Die Kreuzung Potsdamer-, Ecke Pallasstraße in Schöneberg ist kein Ort, den Berlinbesucher absichtlich aufsuchen würden. Gleichwohl ist der Blick auf das dortige „Pallasseum“ imposant: ein zwölfgeschossiger Wohnriegel aus Beton, der sich einen ganzen Hochbunker einverleibt hat, die Pallasstraße überspannt und auf der anderen Seite auf drei sechsgeschossige weitere Wohnblöcke trifft. Raum für 2000 Menschen, 1977 nach einem Entwurf von Jürgen Sawade errichtet.

„Berliner Sozialpalast“ hieß diese mit Satellitenschüsseln betupfte Front bis vor einigen Jahren, was kein phonetisches Wortspiel mit dem Straßennamen war, der auf den Naturforscher Peter Simon Pallas (1741–1811) zurückgeht, sondern ein Verweis auf das Gebäude, auf dessen Brache dieses Massiv errichtet wurde: auf den Berliner Sportpalast, der hier von 1910 bis 1973 stand und in mehrfacher Hinsicht ein Symbol für die Ästhetik der Massen war.

Größtes Lichtspielhaus der Welt

Erbaut im Auftrag der Internationalen Sportpalast- und Wintervelodromgesellschaft m.b.H. von Hermann Dernburg in einer etwas plumpen Bahnhofsarchitektur mit klassizistischem Anklang, war der Sportpalast von Anfang an ein Ort der Superlative. Mit einer Lauffläche von 2500 Quadratmetern eröffnete hier die größte Eisbahn der Welt; die Halle diente aber auch als Arena für musikalische Großereignisse, Boxkämpfe, Reitturniere und das damals noch buchstäbliche Sechs-Tage-Rennen. Ab 1919 wurden Filme gezeigt (weltgrößtes Lichtspielhaus!) und in den 20er-Jahren kam als Einnahmequelle die Vermietung an Parteien hinzu, anfänglich an KPD wie NSDAP, später nur noch an letztere. Ein Ort für den wirklich großen Auftritt vor zehntausend Besuchern. 

Aber wo genau stand der Sportpalast? Wo war der Eingang? Läuft man die Fassade des Pallasseums längs der Potsdamer Straße nach Norden ab, öffnet sich nach dem Spätkauf, der Turkish Airlines Filiale und dem Wettbüro (tipwin) der erste Hof des Komplexes, in dem sich gleich rechts auf einem staubigen Grasstück vor der Brandmauer des Nachbarhauses eine Gedenktafel findet: „Hier stand ...“. Aber wie alte Luftaufnahmen zeigen, befand sich genau dort bloß der Vorplatz. Bis zum Gebäude musste man mehrere Meter nach hinten gehen, es wurde nach heutiger Bebauung in zweiter Reihe errichtet und erstreckte sich dann vier Häuser breit und doppelt so tief leicht nach rechts gedreht von Südost nach Nordwest. 

Schauplatz zur NS-Zeit

Die Rückseite stieß später direkt an das ab 1922 errichtete Fernmeldeamt in der Winterfeldstraße. Ungefähr da also, wo heute der Spielplatz des Pallasseums ist (lichtlos, es sei denn zur Mittagszeit), dürfte die Mitte des Mittelgangs zur Tribüne gewesen sein, über der am wohl bemerkenswertesten Tag der Sportpalast-Geschichte, am 18. Februar 1943, über Hakenkreuzbannern der Spruch prangte: „Totaler Krieg – Kürzester Krieg“. Auf der Gedenktafel ist der Satz eingraviert, auf den NS-Reichspropagandaminister Goebbels nach dreieinhalb Jahren Kampfgeschehen und der Niederlage von Stalingrad seine Sportpalast-Rede zur verschärften Mobilmachung damals angelegt hatte.

"Wollt ihr den totalen Krieg?"

Die Frage, die er den Versammelten mit seiner hellen, rheinisch singenden Stimme stellte, nachdem er sie erst dramatisch vor einer Versklavung des deutschen Volkes durch den Bolschewismus (alias „Weltrevolution der Juden“) gewarnt und ihnen danach schrittweise die Versklavung durch die Notwendigkeiten des Krieges schöngeredet hatte. Die Frage, die auch die kennen, die vom Nationalsozialismus sonst wenig wissen: „Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?“

„Als Antwort“, vermerkt die Gedenktafel still, „schrien die versammelten Massen fanatisch ,Ja‘.“ Und dieses „Ja“, das auf der Rundfunkaufzeichnung der Rede knisternd überliefert ist, dieses „Ja“-Gebrüll, in das das Publikum rhetorisch versiert hineingekocht wurde, war ein „Nein“ zum zivilen Leben und zur Menschlichkeit. „Das Volk ist, wie diese Kundgebung bezeugt, bereit, alles für den Krieg und für den Sieg hinzugeben. Wir brauchen jetzt nur noch zuzugreifen“, schrieb Goebbels hinterher im Tagebuch. 

Wiedereröffnung 1951

Ein Jahr später, am 30. Januar 1944, wurde der Sportpalast durch britisches Bombardement zerstört. Im Winter darauf konnte man hier aber trotzdem Eislaufen – unter freiem Himmel. Mit einem deutlich flacheren Dach öffnete der Sportpalast dann 1951 wieder und war erneut Ort für Sechs-Tage-Rennen, Theater, Klassik und jetzt auch zunehmend Jazz und Rock. Louis Armstrong, Pink Floyd und – am 23. Januar 1969 – Jimi Hendrix traten hier auf, bis der Sportpalast so marode war, dass man ihn 1973 abriss.

Als kultureller Ort hatte er ein langes Leben vor und nach dem „Ja“ gehabt. Und doch fühlt es sich heute richtig an, dass vom ehemaligen Nimbus so gar nichts geblieben ist. Wo Goebbels triumphierend schloss: „Nun Volk steh’ auf und Sturm brich los!“, herrscht jetzt zielloses Ballspiel von Kindern im Hof und müßiges Sitzen alter Frauen auf der Bank.