Der letzte Innovator in der Geschichte des Romans, glauben manche Literaturwissenschaftler, sei der Franzose Georges Perec gewesen. Vielleicht hat man in Afrika, Asien oder Aasbüttel inzwischen neue Erzählweisen gefunden, wer weiß. Gewiss aber war Perec (1936-1982) ein literarischer Wunderknabe. Seine Prosa ist hochgradig experimentell, doch wunderschön zu lesen. Als umwerfende Mischung aus abenteuerlicher Handlung, Sprachspiel und existenzieller Tiefgründigkeit.

Hätten Verne, Flaubert und Kafka auf einer Zukunftsreise gemeinsam geschrieben, vielleicht wären Werke wie die von Perec entstanden. Unter seinen durchweg begeisternden Büchern („Die Dinge“, 1965; „Ein Mann der schläft“, 1967; „Die dunkle Kammer“, 1973; „Träume von Räumen“ 1974) ragen drei besonders heraus: „Anton Foyls Fortgang“ (1969), „W oder die Kindheitserinnerung“ (1975) sowie „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ (1978).

Reißzwecke auf dem E

Liest man alle Bücher der Edition im diaphanes Verlag nun wieder, möchte man dem chilenischen Autor Roberto Bolaño zustimmen: „Georges Perec ist der größte Erzähler der zweiten Jahrhunderthälfte.“

„Anton Voyls Fortgang“ (frz. „La Disparation“, das Verschwinden) ist eine Unmöglichkeit: In diesem Roman kommt auf 350 Seiten der Buchstabe E nicht vor! Was wie ein komisches Literaturspiel beginnt, mutiert zu einem Kriminalroman mit Gewaltexzessen, um schließlich in eine verstörende Reflexion über das Verschwinden einer Sippe, ja eines Volkes zu münden. Ein unfassbares Buch. Perecs kongenialer Stammübersetzer und Freund Eugen Helmlé hat Übermenschliches geleistet, um dieses irre Werk ins Deutsche zu übertragen. Auf die Letter E seiner Schreibmaschine klebte er, aus Vorsicht, eine Reißzwecke.

Damit das Volk sich nicht mopst

Perec gehörte zur Pariser Gruppe Oulipo, der „Werkstatt für Potentielle Literatur“. Die Autoren legten ihren Texten sprachliche oder mathematische Zwänge auf, die man nicht immer bemerkt. Perecs Bücher begeistern aber auch ohne das Wissen darum. Einer seiner Lehrmeister war Raymond Queneau, dessen Maxime, man schreibe nicht, um die Bevölkerung zu verärgern, Perec variiert – ohne e: „Man füllt nicht Blatt um Blatt, damit das Volk dann gähnt und sich mopst“.

Gähnen muss man bei Perec nur, wenn man tief in der Nacht mit seinen Büchern das Einschlafen verschiebt. „Ich habe keine Kindheitserinnerungen“ heißt es in seinem autobiografischen Roman „W oder die Kindheitserinnerung“, nur damit der Erzähler sich doch vorsichtig tastend die versteckten Spuren einer Welt erschreibt, die er vergessen zu haben glaubte. Perecs Eltern waren polnische Juden (Perec spricht man auf Polnisch Peretz aus), der Vater starb im Krieg, die Mutter wurde deportiert und vermutlich in Auschwitz ermordet.

Nie gelöste Selbstsuche

Georges wuchs auf dem Land bei Tante und Onkel auf, die ihm das Leben retteten. Den Nazis entkam er nur knapp, Nonnen ließen ihn zum Schutz taufen. Bis er mit dem Schreiben von „W“ begann, hatte Perec seine jüdische Identität verdrängt, auch weil er gar nicht wusste, was diese eigentlich bedeutet. Diese nicht gelöste Selbstsuche ist wesentlicher Bestandteil des Buches.

Zwischen seine stückhaften Erinnerungen schaltet Perec die schockierende Erzählung von der Insel W, die er einst als Zwölfjähriger ersonnen hatte. Die gesamte Existenz der Menschen dort ist dem Sport gewidmet, permanent finden Wettkämpfe statt, sogenannte Olympiaden. Nach und nach eröffnet sich aber ein Horrorszenario. Verlierer werden benachteiligt, gesteinigt, ermordet; Gewinner, die morgen durch Handicaps zu Verlierern gemacht werden können, erhalten Privilegien: zum Beispiel das Recht, Frauen zu vergewaltigen. Die Sportlerinsel trägt Züge eines sadistischen KZ.

Das Kultbuch des 20. Jahrhunderts

Neben dem „Ulysses“ von James Joyce ist „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ wohl das literarische Kultbuch des 20. Jahrhunderts. Sein Untertitel lautet „Romane“, denn es besteht aus unzähligen Mikroromanen – einer packender, feinsinniger und manischer als der andere. Diese Geschichten teilen sich eine gemeinsame Struktur: ein zehnstöckiges Pariser Haus in der fiktiven Rue Simon-Crubellier 11.

In 99 Kapiteln wandert man nach einem mathematischen System durch 99 Räume, deren Einrichtungen akribisch beschrieben und existenzielle Abenteuer ihrer aktuellen wie ehemaligen Bewohner erzählt werden. Eine verrückte Rahmen-, die zugleich Binnengeschichte ist, führt uns zu Perecs programmatischer Puzzleästhetik. Spiegelungen und rätselhafte Leerstellen, historische und literarische Verweise verbinden die Geschichten zum genialen Ganzen, zu einer modernen menschlichen Komödie à la Balzac. Dürfte ich in meinem Leben nur noch einen Roman lesen, es wäre Perecs Jahrhundertwerk.