Als der Erste Weltkrieg im November 1918 zu Ende ging, war auch das Ende jener Staatsform erreicht, die mehr als 1 000 Jahre Mittel- und Osteuropa dominiert hatte: die Monarchie. Drei Kaiserreiche verschwanden, das der russischen Romanow, der österreichischen Habsburger, der deutschen Hohenzollern, dazu die mit diesen eng verbundenen Königskronen von Ungarn, Böhmen, Sachsen, Bayern, Württemberg, Preußen sowie viele, viele Großherzöge, Herzöge, Fürsten und Grafen.

Kaum fünf Jahre vorher dachten nicht einmal kühnste Republikaner an einen so radikalen Umsturz, der nur mit der Selbstauflösung des Heiligen Römischen Reichs seit 1804 vergleichbar ist. Ganz im Gegenteil: Als heute vor einhundert Jahren die Früh- und Sonderausgaben der deutschen Zeitungen mit Fotografien und jubelnden Texten aus Berlin von den Hochzeitsfeierlichkeiten berichteten, die Viktoria Luise von Preußen, die einzige Tochter Kaiser Wilhelm II., und Ernst August (III.), Prinz von Cumberland aus dem Haus Welf-Hannover vermählten, schien die monarchische Welt fit gemacht für eine neue Zeit.

Drei Generationen Entfremdung

Die politische Botschaft dieser Hochzeit an die Öffentlichkeit war: Endlich versöhnen sich nach fast einem halben Jahrhundert Feindschaft die Welfen und die Hohenzollern, zwei der ruhmreichsten Herrscherhäuser Europas.

Um die komplizierte Geschichte kurz zu machen: Preußen hatte 1866 das von den Welfen beherrschte Königreich Hannover annektiert. König Georg V. floh ins österreichische Exil, akzeptierte den Verlust genau so wenig wie wie Kronprinz Ernst August (II.). Deswegen schlugen sie 1884 auch das Angebot Preußens aus, wenigstens das Stammgebiet der Welfen zu übernehmen, das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg.

Erst als sich 1912 der Enkel, der in bayerischen Armeediensten stehende Ernst August (III.) und Viktoria Luise verliebten, schien ein Ausweg möglich. Nach drei Generationen Entfremdung waren daran alle interessiert: So lange die Hannover-Frage nicht dynastisch einwandfrei geklärt war, behielt der junge Kaiserthron der Hohenzollern den Ruch der Machtanmaßung. Und die Welfen konnten nur nach einem Ausgleich erwarten, Zugriff auf ihr 1866 von Preußen beschlagnahmtes Vermögen zu erhalten. Es war übrigens jener legendäre „Reptilienfonds“ Bismarcks, aus dem er illegal unter anderem Jubeljournalisten, Propagandazeitungen und 1871 die Zustimmung König Ludwig II. von Bayern zur Reichsgründung in Versailles finanzierte.

Geheimverhandlungen und fürstliche Reisediplomatie begannen. Ernst August schwor schließlich dem deutschen Kaiser Treue, bekam seine Viktoria Luise, wurde Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Es war die erste Medienhochzeit der Moderne, mit Fotografen, Zeitungsberichten von der Hoftafel, Filmen mit Fürsten, jubelndem Volk im Hinter-, Hochzeitskutsche im Vordergrund. Ganz das Programm, das bis heute bei vergleichbaren Ereignissen abgewickelt wird. Dass es sich um eine Liebesheirat handelte, die scheinbar gegen alle Politik durchgesetzt wurde, war dabei Teil eines weiteren politischen Projekts.

Eine obszöne Angelegenheit

Seit seiner Thronbesteigung 1888 betrieb Kaiser Wilhelm II. systematisch die Modernisierung der Monarchie und ihres öffentlichen Auftritts. Dieses durch die industrielle Massengesellschaft erheblich in Frage gestellte soziale und kulturelle Ordnungs- und Orientierungsinstrument sollte sich öffnen, anpassen, erneuern. Sein Vorbild war dafür die Politik Königin Victoria von Großbritanniens und ihres Prinzgemahl Albert seit den 1840er-Jahren. Sie hatten erstmals das öffentlich vorgeführte Gefühl familiärer Liebe als egalisierendes Bindeglied zwischen Herrscherhaus, Bürgertum und Arbeiterschaft inszeniert. Sie hatten auch erstmals oft ganz neu erfundene, öffentlich vorgeführte „Traditionen“ zum Mittel genommen, um die Erb-Herrschaft der Monarchen aus der Geschichte heraus zu legitimieren. Der 1913 im Berliner Schloss veranstaltete „Fackeltanz“, mit dem die Hochzeitsgesellschaft das Paar zum Schlafzimmer begleitete, war aus bürgerlicher Sicht eine wenigstens leicht obszöne Angelegenheit. Aus fürstlicher aber garantierte er die Legitimierung der Verbindung.

Diese Strategie, Bürgertum und Herrscherhäuser über öffentlich inszenierte Gefühle und Traditionsbeschwörung einander anzunähern, wirkte: Die Geschenke aus der Bevölkerung waren 1913 derart reichhaltig, dass sie in mehreren Möbelwagen nach Braunschweig geschafft werden mussten. Nach dem Sturz der Monarchien 1918 wurde die einstige Herzogin zur ersten Bürgerin der Stadt verklärt. In den 1970ern wurden ihre Memoiren zu Bestsellern. Und derzeit sind die Veranstaltungen zum Jubiläum in Braunschweig kaum zählbar, von der Ausstellung einiger Silberwaren aus dem Hochzeitsbankett im kitschigen neuen „Schlossmuseum“ bis hin zum Musical „Viki Lou“.

Die kontrollierte Demokratie

Charakteristischer Weise lautet aber der Obertitel all dieser Veranstaltungen: „Europas letztes Rendesvous“. Nach 1918 wurde die Erinnerung an diese Hochzeit nämlich zunehmend zu einer an die „gute alte Zeit“. Teilgenommen hatten alle wichtigen Monarchen, das deutsche Kaiserhaus, die deutschen Könige und Fürsten, Nikolaus II. von Russland Georg V. von Großbritannien. Es war das letzte Zusammentreffen dieser oft eng miteinander verwandten Herrscher vor dem Ersten Weltkrieg.

Die Hochzeit schien vor allem konservativen und monarchistischen Kreisen zu belegen, dass es eben nicht die alten Herrschaftssysteme, sondern gerade die moderne Massengesellschaft mit ihren nationalistischen Emotionen die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ausgelöst hat. Der Adel als übernationale Familie hätte, lautet die Legende, schon eine Lösung für die staatlichen Konflikte gefunden. Dass Wilhelm II. 1914 tatsächlich in letzter Minute versuchte, über familiäre Kanäle zu Nikolaus II. den Krieg zu verhindern, scheint diese Sicht zu bestätigen. Doch auch er war eben nicht in der Lage, sich dem nationalistischen Wahn entgegen zu stellen: Zu eng hatte sich der Kaiser mit ihm gerade durch die Modernisierung seiner Herrschaft verbunden, der aber das fehlte, was den Monarchien Nord- und Westeuropas das Überleben nach 1918 möglich machte: Die parlamentarisch kontrollierte Demokratie.