Es gibt nichts, was die Unschuld eines Kindes besser ausdrückt und die hohen Hoffnungen, die sich auf sein junges Leben richten, als ein Gemälde aus seiner kleinen Hand. Der neun Jahre alte Dersu hat eine Nachtlandschaft gemalt. Spitze Berge, davor ein buntes Zelt wie aus Tausendundeiner Nacht, sein Dach schmückt ein Stern, am Himmel steht eine Mondsichel. Dersu Schefflers Lebensdaten stehen am Rand: 1995–2004. Er starb am 23. März auf dem Weg zur Schule, es war kurz nach acht. Die Mutter, die ihr einziges Kind begleitet hatte, konnte nichts tun. Ein nach rechts abbiegender Lastwagen überfuhr den kleinen Radfahrer, der sich nach der grün zeigenden Fahrradampel auf der Bismarckstraße gerichtet hatte.

Das Gemälde ist Teil eines Denkmals nicht nur für Dersu, sondern für alle im Straßenverkehr verunglückten Kinder, ja alle Kinder, die sich in diesem Verkehr bewegen, auf die es Rücksicht zu nehmen gilt. „Denk mal!“, steht unter dem Bild. Dass Dersus Tod der Anlass dafür war, es zu errichten, geht auf seine Eltern zurück, ein deutsch-türkisches Paar, sie Musikerin, beide Teil der Charlottenburger Künstlerszene. Und auf eine besondere Nachbarschaft. Dersus Tod erschütterte die Menschen im Kiez. Zunächst brachten sie Kerzen und Blumen zur Unfallstelle, zwei Jahre später wurde das „Denkmal für Kinder im Straßenverkehr“ errichtet, das erste derartige in Deutschland.

Finanziert hat es die Nachbarschaft. Es besteht aus einer Keramiktafel, die der im Kiez verwurzelte Künstler Michael Stürenburg nach dem Gemälde Dersus angefertigt hat, und einer drei Meter hohen Tonstele, die die Bildhauerin Rachel Kohn gestaltete. An der dem Bild zugewandten Seite der Stele führt eine Treppe nach oben, die plötzlich abbricht, noch bevor sie das die Stele krönende Häuschen erreicht. So wie Dersus Leben plötzlich abgebrochen ist.

Die Tücken des toten Winkels

Das Denkmal steht am Ende des Grünstreifens auf der vierspurigen Kaiser-Friedrich-Straße, dort, wo sie die sechsspurige Bismarckstraße kreuzt. Wer hier über die Ampel geht, kommt direkt daran vorbei, aber niemand an diesem Tag wendet den Blick. Unkraut sprießt um die Platte mit dem Bild, verkrumpelte Papierchen Kinderschokolade liegen daneben. Auf der einen Seite der Straße ist ein Matratzenladen, auf der anderen ein Erotik-Shop. Man hört hier nichts als Verkehrslärm. Das ist kein Ort, an dem man sich gern aufhält.

Bei Youtube sieht man einen kurzen Film, aufgenommen an Dersus zehntem Todestag, da ist das Denkmal mit Blumen geschmückt. Das Kiezbündnis hat eine Gedenkveranstaltung auf dem gegenüberliegenden Gehweg organisiert, vielleicht 50 Menschen sind gekommen. Eine Musikerin aus dem Kiez singt „Tears in Heaven“, jemand begleitet sie auf der Gitarre. Nachbarn begrüßen einander per Handschlag, umarmen sich. Eine Mutter hält ihr Kind dicht an sich gepresst. Auf ihrem Parka ein Abzeichen: „Rücksicht auf Radfahrer“, steht darauf, dazu das Symbol eines Lkw-Außenspiegels.

Denn der Lkw-Fahrer hatte Dersu nicht einfach übersehen, er hatte ihn nicht sehen können. Dersus Tod wurde durch den toten Winkel des Lkw-Außenspiegels verursacht. Und noch ein weiterer Mensch starb am selben Tag wie Dersu in Berlin durch einen abbiegenden Lkw. Die Anteilnahme und Erschütterung der Kiezbewohner führte nicht nur zur Errichtung des Denkmals. Es gab Demonstrationen und Eingaben beim Bezirk, beim Senat mit dem Ziel, bessere Sicherheitsstandards durchzusetzen. Der Schriftsteller Martin Keune sammelte Geld, kaufte 100 Zusatz-Seitenspiegel für Lkws und bot sie Speditionen an.

Dersus Tod bewegte die Menschen. Aber es gibt in Deutschland bis heute Unfälle, die diesem Muster folgen, fast 30 jedes Jahr. Auch dieses Jahr ist wieder ein Junge in Berlin von einem Lkw überfahren worden. Auch er war, begleitet von seiner Mutter, mit dem Rad auf dem Weg zur Schule. Das Kind war acht, als es starb. Dabei gibt es verbesserte technische Vorrichtungen, die solche Unfälle verhindern könnten. Es ist der Abbiegeassistent, der vor dem toten Winkel warnen könnte und das tödliche Muster durchbrechen.

Eine gelbe Warnleuchte würde dem Fahrer den Radfahrer anzeigen, eine rote ihn zum Bremsen auffordern. Das würde auch die Fahrer entlasten. Aber in Berlin gibt es nur wenige Fahrzeuge mit dieser Technologie. Laut dem Lkw-Hersteller Mercedes liegen die Einbaukosten für ein solches Assistenzsystem bei rund 2300 Euro pro Fahrzeug. Ist das zu teuer? Und warum gibt es keine Ampelschaltungen, die den Verkehr mithilfe getrennter Grünphasen für Geradeausfahrer und Rechtsabbieger sicherer machen?

Das Denkmal für Kinder im Straßenverkehr ist niederdrückend, weil es an einen Jungen erinnert, der weit vor der Zeit sein Leben verloren hat. Aber nicht nur deshalb. Jedes im Verkehr getötete Kind erzeugt einen Aufschrei, der dann, was die Verkehrspolitik angeht, fast folgenlos verhallt. Solche Gedanken kommen einem, wenn man inmitten des brandenden Verkehrs vor Dersus buntem Bild steht.