Kein Mensch ist hier an diesem frühen Nachmittag. Niemand, den man fragen könnte, wo der Herero-Stein ist. Die Hauptachse führt zu einer großen Skulptur. Ein gefallener Soldat. Ein Stahlhelm liegt auf dem Leichentuch, das den Körper verhüllt. Eine geballte Faust ragt daraus hervor. Es ist ein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Angehörigen des Königin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiments. „Wir starben, auf dass Deutschland lebe, nun lasset uns leben in euch“, lautet die Inschrift. Es gab eine Zeit, in der man das nicht befremdlich fand.

Der Garnisonfriedhof am Columbiadamm in Neukölln ist eine Mischung aus Soldatenfriedhof und normalem Friedhof, das wird bei der Suche nach dem Herero-Stein klar. Die Teile mit den Soldaten sind in der Hitze braun gewordene Wiesen, auf denen lauter rechteckige Steine liegen, von ein paar Birken bestanden. Auch zwei Gräberfelder, auf denen Muslime bestattet werden, gibt es. Auf den Grabsteinen stehen türkische Namen, manche Namen sind in arabischer Schrift. Die Gräber sind alle schräg in eine Richtung ausgerichtet, nach Mekka. Am meisten aber fallen die vielen Plastikbänke auf, die Klappstühle, die fast an jedem Grab stehen. Hier verbringen die Lebenden offenbar Zeit mit den Toten. Von hier sieht man auch den Turm der Sehitlik-Moschee.

Den Herero-Stein finde ich endlich an einem Weg am äußersten Rand des Friedhofs. Er grenzt hier an das Columbiabad, man hört das Gekreisch der Kinder, die Trillerpfeifen der Bademeister, sogar das Geräusch, das die Sprungbretter beim Federn machen, kurz bevor einer abspringt. Der fröhliche Lärm bringt einem die Friedhofsruhe noch mehr zu Bewusstsein. Hohe Kiefern bieten Schatten, um ihre Stämme windet sich Efeu. Es sind zwei Denkmäler, die man hier zusammengefügt hat, oder zusammengezwungen. Das ist eine Frage der Perspektive.

Berlin Postkolonial

Der Herero-Stein erinnert aber gar nicht an die Herero. Das ist das Hirtenvolk, das sich sein Land nicht wegnehmen lassen wollte. Deutsche Kolonialtruppen kesselten es im damaligen Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia, in der Omaheke-Wüste ein, damit die Herero verdursteten. Manche wurden auch erschossen oder sie starben in Konzentrationslagern. Aber der große Findling ist ein Gedenkstein für die Deutschen, die freiwilligen Teilnehmer an diesem Feldzug von 1904 bis 1907, die den „Heldentod“ starben, wie es hier in Stein gemeißelt steht.

Das hat wohl Proteste hervorgerufen. Denn ein zweiter, kommentierender Gedenkstein liegt zu dessen Füßen. Eine Tafel mit dem Umriss Namibias. „Zum Gedenken an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia 1884–1915, insbesondere des Kolonialkrieges von 1904–1907. Die Bezirksverordnetenversammlung und das Bezirksamt Neukölln von Berlin.“ Darunter wird Wilhelm von Humboldt zitiert: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“

Mehr über dieses merkwürdige Doppeldenkmal erfährt man auf der Webseite von Berlin Postkolonial. Das ist ein Verein, der sich für eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialvergangenheit einsetzt: Am 2. Oktober 2009 ist der Namibia-Stein hier angebracht worden. Es war der Tag, an dem sich der Befehl zur Vernichtung der Herero und Nama, den der General Lothar von Trotha gab, zum 105. Mal jährte. Diesem Tag waren jahrelange Auseinandersetzungen um die Formulierung der Inschrift vorausgegangen.

„Dieses kleine Ding für die Opfer.“

Bei der Enthüllung wurde eine Erklärung verteilt, die die Verwendung des Begriffs Kolonialkrieg beklagte, wenn es doch Völkermord heißen müsste. Ein Genozid, dem bis zu 80.000 Herero zum Opfer fielen und 10.000 Nama. Das Auswärtige Amt war dagegen gewesen. Man kann sich denken warum. Völkermord, das ist nicht einfach ein Begriff. Wird etwas als Völkermord definiert, kann das rechtliche Konsequenzen haben. Völkermord verjährt nicht. In Namibia warten sie auf Entschädigungszahlungen.

Auf der Seite von Berlin Postkolonial findet sich auch der Kontakt von Israel Kaunatjike. Er ist Herero, seit 1970 lebt er in Berlin. 1964, mit 17, floh er aus Namibia. Er hatte dort gegen die Apartheid gekämpft. Das erzählt er am Telefon. Die Tafel vor dem großen Findling nennt er skandalös, beschämend. „Dieses kleine Ding für die Opfer.“ Er sagt, dass am Volkstrauertag Veteranenverbände am Herero-Stein ihre Helden feiern. Und er beklagt, dass es kein offizielles Denkmal der deutschen Regierung gibt, das sich mit der Kolonialvergangenheit auseinandersetzt. „Afrika wird nicht so ernst genommen“, sagt Israel Kaunatjike. Er setzt sich seit Langem dafür ein, dass sich das ändert. 71 Jahre ist er alt.

Und die Vergangenheit will einfach nicht vergehen.