Kann eine Tierplastik faschistisch wirken? Wenn dieser einen Meter sechzig hohe Bronze-Adler, der mit leicht geöffneten Flügeln seine drei Jungtiere beschirmt, in einem barocken Park in der Mitte eines Kaskadenbrunnens stünde – würde man dabei an die Nazis denken? Vielleicht schon.

Denn er oder vielmehr sie blickt nicht sorgend auf die Jungen, obwohl das mittlere sehr steil am Horstfelsen entlang nach unten späht. Sondern sie hält den Schnabel majestätisch nach leicht rechts in die Ferne gerichtet, nach dem futterbringenden Männchen Ausschau haltend oder natürlich nach einem Feind. 

Und dieser stiere Raubvogelblick, die prahlerische Größe der Figur und der Grünspan auf den lauernden Schwingen vermitteln das gleiche Pathos gefährlicher Lächerlichkeit wie mit dem Lineal gezogene Scheitel oder der übertriebene Reithosenschnitt bei den Uniformen der ja nur im Sonderfall berittenen SS.

Erinnerung an die nationalsozialistische Machtübernahme

Sowieso: Ein Adler! Und an seinem tatsächlichen Standort, einem Spielplatz in der Reichsforschungssiedlung Haselhorst, steht er auf einem zwei Meter dreißig hohen Granitsockel.

Die Kinder, die sich auf die halbrunde, von Büschen eng umstandene kleine Sandfläche mit Rutsche, zwei Baggern und einem kleinen Klettergerüst verirren, alles so metallisch grau wie das Stahlwerk es entließ, können nicht wissen, dass die 1935 zur Einweihung der Siedlung errichtete Adlerhorst-Plastik von Max Esser ein „Denkmal der nationalen Erhebung“ war und ist, also eine Erinnerung an die nationalsozialistische Machtübernahme. 

Aber sie werden sich im Schatten dieser bald flügge werdenden (= sich bald erhebenden!) Adlerbrut und ihrer angriffsfreudigen Mutter kaum wohlfühlen. Tatsächlich ist hier, am späten Nachmittag eines heißen Tages, niemand anzutreffen, und es liegt nicht eine einzige Schaufel herum, nicht einmal ein Stück Papier. Ein paar Schritte weiter gibt es andere Spielplätze. Nettere.

Reichsforschungssiedlung war kein Nazi-Projekt

Überhaupt lohnt ein Besuch der zur Gewobag gehörenden Spandauer Reichsforschungssiedlung. Trotz des anschlussfähigen Namens und des Konzeptes, erschwinglichen und funktionalen Wohnraum für die Massen zu schaffen (der Volkswagen als Wohnung also), war sie kein Projekt der Nazis.

Sie entstand vielmehr auf Initiative der in den Zwanzigern gegründeten „Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen“ und geht auf einen Entwurf des Bauhaus-Gründers Walter Gropius zurück. Statt der von ihm (und seinem Kollegen Stephan Fischer) vorgesehenen zehn- bis zwölfgeschossigen Häuserzeilen wurden aber nur gemäßigte Drei- bis Achtgeschosser gebaut, und bei Baubeginn war Gropius am Projekt auch nicht mehr beteiligt.

Zu den ausführenden Architekten gehörte indessen der spätere Kirchenbauer Otto Bartning. Seit 1995 steht die zwischen 1930 und 1935 errichtete Siedlung, deren 3500 Wohnungen sich östlich und vor allem westlich des Haselhorster Damms erstrecken, unter Denkmalschutz. Die Siedlung wuchs den Nazis also nur zu, und wurde zum Abschluss mit einem heroisierenden Gedenkstein („... gesunde Lebensbedingungen für rund 13.000 Volksgenosssen ...“) und eben der Adlerbronze gewissermaßen bestempelt.

Der Bildhauer übrigens, Max Esser, 1885 geboren und auch für Porzellanmanufakturen wie Meißen oder KPM tätig, wurde von den Nationalsozialisten generell sehr geschätzt. 

1934 beauftragte Hermann Göring ihn mit einem Wisentdenkmal für sein Anwesen in der Schorfheide, 1936 schuf Esser einen Haubentaucher für den Zoologischen Garten, 1938/39 fertigte er eine Motorradfahrergruppe für die Avus (die erst 1989 aufgestellt wurde) und einiges mehr. Es gibt aber auch schon von 1912 einen aufmerksam nach unten schauenden Fuchs von ihm in den Schöneberger Cäciliengärten, auf einer Säule in einem Brunnen.

Wichtiger Bestandteil der Geschichte

Von ungefähr dort kommend, aus einer Schöneberger Altbaugegend, wirken die Haselhorster Zeilenbauten mit den kleinen, gemauerten Balkonen wabenartig. Mietskasernen, mal niedriger, mal höher. Aber da ist beneidenswert viel Grünfläche zwischen den Häusern, große Wiesen, mit Lärchen und Laubbäumen. Etwas verwahrlost allerdings und ganz ohne Grillplätze, Tischtennisplatten oder auch nur einen einzigen Liegestuhl, was mit dem Ensembleaspekt des Denkmalschutzes zu tun haben mag.

Zum Adlerhorst-Spielplatz gelangt man, wenn man vor dem Haus Lüdenscheider Weg 2 E einbiegt und durchs Grüne in Richtung des Hauses Lünnette 7 geht. Vor dessen Müllplatz und neben einer großen Weide thront die Bronze, direkt in der Einflugschneise zum Flughafen Tegel. Motorenlärm von echten Metallvögeln erfüllt alle paar Minuten die Luft, während die Schwingen der Adlermutter in der Zeit gefroren sind.

Was kein Mitleid ausdrücken will. Im Gegenteil sollte die Gewobag wirklich dafür sorgen, dass am Granit gut sichtbar ein sich auch Kindern erschließender Hinweis darauf angebracht wird, dass diese Plastik Geschichte ist und eine Geschichte hat – und zwar eine andere als die Siedlung ringsherum. Vielleicht könnte man die Adler auch bemalen.