die (leider zerstörte, als Nachguss vorhandene) Gestalt „Der Morgen“, 1929, als integraler Bestandteil der Architektur geschaffen für Mies van der Rohes deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona. Kolbe war deren Bedeutung für das Raumgefüge – den berühmten „fließenden Raum“ – wichtig. Es ging ums Zusammenspiel von Architektur und Plastik. Gegenstück der Plastik ist Kolbes „Große Nacht“; sie steht im Foyer des Hauses des Rundfunks, heute des RBB.

Ohne Franco-Porträt

Kolbe war ein grandioser Bildhauer. Der Wahrheit halber aber muss gesagt werden, dass er sich 1939 auch vertan hatte – im Goethe’schen Sinne: Es irrt der Mensch, solang er strebt. Der dem NS-Regime gegenüber sonst distanzierte, sich für verfemte Kollegen einsetzende und sogar selbst kurz in die Aktion „Entartete Kunst“ hineingeratene Kolbe hatte 1939, im Auftrag der deutsch-spanischen Wirtschaftsorganisation Hisma, eine Porträtbüste des spanischen Diktators Franco geschaffen. Die überreichte Hisma Adolf Hitler zum Geburtstag. Kolbe selbst hätte diese Arbeit später gern ungeschehen gemacht. War es Eitelkeit? Bedenkenlosigkeit? Auf diese Bronze kann diese Ausstellung gern verzichten.