Zum Büro der Ein-Mann-Firma Realistfilm geht es durch die Vergangenheit. Es befindet sich im Verlagsgebäude der Zeitung Neues Deutschland. Man muss an einem runden Blechtresen vorbei, kann den Paternoster benutzen, es riecht gut, nach Tinte, Papier − und nach Filterkaffee, der nach Tinte und Papier schmeckt. Jeden Mittwoch probt hier der 1973 gegründete Arbeiterveteranen-Chor „Ernst Busch“ und lässt Liedgut bis in den fünften Stock hinaufschallen.

Hier oben residiert die Firma des Dokumentarfilmers Gerd Kroske. Der Raum ist winzig und vollgestopft mit Papier, DVDs, Filmtechnik und drei roten Kinoklappsesseln. Im Nebenkämmerchen ist der Schnittplatz mit ein paar Monitoren. An den Wänden kleben Plakaten mit Kroskes Filmhelden: der geistig behinderte Schrottsammler und Mundharmonika-Marschbläser aus „Kurt − Oder du sollst lachen“ (1992), der kulturvolle Pornokino- und Bordellbetreiber Wolli (2007), der ego-schöne Boxprinz von Homburg (2000) und die sozial abgehängten Leipziger Straßenfeger aus der „Kehraus“-Langzeitstudie (1990-2006).

Ein Wiedersehen

Mit allen gibt es ein Wiedersehen, dank der DVD-Box „Zeitzustände“, die fast das ganze Filmschaffen von Gerd Kroske von 1990 bis 2012 versammelt: 921 Minuten, die in dem gebügelten Living-History-Ratgeber-Talkshow-Infotainment-Quiz-Programmen der Sender viel zu wenig Platz finden. Dokumentationen, die ja nicht anders als Spielfilme erst durch einen eigenen künstlerischen Anspruch, durch die besondere Wahrnehmung und Erzählweise zu Kunstwerken werden, passen nicht in die Raster der TV-Redakteure. Bevor jetzt der kulturkritische Rundumschlag erfolgt und das Wort quotenfixiert fällt, holen wir erst einmal Luft. Wo waren wir? Im Büröchen.

Großzügig ist die Aussicht vom Arbeitsplatz. Der Blick aus dem Fenster könnte eine von diesen unaufgeregten Totalen aus einem Kroske-Film sein. Die Sonne steht an diesem Novembervormittag flach über der Ostbahn-Trasse und breitet ihr weißes städtisches Dienstleistungslicht über das Gewerbegebiet mit den Großhandels-, Einkaufs- und Mehrzweckhallen. Die diesige, müde, körnige Flimmerkistenmilde des Bildes wird noch durch das ungeputzte Fenster gesteigert, das wie ein Frostfilter wirkt. Ja, das sieht aus wie dieses lichtempfindliche, leicht überlagerte 35-mm-Schwarz-Weiß-Filmmaterial von Orwo, das der Wirklichkeit einen rauen Defa-Dokfilmschmelz verleiht. Dazu gibt es Krümelkaffee ohne Milch, aufgebrüht von der Schnittmeisterin Karin Gerda Schöning. Sie zieht sich in die Nebenkammer zurück, nachdem sie ein paar kulturkritische Anmerkungen über die Berliner Zeitung losgeworden ist. Hier drinnen − in diesem ND-Haus von gestern − kommt einem die Gegenwart da draußen tatsächlich noch ein bisschen fremder vor.

Die Platten, aus denen der Bau zusammengefügt wurde, könnte Kroske gegossen haben. Sein Arbeitsleben begann er − 1958 in Dessau geboren, aufgewachsen in Leipzig, Ghana und Berlin − nach der zehnten Klasse als Betonwerker. Das Medium ist anders, aber es gibt vielleicht eine Ähnlichkeit zwischen dem Vorgang des Betongießens und der Art, wie Kroskes Filme entstehen: Er bringt etwas Flüssiges in Form, gibt ihm also Sinn, lässt es vorsichtig fest werden, um es handhabbar zu machen, halten und montieren zu können.

Kroske, der mit Kuchen zur Arbeit kommt, ist das alles zu hoch gehängt und aufgeladen. Seine Beton-Lehre war einfach eine Fehlentscheidung. Er ahnte schon bald, dass das nichts für ihn ist. Aber er hatte die Schule schleifen lassen also entsprechende Zensuren, und ein Leben hinterm Schreibtisch, wie er es von seinem Vater kannte, kam nicht in Frage. Deshalb die Lehre. Ein halbes Jahr blieb er im Werk, dann machte er Abitur auf der Abendschule, nahm ein Kulturwissenschaftsstudium auf, das er aber bald unterbrechen musste, weil er nach der Republikflucht seines Freundes erst einmal zur Armee eingezogen wurde.

Als Gasthörer bekam er danach einen Fuß in die Tür der Filmschule Babelsberg, später fand er Anstellung als Autor und Dramaturg im Defa-Dokfilm-Studio, in dem von 1946 bis 1992 etwa 10.000 Filme entstanden sind − Propaganda und Kunst. Kroske beschreibt es als ein Laboratorium, in dem zuletzt 900 Festangestellte arbeiteten. Laut einem Bericht des letzten Chefdramaturgen Richard Ritterbusch war für das Jahr 1989 mit dem Progress Filmverleih vereinbart, 46 Dokumentar-Kino-Filme für 8.410.000 Mark (der DDR) zu produzieren − Vorfilme, Zusatzprogrammfilme, aber auch Abendfüller. Dieses Studio war ein ideologisch leider verbrämter und kontrollierter, aber sehr hirnreicher Think-Tank. Ein seltsamer Kontrast zu den Einzelkämpfer-Dokfilm-Klitschen, die sich heute selbst ausbeuten und um die wenigen Sendeplätze balgen. Von Kino ganz zu schweigen. Nicht lamentieren! Zurück zum Thema.

Zum Beispiel Stefan Seide

Die DVD-Box ist kein abgeschlossenes Sammelgebiet, denn erstens ist Kroske erst 55 und will weitermachen. Und zweitens wirken selbst die fertigen Filme unfertig. Schon wegen der Protagonisten, die einem im nächsten Kroske-Film wieder begegnen können. Wenn sie schon gestorben sind, als Erinnerung.

Zum Beispiel Stefan Seide, einer der Leipziger Straßenkehrer. Seide ist 1989 nach dem großen vaterländischen Wiedervereinigungswahlkampfauftritt von Helmut Kohl mit Besen und Tonne ausgerückt, um die Plakate und Flugschriften, die Bierpullen und Wurstpappen wegzuputzen. Kroske hat ihm zugeguckt und nach dem Leben gefragt. Ein historischer Moment von hinten sozusagen, gebannt auf teurem, echtem Film. Stefan, ein An-den-Rand-Gedrängter, der in der Zugluft steht, wenn der große Hoffnungsanflug vorbeirauscht.

Trostlos sind die späteren Wiederbegegnungen mit Seide in Farbe. Seide gewährt Kroske Einblick in den Bierbüchsen-und-Klappbett-Unterschlupf. Kroske begleitet ihn aufs Amt. Die Exfreundin Marlen kommt vorbei, man sieht die große Zuneigung zwischen den beiden, auch wenn sie nicht wissen, was sie einander sagen sollen. Auch Marlen ist gestorben, wie man im dritten Teil fast nebenbei erfährt. Es ist ja auch nicht verwunderlich, so ein Leben ist nicht lange auszuhalten.

Die langen Einstellungen und das taumelnde Schweigen geben ein mildes Echo von dem Durchhaltevermögen und der Zähigkeit dieser unzutreffend als sozial schwach bezeichneten Dulder. Kroske ist nach eigenen Worten „unfreiwillig“ an den Straßenkehrern hängengeblieben. Auch die Begegenung mit Kurt war ein Zufall. Wolli lief ihm bei den Dreharbeiten zu „Der Boxprinz“ durchs Bild und bekam Jahre später einen eigenen Film. Für einen wie Kroske ist die Welt voller Stoffe und Geschichten. Das Auf-den-Punkt-Kommen und das Zu-Ende-Erzählen ist nicht seine Art. Er vertraut auf die Dramaturgie und die epische Kraft des Lebens. Welch ein Luxus. Und wie notwendig.

Gerd Kroske „Zeitzustände. Filme 1990-2012“. DVD-Box, ca. 50 Euro