Man muss ganz dicht ran ans Dresdner Aufgebot, um Gerhard Richter neuerdings als Zeichnerpoeten zu erleben
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Berlin- Der aus Dresden stammende, seit 1961 - nach der Flucht aus der DDR- in Köln lebende Maler Gerhard Richter führt über Jahre als Virtuose aller Stile die Weltrangliste der erfolgreichsten und einflussreichsten Bildkünstler der Gegenwart an. Nun überrascht der fast 88-Jährige, der am Sonntag Geburtstag hat, seine riesige Fangemeinde auch in der alten Heimat Dresden mit völlig unbekannten neuen Zeichnungen. Das jüngste der 70 Blätter trägt das Datum von Neujahr 2020.

Das Gerhard Richter Archiv in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden dürfte ab jetzt wieder zu einem Wallfahrtsort der Richter-Pilger werden. Der alte Meistermaler, der sich stilistisch immer wieder neu und erfrischend jung erfindet, gibt das Neueste aus seinem Kölner Atelier preis: 70 Zeichnungen, auf denen er die Bleistifte, Buntstifte und Fettkreiden förmlich tanzen lässt.

Nun ist er ein Zeichnerpoet

Mit der großformatigen Ölmalerei hat er vorläufig aufgehört, mit dem Argument, er habe ja schon alles mal gemalt. Außerdem schone das Zeichnen die körperlichen Kräfte. Umso mehr aber erweist es sich auf den bislang noch nie öffentlich gezeigten, nach einer Arbeitspause von gut zwei Jahren entstandenen Blättern, wie sehr alles, was bislang Richters Bildwelten prägte, nun in intensiv verdichteter Form erscheint

Die kleinformatigen abstrakten Kompositionen aus poetischen Linien, surrealen Strichbündeln und netzartigen geheimnisvollen Bleistift-Gespinsten sind sämtlich mit Tagesdaten versehen, mit denen der Zeichner Richter allerdings frei, auch ein wenig mit Lust am Verwirren spielt, so dass die Tagesangaben gern durcheinander geraten dürfen. Er gliedert diese Arbeiten, von denen man behaupten kann, sie widerspiegelten die jeweilige Gedanken- und Stimmungslage des Künstlers, in rhythmisch arrangierte Werkblöcke ein und wählt dafür sogar ungewöhnliche, quadratische Sonderformate, die sich von früheren abstrakten Graphitzeichnungen in den bisherigen Hoch-oder Querformaten deutlich unterscheiden.

Wieder einmal hat Richter sich neu erfunden, ohne das Bisherige zu verraten oder zu verlassen: Er zeigt der Kunstwelt, dass sein Ruhm keineswegs am Pinsel, Rakel oder Schaber hängt. Zeichnen ist hier, gewissermaßen, eine andere Art von Sprache. Das jüngste Blattentstand am Neujahrstag 2020.Ein zartes bläuliches Netzwerk aus feinen Linien überzieht das Papier wie ein wortloses Gedicht.

Albertinum Dresden bis 3. Mai, Di-So 10-18 Uhr