Der Schriftsteller Christoph Hein

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinVor zwei Jahren saß neben mir in der Bundesbahn ein junger Mann, er war vierzehn oder fünfzehn Jahre alt und spielte mit seinem Handy. Ein Signal ertönte, er erhielt offenbar eine Nachricht, las sie, lachte auf und gab nun seinerseits einen Text ein. Seine Antwort gefiel ihm offensichtlich über alle Maßen, denn nun lachte er laut auf, stieß mich an und hielt mir sein Handy vor das Gesicht, damit ich seine Antwort lese. Es war ein kurzer Satz, nicht sonderlich witzig, aber typisch für den Humor eines pubertierenden Jugendlichen.

Ich nickte daher freundlich, sagte, das sei tatsächlich komisch, machte ihn aber darauf aufmerksam, dass seine Antwort zwar nur aus acht Worten bestehe, nichts desto weniger aber neun Fehler enthalte.

Ihn ergriff daraufhin eine plötzliche und unerwartete Zuneigung für mich, denn er duzte mich.

Hey, Alter, hast du verstanden, was ich meine?

Ja, erwiderte ich, zumindest erahne ich es.

Na also, meinte er, stand auf und ging mit seinem Rucksack fünf Plätze weiter, um sich dort hinzusetzen.

Ein befreundeter Unternehmer, der Jahr für Jahr auch ein paar Lehrlinge in seinem Betrieb ausbildet, sagte mir, er habe zusätzlich zu den berufsbezogenen Schulungen noch zwei zusätzliche Lehrfächer für seine Lehrlinge angeordnet, nämlich Deutsch und Rechnen. Nicht Deutsch für Fortgeschrittene und nicht höhere Mathematik, sondern Deutsch und Rechnen für Grundschüler, denn er habe bemerken müssen, dass jedes Jahr unter seinen Lehrlingen Jugendliche seien, die keinen korrekten und fehlerlosen Brief schreiben könnten, noch eine einfache Rechenaufgabe wie dreizehn mal siebzehn zu lösen verstünden, obwohl sie erfolgreich zehn Schuljahre absolviert hatten.

Wie man eine so einfache Rechenaufgabe im Kopf löst, wissen sie nicht

In den Mathematikstunden hatten sie selbst für einfache Multiplikation einen elektronischen Rechner benutzt oder ihr Handy. Wie man ohne eine elektronische Hilfe eine so einfache Aufgabe im Kopf löst, wissen sie nicht, sie kennen den Weg dafür nicht. Und im Deutschunterricht verließen sie sich auf das Hilfsprogramm Rechtschreiben ihres Computers, mussten daher weder die Grammatik und die Regeln der deutschen Sprache wirklich erlernen und verinnerlichen und konnten dennoch den Bildungsabschluss am Ende der zehnten Klasse erreichen.

Dieser Unternehmer erzählte mir aber auch noch eine ganz andere Geschichte. Er selbst, sagte er, sei kein großer Leser, seine Arbeitswoche betrage achtzig bis neunzig Stunden, da habe er für Belletristik keine Zeit, dieser Lektüre könne er sich erst widmen, wenn er in den Ruhestand gegangen sei. Aber er habe bei seinen Ingenieuren und Technikern vier Leute, die ausgesprochene Leseratten seien und auch große, voluminöse Romane wie die von Thomas Mann, Tolstoi oder Dostojewski lesen.

Freilich auch sie haben wenig Freizeit für dieses Hobby, und einer erzählte ihm, er habe für Die Brüder Karamasow, ein Werk mit mehr als tausend Seiten, ein halbes Jahr gebraucht. Ein halbes Jahr lang hatte er täglich nicht mehr als eine Stunde und gelegentlich auch nur eine halbe Stunde diesen vierteiligen Roman gelesen und die ganze Zeit über behielt er die Struktur des Werkes, die Geschichte und die für deutsche Leser schwer einprägsamen russischen Namen der vielen Haupt- und Nebenfiguren im Kopf.

Diese vier Angestellten von ihm - seine Leseratten, wie er sie nannte - seien, was Planungsübersicht, Erfassen langfristiger Arbeitsabläufe und betriebliche Weitsicht betrifft, ihren Kollegen signifikant überlegen, und er, der Unternehmer, vermute, dass die Lektüre solcher Schwergewichte der Literatur möglicherweise ein folgenreiches Training für ihre kenntnisreiche Übersicht ist. Da diese Lektüre, wie er vermuten muss, für seine Firma äußerst nutzvoll ist, sei Dostojewski, wie er sagte, für ihn und seinen Betrieb ein wichtiger, nicht zu unterschätzender Ausbilder.

Ein Ministerium für Wahrheit, das für die Propaganda zuständig ist

1948 veröffentlichte George Orwell einen Roman mit dem Titel 1984, in dem er einen totalitären Überwachungsstaat beschreibt in einem fiktiven England, das von der Partei Engsoc und dem so allmächtigen wie unsichtbaren Big Brother, dem Großen Bruder, beherrscht wird. In dem Kalten Krieg, der nach dem Ende des 2. Weltkriegs zwischen den Großmächten begonnen hatte, wurde diese Anti-Utopie, eine Dystopie, die vor dem Totalitarismus warnt, jeweils als Beschreibung des politischen Gegners gewertet.

Tatsächlich hatte Orwell Erscheinungen in allen Systemen für seinen Roman aufgegriffen und verwendet. Die Abkürzungen der Ministerien in dem von ihm beschriebenen Ozeanien, des fiktiven Englands, bildete Orwell dem sowjetischen Sprachgebrauch nach. Auch dass historische Dokumente und selbst alte Zeitungen immerzu umgeschrieben werden, dass Personen zu Unpersonen erklärt werden und vaporisieren, also verschwinden oder vielmehr: verdampfen, erinnert an Fälschungen, die im Stalinschen Reich üblich waren. Der Aufbau der Regierung von Ozeanien, wie eine der drei Supermächte des Buches heißt, parodiert die berühmte Rede von Franklin D. Roosevelt über die Four Freedoms.

Entsprechend Roosevelts Visionen gibt es im Roman vier Ministerien. Ein Ministerium für Frieden, das für einen immerwährenden Krieg zu sorgen hat. Eins für Überfluss, das für die Drei-Jahres-Pläne zuständig ist und dafür zu sorgen hat, das jede Ware eine Mangelware ist und bleibt und stets von schlechtester Qualität.

Ein Ministerium für Liebe, das mit seiner Gedankenpolizei Abweichler aufzuspüren hat und diese dann foltert, um sie auf den rechten Weg zu bringen. Und ein Ministerium für die Wahrheit, das für die Propaganda zuständig ist und sämtliche Schriften, Zeitungen, Reden, Bücher und Dokumente beständig revidiert, um sie im Nachhinein der aktuellen Parteilinie anzupassen.

Neusprech wird gebraucht, um durch Sprachmanipulation Tatsachen zu verbergen

Der Arbeitsalltag von Winston, dem Helden des Buches, mit Versorgungsproblemen und beständiger Überwachung ist nach den Erfahrungen gestaltet, wie sie Orwell selbst bei der BBC erlebte, die damals dem Ministerium für Information unterstellt, also für die Propaganda zuständig war.

Um eine totale Überwachung zu erreichen, wird im Roman eine neue Sprache geplant, um die Freiheit des Denkens aufzuheben. Ein Newspeak soll das Oldspeak ersetzen. Dieses Neusprech wird gebraucht, um durch Sprachmanipulation Tatsachen zu verbergen und zu verändern und die Ziele oder Ideologie der Herrschenden zu verschleiern. Im Programm des für Newspeak zuständigen Ministerium wurde auch an einer Übersetzung der Werke von Shakespeare gearbeitet, um seine Stücke aus dem Oldspeak in das befohlene Newspeak zu transportieren.

George Orwell 
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Diesen Einfall übernahm Orwell vom Charles Ogden, der wenige Jahre zuvor ein sogenanntes Basic English entwickelte, ein einfaches Englisch mit stark verkleinertem Vokabular. Basic English verfügt lediglich über 850 Wörter und diese Sprache sei in sieben Wochen erlernbar, während für das eigentliche Englisch sieben Jahre benötigt werden.

Die Erprobung von Basic English konnte nachweisen, dass Menschen mit erstaunlich wenigen Wörtern das auszudrücken vermögen, was sie denken. Nach Ogden reichen sogar nur 600 Wörter, um alles auszudrücken, was man auf Englisch sagen will.

Das Wort Denk steht für Denken und Gedanke

In Orwells Roman arbeitet der Held an der neuesten Auflage des Newspeak Dictionary, des Neusprech-Wörterbuchs, der Sprache für die Proles, also die Arbeiter, die 85 Prozent der Bevölkerung ausmachen und in Abhängigkeit gehalten werden durch Armut, Zwang, Überwachung und eben diese neuen Sprache.

Newspeak kennt keine Antonyme, keine Gegensätze, daher wird das Präfix un- für die Wortbildung eingesetzt. Die Lexikographen der Partei vermeiden in der Regel das unangenehm wirkende, negativ oder pejorativ konnotierte Wort, ersetzen also kalt und bilden das positive durch Negation. Aus kalt wird unwarm. Bei wertenden Begriffen wie schlecht oder böse wird stattdessen das Wort ungut verwendet. Plus- und Doubleplus- ersetzen die Steigerungsformen und verstärkenden Ausdrücke. Mehrdeutigkeiten und Nuancen werden ausgeschaltet, einfache Vorstellungen sollen an die Stelle der komplizierten treten, die Sprache soll einfache Gedanken und Empfindungen abbilden. Da aus wenigen Wortwurzeln einfache Ableitungen vorgenommen werden können, verschwinden viele Wörter. Das Wort Denk steht für Denken und Gedanke, das Wort Gedanke kann also eliminiert werden.

Orwell war unermüdlich bei der Suche nach Worten für sein Newspeak

Daneben werden aber auch Euphemismen oder verhüllende Bezeichnungen wie vaporisieren für töten oder aus dem Gedächtnis löschen benutzt.

Das Wort Doppeldenk (engl. doublethink) bezeichnet die Fähigkeit, zwei einander widersprechende Denkweisen gleichzeitig als wahr zu akzeptieren.

Undenk (engl. Crimethink) bezeichnet ein Gedankenverbrechen, eine gedachte Kritik an der Doktrin der jeweiligen Regierung oder auch nur ein In-Erwägung-Ziehen von anderen Gedanken.

Beim Gesichtsverbrechen (Facecrime) entlarvt sich jemand allein durch seinen Gesichtsausdruck, dass er eines Gedankenverbrechens schuldig ist.

Orwell war unermüdlich bei der Suche nach den Worten für sein Newspeak, und fündig wurde er in seiner Welt, in England, bei der BBC, in der Sprache des Kalten Krieges, den Parolen des Spanienkriegs, der offiziellen, der amtlichen Sprache in den USA wie in der Sowjetunion.

Orwells Warnung blieb folgenlos

Seine Warnung, dass mit diesem Newspeak dem Totalitarismus der Weg geebnet wird, blieb folgenlos. In allen Staaten, Diktaturen wie Demokratien, wurde das Neusprech bis heute weiter vervollkommnet, um Sachverhalte zu verbergen, fatale Zustände zu verschleiern oder Verbrechen zu beschönigen.

So wird ein Mord neuerdings als targeted killing bezeichnet, als eine gezielte Tötung, was die Zielgerichtetheit und die technische Perfektion betont und das Verbrechen verhüllt.

Eine Inkaufnahme unvermeidlich scheinender Tötungen oder Verletzungen unbeteiligter und unschuldiger Menschen heißt nun Kollateralschaden oder Begleitschaden, ein Wort für die Ermordung Unschuldiger, das eher an einen Blechschaden erinnert und das neben einer Vielzahl demokratischer Staaten auch die deutsche Bundesregierung übernahm.

Statt von einem Krieg spricht man heute von einem robusten Stabilisierungseinsatz.

Ein Gesetzespaket von Einsparungen und Kürzung heißt nun Sparpaket.

Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ war sicherlich dem christlichen Glauben, der Bibel und der deutsch-europäischen, sogenannten abendländischen Kultur geschuldet, doch der Satz erregte viele Bürger und auch Politiker, weil ein solch klares Wort nicht zur Sprache der Politik gehört. Nach der Meinung ihrer Gegner hätte sie den Flüchtlingen lediglich eine Bemühungszusage geben sollen. Das wäre politisch korrekt, hätte den Anschein einer Hilfe und bliebe völlig folgenlos.

In der politischen Sprache heißt das Ausschließen aller weiteren Möglichkeiten in unserem Land neuerdings alternativlos.

Bei Steuerflucht spricht man von Steueroasen, die Straftat wird mit der Rettung eines Verdurstenden in einer Wüste gleichgesetzt, was impliziert, dass dieses Vergehen im Grunde ehrenhaft, üblich und verständlich ist.

Polit-Speak, Marketing-Speak, Banken-Speak

Eine sprachliche Neuprägung aus unserem Innenministerium ist das Wort Gefährder. Der Begriff unterhöhlt die Unschuldsvermutung, die das Grund- und das Strafgesetz vor einem rechtmäßig erfolgten Schuldspruch vorschreiben, und ermöglicht, Menschen, die nichts Strafbares getan haben, als Kriminelle anzusehen und zu behandeln.

Die Beraterin von Donald Trump, Kellyanne Conway, erfand 2017 den Ausdruck alternative Fakten für die widerlegbar falschen Behauptungen ihres Präsidenten.

Es gibt ein Polit-Speak wie Schwarze Null und Lohnnebenkosten, statt von Armut wird von Nahrungsmittelsicherheit gesprochen. Es gibt ein Marketing-Speak, ein Banken-Speak, mit Begriffen und Worterfindungen, die alle etwas verhüllen und verschleiern, die ungesetzliche und höchst ungerechte Entscheidungen erklären sollen, wie jener eigens erfundene Begriff, um eine Rettung der Banken zu verteidigen und zu begründen, denen ein durch Geldgier verursachter Absturz drohte: das Unsinns-Wort systemisch.

Neben diesen Neusprech-Worten und -Begriffen, die etwas zu vertuschen sich bemühen oder zu beschönigen und die somit direkt dem Orwell’schen Newspeak zugerechnet werden können, gibt es noch weiteres Neusprech.

Zu ihm gehört die ständig wachsende Zahl vom Fremdwörtern, vornehmlich aus dem amerikanischen Englisch, was in dem industriellen und wissenschaftlichen Vorsprung der Vereinigten Staaten, zumal im Bereich Computer begründet ist, wenn auch einst zwei Deutsche, Gottfried Wilhelm Leibniz und Konrad Zuse, maßgeblich die Grundlagen dieser Technik schufen.

Weiterhin sind es Neologismen, also Wortneuschöpfungen, sowie Interjektionen, die vor allem durch Comics und Filmserien sich ausbreiten.

Dann gibt es die Seltsamkeit von Neologismen, die sich als Fremdwort ausgeben. Das deutsche Wort Handy beispielsweise, das es im Englischen und Amerikanischen in dieser Bedeutung nicht gibt. Noch absurder das deutsche Wort Public Viewing, womit die Übertragung von Sportveranstaltungen auf Großbildwänden bezeichnet und im Duden als Synonym für Rudelgucken angegeben wird. Im englischen Sprachraum wird damit jedoch eine öffentliche Präsentation bezeichnet, etwa die öffentliche Aufbahrung einer Leiche, das ist dort Public Viewing.

Der übergroße und der am heftigsten anwachsende Teil der deutschen Neusprech-Worte und -Wendungen aber ist nicht durch Eingriffe des Staates oder eine der drei Staatsgewalten bewirkt worden oder durch den wirtschaftlichen Druck bedeutsamer, marktbeherrschender Unternehmen. Das neueste Neusprech schufen Maschinen, denen wir uns ohne jeden Zwang auslieferten.

Der Reichtum einer Sprache wird eingeschränkt und aufgegeben

Computer und Handy verdrängten nicht nur den Brief und die Handschrift, sie setzten und setzen neue Regeln, verändern die Sprache und die Schrift, überfluten uns mit einem Abkürzungsschwall, mit Codes unterschiedlicher Komplexität und Kapazität, für deren Entschlüsselung die Kenntnis der Muttersprache nicht ausreicht. Und nicht allein die Schriftsprache wird verkürzt, auch das Bedeutungsumfeld, die Semantik und Syntaktik schrumpfen auf die allernotwendigsten Bausteine. Der Reichtum einer Sprache wird eingeschränkt und aufgegeben, um sie der Geschwindigkeit der Maschinen anzupassen. Und mit ihr wird die Kultur minimalisiert, der soziale Umgang, das ganze Leben.

Mein Freund Wenzel erzählte mir, er habe bei einer Bahnfahrt neben einem jungen Ehepaar mit einem Kleinkind gesessen. Das Kind, eineinhalb oder zwei Jahre alt, habe die ganze Bahnfahrt über sich bemüht, die Aufmerksamkeit der Eltern zu gewinnen, in dem es die Eltern ansprach und sie am Ärmel zupfte, doch die Eltern hätten keinen Blick für das Kind gehabt, sie waren, jeder für sich, mit einem Spiel auf ihrem Laptop beschäftigt.

Dieses kleine Erlebnis hat etwas sehr Signifikantes. Das Kind, so ist nach seinen vergeblichen Bemühungen um Aufmerksamkeit zu vermuten, wird in wenigen Jahren eine Spielkonsole bekommen, einen kleinen Computer, damit es beschäftigt ist und nicht stört. Es wird, vermutlich ohne Unterstützung durch die Eltern, ein eingeschränktes Deutsch erlernen, ein Deutsch, das für den Computer ausreicht. Im Rechnen und in der Mathematik werden ihm Maschinen das Denken abnehmen und ein winziges Gerät, das aus und in einhundertfünfzig Sprachen übersetzt und zwar in Echtzeit - auch ein unsinniges Neusprech-Wortgebilde - wird ihm das Erlernen von Fremdsprachen abnehmen.

Die Rechtschreibreform und ihre völlig unsinnigen Normen

Das Kind wird wie seine Eltern, denn anderes hat es nicht gelernt, wurde ihm nicht vorgelebt, auf einem niedrigen, einem einfachen Niveau sich durchzuschlagen suchen. Es wird eine mangelhafte Bildung erwerben und ein schlechtes Deutsch erlernen, was auch der fatalen Rechtschreibreform von 2006 geschuldet ist mit ihren vielen völlig unsinnigen neuen Normen, zu denen auch eine Vielzahl von verworrenen, unpräzisen Regelungen und unentschiedenen Festlegungen in der Orthografie der deutschen Sprache gehören, sodass ein Deutschlehrer eigentlich nicht mehr auf einer allgemein verbindlichen Schriftsprache beharren kann, sondern eigentlich den Schülern nur noch sagen kann: „Ach, schreibt doch, wie ihr wollt.“

Nach einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie wird bei 21 Prozent aller Kinder in Deutschland daheim kein Deutsch gesprochen. Eine zweite Studie stellte fest, dass bei 42 Prozent der in Deutschland lebenden Kinder in den Elternhäusern gar kein oder nur ein überaus eingeschränktes Deutsch, ein rudimentäres Deutsch gesprochen und geschrieben wird.

Jenes eineinhalb oder zwei Jahre alte Kind, das um die Aufmerksamkeit der Eltern bat oder vielmehr bettelte, wird wohl, bedingt durch das Desinteresse der Eltern, einen schwierigen Start ins Leben haben. Vermutlich werden schlechte Kenntnisse der deutschen Sprache, die ausgebliebene Förderung bei den Schulfächern, ein mathematisches Unvermögen diesen Menschen allenfalls einen Beruf mit Mindestlohn erreichen lassen. Und falls er dann zu seinem Chef, der ihn wegen seiner Ausdrucksweise kritisiert, sagen sollte: „Hey, hast du verstanden, was ich meine?“, dann wird er auch noch diesen schlecht bezahlten Job verlieren.

Die sozialen Kontakte erfolgen nun zunehmend über Maschinen, die jungen Leute kommunizieren miteinander, ohne einander zu begegnen, was soziale Folgen hat, haben muss, denn die Dates und Rendezvous erfolgen über Bildschirme, und das erübrigt ein Treffen und ein Stelldichein. Das alles hat Folgen, denn die zwischenmenschlichen Kontakte bekommen einen anderen Ablauf und Wert. Bei einer allerersten Verabredung mit einem Mädchen war man als junger Mann aufgeregt, vielleicht auch ängstlich, man fürchtete, Fehler zu machen, sich zu blamieren. Bei einem Kontakt vom Schreibtischstuhl aus und via Bildschirm fallen diese Aufregungen und Ängste weg, freilich auch das soziale Erlernen von tatsächlichen Kontakten und Begegnungen.

Helfen könnte da allein das Elternhaus, vorausgesetzt, diese Eltern gehören nicht den sogenannten bildungsfernen Schichten an, was ihrem Nachwuchs auch in Deutschland einen sozialen Aufstieg erschwert.

Die Aufstiegschancen der Außenseiter verringern sich weiter

Auch in Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich Jahr für Jahr weiter auseinander. Das hat Folgen für die Ausbildung der nächsten Generation, und das wiederum, die bessere Bildung, führt zu einem verstärkten Auseinanderdriften von Arm und Reich. Die Aufstiegschancen der Außenseiter, der nicht begüterten Klasse verringern sich weiter und verfestigen die Kluft zwischen diesen Fronten. Und es sind Fronten, Fronten in einem Sozial-Krieg.

In den Vereinigten Staaten ist für die Karriere das soziale Kapital entscheidend, wie James David Vance schrieb. Das soziale Kapital macht den entscheidenden Unterschied und besteht vor allem aus der Herkunft und dem Umfeld. Entscheidend ist der Stall, aus dem man kommt, in den man hineingeboren wurde. Wenn der Papa oder der Onkel dem Filius oder der Filia die Türen öffnen, ihnen die rechten Umgangsformen beibringen und den Weg zur richtigen Ausbildungsstätte weisen können, wenn sie ihnen eine wertvollere, aber teurere Ausbildung als von den öffentlichen Schulen vorgesehen bezahlen können, die dem Nachwuchs später die Wege ebnet, wenn sie ihre Kinder mit den entscheidenden Personen für den beruflichen Aufstieg bekanntmachen, dann stehen diesen jungen Leuten gänzlich andere Karrieren in den USA offen. Diese Unterschiede zerreißen derzeit die Vereinigten Staaten, machten den Wahlsieg von Trump möglich und die jetzigen mörderischen Ereignisse.

Der uneinholbare Vorsprung der Eliten

Auch in Deutschland wird dieses soziale Kapital zunehmend bedeutungsvoller und entscheidet über das künftige Leben. Denn beim beruflichen Aufstieg hat ein Universitätsabschluss von Harvard, Princeton und Yale auch in unserem Land ein anderes Gewicht als ein Diplom der Hochschulen von Cottbus oder Münster.

Eine Freundin aus Hamburg sprach vor Jahren über den uneinholbaren Vorsprung dieser Eliten, der nicht durch Leistung oder die vorzüglichsten Abschlüsse wettzumachen ist, und erklärte mir: „Ihre Eltern haben ihnen unter dem Weihnachtsbaum etwas ins Ohr geflüstert, was wir nie erfahren werden.“

Auch in Deutschland wird die Schere weiter auseinandergehen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bröckeln lassen. Auch unsere Demokratie ist gefährdet, und wir wissen aus der Geschichte, aus den vergangenen viertausend Jahren, wie Gesellschaften und Staaten zerfallen können, plötzlich und unerwartet, wie es heißt, weil man die Zeichen auf der Wand nicht sah oder nicht zu deuten wusste. Und plötzlich und unerwartet greifen jene Hände, die jahrzehntelang, jahrhundertelang ehrerbietig die Schleppe trugen, nach dem König und der Königin, um sie auf das Schafott zu schleppen.

Christoph Hein hielt diese Rede für den Sprachenverein „Fruchtbringende Gesellschaft“ am 12. September 2020 in Köthen.