Verdammt, da rotzt ihm eine Werferbatterie eine Serie von Granaten dicht vor die Füße. Ein Splitter reisst ihm ein Loch in den Ärmel. Noch mal Schwein gehabt! In einem Kellerloch muss er Deckung nehmen, bis der schlimmste Feuerzauber vorüber ist. Dann schafft er im Laufschritt, immer im Zickzack, eine gute Strecke des Wegs bis zur nächsten Straßenecke.“ Die Reportage über den „Melder im Ruinenfeld“ war das letzte, hastig in die Setzmaschine gehackte Werk eines Reporters aus Joseph Goebbels’ journalistischer Elitetruppe. Aber es fand keine Leser mehr. Die druckfrischen Exemplare des „Panzerbär – Kampfblatt für die Verteidiger Groß-Berlins“ vom 29. April 1945 blieben in den Kellern des zerschossenen Zeitungsviertels in der Kochstrasse liegen. Vor der Tür stand die Rote Armee. Am nächsten Tag erschoss sich Hitler, seine Leiche wurde von Getreuen verbrannt. Am 8. Mai 1945, heute vor 67 Jahren, wurde die Kapitulation unterschrieben. Damit ging auch ein verruchtes Kapitel des deutschen Journalismus zu Ende. Der Propaganda-Zug z.b.V. Feldpostnummer 67700, verantwortlich für den „Panzerbär“, hatte sich in den Trümmern verloren.

„Aus Ihren Berichten und Bildern wird dereinst die Geschichte geformt“, hatte Goebbels den 15.000 Soldaten seiner Propagandakompanien (PK) zu Kriegsbeginn zugerufen: Journalisten, Drucker, Techniker, Fotografen und Kameramänner. Sie druckten Flugblätter, Plakate und Zeitungen für die unterworfenen Gebiete, versprachen den gegnerischen Soldaten gute Behandlung beim Überlaufen. Teuflisch genug! Denn wer den Lautsprecherlügen glaubte, wurde in den Kriegsgefangenenlagern geschunden und ums Leben gebracht. Die PK-Journalisten lieferten Reportagen, Fotos und Wochenschaufilme für die Heimatfront. Noch mit der letzten Kuriermaschine, die den Kessel von Stalingrad verließ, wurden Filmrollen ausgeflogen.

Wenige Alternativen für Journalisten

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte der Reichspropaganda-Minister ein neues Kapitel in der Geschichte des Journalismus eröffnet. Er schuf den „embedded journalist“, der, eingebunden in die kämpfende Truppe, aus eigenem Erleben schrieb und aus der Kanzel der todbringenden Bomber filmte. „Diese Nachricht wird alle britischen Journalisten … aufs Tiefste erschüttern“, schrieb der Daily Express, als unter den Toten eines abgeschossenen deutschen Kampfflugzeuges, auch ein PK-Journalist gefunden wurde. „Die englischen Reporter, die sich bei den britischen Luftstreitkräften befinden, … sitzen an ihrem Schreibtisch und tippen Nachrichten aus zweiter Hand in die Schreibmaschine oder picken Gesprächsfetzen aus Offiziers- und Mannschaftsmessen auf“, tadelte die Zeitung und lobte das Goebbels-Modell.

Besonders beeindruckte den Daily Telegraph, dass die PK-Journalisten der Luftwaffe eine Ausbildung zum Bordschützen absolvieren mussten, so wie der Gefreite Henri Nannen, später Gründer und Chefredakteur des Stern. Begeistert berichtete er aus dem Cockpit: „Da bersten Panzer auseinander, brennen Lkw und stürzen Brücken krachend ein. Noch einmal und noch einmal stürzen wir, werfen Bomben und schießen, was aus den Rohren heraus will.“ Der mörderische Krieg macht ihn zum Meister der Reportage.

Es gab nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wenige Alternativen für Journalisten. Entweder sie schrieben auf Anweisung des Propagandaministeriums die Zeitungen mit Führerhymnen und Judenhass voll. Oder sie strebten als Kriegsverherrlicher in die PK-Einheiten. Journalismus war eine Charakterfrage. Wenn es Helden gab, dann waren es die, die sich gegen den Einsatz als „politische Soldaten Adolf Hitlers“ – so der Reichsführer SS Heinrich Himmler – entschieden und in den Reihen der Wehrmacht kämpften.

Die weniger Charakterfesten fotografierten zum Beispiel nach klaren Regeln „vorstürmende Truppen immer so, dass sie von links nach rechts liefen – um sie – in Gedankenverbindung mit der Landkarte – nach Osten stürmend zu zeigen“, so der PK-Fotoreporter Schmidt-Scheeder. Unter allen Umständen war zu vermeiden, „dass deutsche Gefallene auf den Bildern zu sehen wären, dafür möglichst viele russische, am besten haufenweise.“

Umstrittene Neutralität

Jedes Foto, jeder Text durchlief eine Zensurmaschinerie vom jeweils zuständigen Armee-Oberkommando bis zum Berliner Propagandaministerium, wo entschieden wurde, in welchen Blättern die meist namentlich gezeichneten Beiträge erschienen. Bis zum 25. April 1945 zählte die Dienststelle „Fachprüfer Wort“ beim Oberkommando der Wehrmacht über 80.000 durchnummerierte Berichte. Allein im letzten Kriegsjahr schickten PK-Kameramänner 20.000 Meter belichtetes Filmmaterial von der Front.

Eifer in den Propagandakompanien war nach dem Krieg nicht karriereschädlich. Karl Holzamer, der im April 1941 als Erster eine Radioreportage über die Einnahme Belgrads auf dem Luftweg nach Deutschland schickte, wurde Gründungsintendant des ZDF. PK-Leutnant Karl-Heinz Reintgen, der als Sendeleiter des Besatzungssenders Belgrad 1941 die Soldaten-Schnulze „Lili Marleen“ in den Äther sandte, brachte es zum Chefredakteur des Saarländischen Rundfunks. PK-Mann Kurt-W. Marek, Autor des Kriegsbestsellers „Wir hielten Narwik“, veröffentlichte als C. W. Ceram den archäologischen Hit „Götter, Gräber und Gelehrte“. Und Herbert Reinecker, der ein halbes Jahr vor Kriegsende in die SS eintrat, kämpfte auch nach dem Krieg als Autor der Krimi-Serie „Derrick“ gegen das Böse, das jetzt nicht mehr von Bolschewisten in Uniform, sondern von Kriminellen ausging.

Journalistisch hat der Stil der PK-Kompanien nicht nur den Landserroman beflügelt, sondern auch die Illustrierten-Reportage der Nachkriegszeit. Im Mittelpunkt stand jeweils ein Held. Aber der schoss jetzt nicht mehr den Gegner ab, sondern hatte sich im friedlichen Alltag zu bewähren. Das Modell des „embedded journalism“ dagegen brauchte noch ein paar Kriege, um sich durchzusetzen. Im Irakkrieg 2003 gegen Saddam Hussein konnten Journalisten erstmals „eingebettet“ in kämpfende US-Truppen für Zeitungen, Radio und Fernsehen berichten – aber ohne die mörderische Konsequenz der Goebbels-Idee. Sie trugen weder Uniform noch Waffe und unterstanden keinem Befehl. Aber wie ein Journalist inmitten der Kämpfer neutraler Berichterstatter sein kann, ist bis heute umstritten.

Prof. Ernst Elitz lehrt an der FU Berlin Kultur- und Medienmanagement. Er war 1994 bis 2009 Gründungsintendant des Deutschlandradios.