Berlin - Noch in den Neunzigern war ein Konzert von George Clinton und seinen P-Funk-Musikanten eine außergewöhnliche Ansammlung von kunterbunten Freaks in einer extrem kleinen Groovenische zwischen Disco und Rockclub. Wenn man am Montag zu ihrem Konzert im Astra Kulturhaus lief – über Deutschlands größten Mode-Laufstieg von der Oberbaum- bis über die Warschauerbrücke –, konnte man feststellen, dass heute wirklich jeder ein bisschen so aussieht wie seinerzeit nur die Vollfreaks aus der Spezialistennische in Wolkenkuckucksheim. Eine Zeit, in der sich die stark vom P-Funk beeinflussten Red Hot Chili Peppers noch splitternackt auf den Festival-Bühnen zeigten und sich Socken über ihrer Penisse zogen. Und man für „coole 2nd Hand-Läden“ noch über 100 Kilometer weit gefahren ist.

Auf der Bühne zeigte sich die mindestens 20-köpfige, freakige Mutterschiff-Band – bestehend aus drei Generationen – von der ersten Minute an wunderbar spielfreudig, es wurde aus einem unerschöpflichen Fundus von Songs hauptsächlich von den beiden erfolgreichsten George-Clinton-Formationen mit den Namen Parliament (eher Soul, Funk und R&B) und Funkadelic (wie Parliament plus Rock!) ein endloses Party-Medley zum Besten gegeben: von „Mothership Connection“ über „One Nation Under a Groove“ bis hin zu „Atomic Dog“, dem letzten großen Hit aus Clintons 82er-Solo-Meisterwerk „Computer Games“.

Auch ohne Rastazöpfe ganz und gar fabelhaft

Und der Urgroßvater der Funkmusik, der erst in der letzten Woche 73 Jahre alt wurde, sah dabei ziemlich fabelhaft aus. Er hat sich seine kunterbunten Rastazöpfe abgeschnitten, trägt stattdessen eine Art grüne Duschhaube und hat sich seinen Bart gefärbt. Sein Faible für außergewöhnliche Frisuren ist übrigens dem Umstand geschuldet, dass George Clinton noch Friseur war, als er anfing, sich in der Detroiter Musik-Szene einen Namen zu machen. In den frühen Sechzigerjahren gründete er dann die Gesangsgruppe The Parliaments.

Die Tradition der Barbershop-Gesangsgruppen, die noch in den 50er Jahren zur Grundausstattung jedes farbigen Friseurladens, der etwas auf sich hielt, gehörten – man nimmt sie noch heute in jedem Song wahr. Immerzu werden die Gesangslinien in Doo-Wop-Manier mindestens dreistimmig dargeboten. Die Musik dazu aber ist immer noch dermaßen futuristisch wie gleichzeitig in der afroamerikanischen Geschichte verwurzelt, dass man auch heute noch mit offenen Mündern dasteht, wenn man nicht sowieso über zwei Stunden seinen tanzenden Füßen nachgeben muss. Selten jedenfalls hat man im Berliner Astra eine so ausgelassene Partystimmung erlebt! Das Publikum singt jeden Chorgesang mit, wird immerzu dazu aufgefordert den Groove mitzuklatschen.

Wie eine wilde Wasserschlacht

In der schwülen Luft klingt das Soundamalgam aus Handclaps und Bandgroove teilweise wie unter Wasser: „Platsch!“ Die perfekte Umgebung für den Song „Aquaboogie“ mit der tollen Textzeile „Psycoalphadiscobetabioaquadoloop“ aus dem Parliament-Album „Motor Booty Affair“, das sich – grob gesagt – konzeptionell mit wilden Partyorgien in der mystischen Unterwasser-Stadt „Atlantis“ beschäftigt.

„Du kannst hier unter Wasser tanzen ohne nass zu werden“, singt George Clinton, während ein Tänzer im federnden Musketier-Narrenkostüm mit den Worten „Sir Nose“, auf seinem Gemächt zunächst den Tanz verweigert. Aber im Laufe des Songs gibt er dann elektrisiert von der Musik nach und setzt comicartig deren Elektroschocks in Bewegungen um, bis er schließlich am Ende vom P-Funk mit Haut und Haar assimiliert wird: ein festes Ritual seit vielen Jahrzehnten.

Ebenso wie die 20-minütige Gitarrengniedelorgie „Maggot Brain“ (Madenhirn), angeführt vom P-Funk-Gitarristen Michael „Kid Funkadelic“ Hampton. Er ist der letzte lebende Schüler vom verstorbenen Meister Eddie Hazel, den nicht wenige für den größten Voodoo-Priester der Saiten neben Jimi Hendrix halten. Naja, in der ewigen Rangliste der besten Gitarristen dieser Welt vom Rolling Stone Magazin belegt er immerhin den Platz Nummer 73.

Aber es geht an diesem Abend ja Gott sei Dank nicht um Weltranglisten, sondern um die Befreiung des Kopfes, um endlich mal wieder vergnügt mit dem Hintern zu wackeln: „Free your mind and your ass will follow“, heißt das mehr als schlüssig bei Clinton. Dieses Rezept wird sicher niemals aus der Mode geraten!