Berlin - Der schwere Mantel, in dem ein kleines Kind sich gegen die Kälte des Kriegswinters 1945 schützte; das Klappfahrrad aus Russland, mit dem kürzlich die Grenze nach Norwegen überquert wurde; der hölzerne Panjewagen, der einmal durch ganz Mitteleuropa gezogen wurde; das Blechgeschirr, dass die UNHCR verteilt; die Holztruhe aus Karelien; die Schlüssel aus dem Haus in Königsberg; der Pass, der nachwies, dass man Mensch und Staatsbürger mit Rechten ist; die Kopie einer Granate, die in Sarajewo einschlug.

Wer in die erste Dauerausstellung des neuen Dokumentationszentrums Flucht Vertreibung Versöhnung am Askanischen Platz tritt, sollte nicht erwarten, eine frohe Geschichte zu erleben. Hier werden in radikaler Nüchternheit bemerkenswert viele Facetten einer überaus brutalen Moderne gezeigt.

Es geht um die „Zwangsmigration“ von Griechen und Türken in den 1920ern, um die 1945 auf der Potsdamer Konferenz skandalös harmlos „Umsiedlung“ genannte ethnische Säuberung Mittel-, Ost- und Südosteuropas von 12,5 Millionen deutschsprachiger Menschen, um die Sehnsucht nach Rache und Homogenität in Polen, der Tschechoslowakei oder Rumänien. Es geht um die Folgen innerstaatlicher Konflikte wie in den Jugoslawien-Kriegen der 1990er-Jahre, um die Flucht von Syrern und Indern, Pakistanis und Afghanen – oder um die blanke Durchsetzung von Macht wie bei der Deportation der Tataren und Wolgadeutschen in Stalins Sowjetunion.

Die Betroffenen verlieren oft ihren Wohlstand, immer ihre Sicherheit, ihren sozialen Status und viele emotionale Bindungen. Auf der Zwangsreise droht Vergewaltigung, Ausplünderung, Ausbeutung, Deportation, Mord. Gerade bei Vertreibungen sind vor allem Frauen und Kinder betroffen: Ein schlichtes Speisemesser mit runder Spitze wurde von einem Mädchen als Notwaffe über Monate und Jahre in den Röcken getragen. Und immer blieb die Sehnsucht nach der „alten Heimat“, nach den Häusern, den Bergen, den Dünen, der Musik, dem Essen. Wenn man bis heute in einer populären Eisdiele Berlins den „Ostpreußenbecher“ kaufen kann, dann ist das eben auch Teil Traumabearbeitung, die gerade von der politischen Linken viel zu lange und sehr ungerecht ignoriert oder gar verleugnet und als revanchistisch verurteilt wurde.

Ein Haus mit prägender Architektur

Ein Vorurteil, dass auch die komplizierte, bis 1998 zurückreichende Entstehungsgeschichte des Dokumentationszentrums und nun seine Architektur geprägt hat. Erst wird der niedrige, fast enge Eingangsraum betreten, dann ein straff kantiges Portal durchschritten, um vor der gewaltigen Seitenansicht einer Riesentreppe in einem hohen Saal zu stehen. Die Wände zeigen übergroße Fenster, alle Details sind breit und groß, an einem massigen Turm kleben – fast nicht zu betrachten – die phänomenalen Glasgemälde von Ludwig Peter Kowalski aus dem alten Deutschlandhaus. Genau so wie das Wegsperren der Wappenbilder aus dessen Saal ins Depot ist auch dies hier eine indiskutable Installation, die vor allem zeigt: Die Stiftung muss noch viel fechten, um mit der eigenen Geschichte zurande zu kommen.

Die Riesentreppe führt mit hohen Stufen hin auf ein Podium. Hier ist eine Art weltweiter Geschichte von Flucht und Vertreibung inszeniert, teils als Archivschrank, teils mit erschreckenden Objekten, die auch die jüngste Zeit, das Versagen Europas in Sarajewo und im Mittelmeer, aber auch die Aufnahme der Boat-People aus Vietnam in der alten Bundesrepublik nicht ausspart. Ganz hervorragend!

Eine Wendeltreppe führt gleich einer großen Skulptur weiter durch ein dunkel scheinendes Loch in das oberste Geschoss. Hier erst geht es um das Schicksal der 12,5 Millionen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa zwischen 1940 und 1949 umgesiedelten, geflohenen und vertriebenen deutschsprachigen Europäer, eingebettet in die Geschichte des Kriegs, die der Vernichtung der europäischen Juden, der Vertreibung von Polen aus den 1940 von Stalin und von Hitler besetzten Gebieten, den von den Diktatoren beschlossenen „Umsiedlungen“ aus dem Baltikum, Wolhynien oder Tirol, den Rückzug der Wehrmacht seit 1944. Streng linear ist hier der Rundgang, man kann der Geschichte nicht durch Abkürzung entgehen. Es ist eine brutale Ausstellung – nur der Umgang mit den Flüchtlingen in der neuen Heimat wird auffällig milde gezeigt, obwohl doch Andreas Kosserts grandiose Studie „Kalte Heimat“ 2009 in Erinnerung rief, wie wenig willkommen sie in den Westzonen und in der Sowjetischen Besatzungszone waren, wie fremd, wie arm. Eine ständige, sehr unbequeme Mahnung, dass die Kosten des verlorenen Kriegs nach 1945 sehr ungerecht verteilt wurden.

Niemand soll sich sicher fühlen

Man braucht Zeit und Geduld, um diese Geschichte und die Einzelschicksale an sich heranzulassen. Um zu lernen, wie sehr sich die Menschheit juristisch bemüht, dem Grauen ein Ende zu setzen. Oder um jene amerikanische Krankenschwester zu entdecken, die 1937 Zehntausende chinesische Frauen in Nanking vor Vergewaltigung und Tod durch die japanischen Eroberer bewahrte. Dass gerade hier mit einer blitzenden Skulptur aus China Werbung für die aktuelle Xi-Interpretation des Kriegs gegen die Japaner gemacht wird, ist allerdings eher peinlich.

Auch sonst wird man sicher noch über manches Detail debattieren wollen. Doch insgesamt erscheint bei diesem ersten Rundgang die Auswahl der Objekte überzeugend, ebenso die strenge Ästhetik der Ausstellungsgestaltung vom Atelier Brückner aus Stuttgart und vor allem die gewaltige Architektur vom Architekturbüro Marte.Marte Architekten aus dem österreichischen Feldkirch. Eng, weit, hoch, die Überwältigung durch lange Sichten und raue Materialien – all das zeigt an: Man soll sich in diesem radikal und fern aller Denkmalpflege aus dem alten Deutschlandhaus heraus entwickelten neuen Haus nicht sicher fühlen können, soll die Maßlosigkeit des Schreckens auch räumlich erfahren können.

Gesteigert wird diese Wirkung noch durch die geradezu gemütliche, mit Lounge-Möbeln aller Art ausgestattete Bibliothek, in der auch das Archiv der Zeitzeugen eingesehen werden kann. Und dann ist da der „Raum der Stille“: Holz, Licht, frischer Duft, viel Platz. Erst nach und nach fügen sich die Fotos auf den kulissenartig hintereinander geschobenen Wandscheiben zusammen, zeigen das Bild eines Strandes mit einem kleinen Holzhaus darauf. Masuren, die Ostsee. Oder ist es das Mittelmeer, aufgenommen vor wenigen Tagen? In der Architekturbiennale in Venedig fordert ein kleiner, fast versteckter Ausstellungsabschnitt, die seit 1948 entstandenen Flüchtlingslager in Palästina auf die Liste des Welterbes zu stellen. Die Idee ist richtig gut, das zeigt gerade das neueste Berliner Museum. Flucht und Vertreibung sind eben keine Geschichte, sondern Teil der Moderne.

Die Ausstellung wird am 23.6. für den Publikumsverkehr eröffnet. Öffnungszeiten: Di - So, 10 bis 19 Uhr, Stresemannstraße 90, 10963 Berlin