Berlin - Die Annahme ist falsch, dass beim Horror immer alle schreien. Gnädig blickt der Mann, verstehend und fast seelenruhig angesichts der Tatsache, dass er in der denkbar trübsten Berliner Altbauwohnung auf sein Bett gefesselt wurde und die junge Frau, die vermutlich seine Tochter ist, eine Küchensäge in der Hand hält. Eben hat sie ihn kastriert.

Beim Meerschweinchen, so deliriert ihre Erzählstimme, erfordert das Fingerspitzengefühl. Beim Menschen reicht auch die Geflügelschere. Man sah Blut fließen in diesem extremen Fall häuslicher Gewalt, und das war gewiss noch nicht alles. Doch der Mann schreit nicht, selbst als die Frau ihm den Knebel löst. Weil er weiß, dass der physischen Gewalt, die ihm hier angetan wird, eine psychische vorausging, die sein eigenes Opfer notwendig macht, das Leid vielleicht ein wenig lindert.

Die Subversion von Erwartungshaltungen, durchaus ein Genremerkmal für sich, dreht Jörg Buttgereit stets noch ein Stück weiter. Die Ironie, mit der dieser Regisseur seine Missbrauchsgeschichte durchsetzt, ist sowenig Selbstzweck wie die Gewalt. Und so ist man am Ende weniger entsetzt als berührt.

So wird es nicht bleiben über die ganze Filmlänge von „German Angst“, ein formidables Horror-Triptychon, dem Buttgereits „Final Girl“ wohlweislich voransteht. Die Episode des Berliner Splatter-Idols ist ein vergleichsweise sanfter Einstieg in diesen dunklen Reigen deutscher Ängste. Nach diversen Festival-Teilnahmen kommt das Gemeinschaftswerk „German Angst“ nun ungeschnitten in die Kinos. Keineswegs selbstverständlich: Die FSK-Freigabe ab 18 stand wochenlang auf, nun ja, Messers Schneide. Weil die Filmförderung die fantastischen Möglichkeiten des Kinos allgemein wenig und den Horror gar nicht schätzt, erfolgte die Finanzierung per Crowdfunding.

Viel Arbeit für sensible Gemüter

Was in Michal Kosakowskis „Make a Wish“ geschieht, will man gar nicht beschreiben. Sensible Gemüter dürfen für die Verarbeitung ein paar Nächte einplanen. In einer verlassenen Fabrikhalle überfallen und quälen Neonazis ein gehörloses polnisches Pärchen. In aller Grausamkeit wiederholt sich hier ein Massaker im besetzten Polen des Jahres 1943, das in Rückblenden gezeigt wird. Ein übersinnliches Motiv verbindet die Zeiten und stiftet damit trügerische Hoffnung. Mit lähmender Akkuratesse exerziert Kosakowski hier eine moralische Form von Sadismus, die den üblichen Darstellungsformen – man denkt da an andere Dreiteiler der letzten Zeit, im Fernsehen – die Leviten liest. Meinte man es ernst, müsste man es so zeigen und nicht anders – gerade jetzt.

Dass das Horrorkino auch angenehmere Seiten hat, zeigt schließlich Andreas Marschall in „Alraune“. Marschall schöpft aus dem Vollen der europäischen Kulturgeschichte mit Anleihen bei Dario Argento und Stanley Kubrick; insbesondere der deutsche Filmexpressionismus mit seinem wiederholten Rekurs auf das Alraune-Motiv feiert gruselige Auferstehung. Ein eitler Fotograf erliegt den Versuchungen dieser Pflanze, stolpert in den mysteriösen Bondage-Club „Mabuse“ und wird von seinen Sexfantasien bald in den Wahnsinn getrieben. Schwulst und Schrecken feiern Hochzeit, und die steinernen Wasserspeier der Stadt – Berlin hat erstaunlich viele, wenn man nur hinguckt – grinsen sich eins. Unter deutschen Dächern das Grauen – ein fast schon zu sinnfälliges Motiv für dieses hervorragend realisierte und auch in sich stimmige Filmexperiment.

Am 9. Mai um 20 Uhr werden die drei Regisseure ihren Horror-Episodenfilm im Lichtblick-Kino vorstellen.

German Angst Deutschland 2015. Episodenfilm. Regie: Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski, Andreas Marschall, Drehbuch: Jörg Buttgereit, Goran Mimica, Andreas Marschall, Darsteller: Lola Gave, Milton Welsh, Rüdiger Kuhlbrodt u.a.; 112 Minuten, Farbe. FSK ab 18.

Ab 15. Mai auf Blu-Ray und DVD beim Label Pierrot le Fou; ca. 16 Euro.