Damals noch im Bikini-Haus: Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung Paper Positions im Rahmen des Gallery Weekend Berlin im April 2017
Foto: Imago

BerlinWagemutig treffen wir uns zu dritt zum Gespräch, live, plastisch und nicht flach auf einem geteilten Bildschirm. Eine soziale Plastik in Zeiten von Corona, Beuys hätte seine Freude daran. Der Galerieraum von Jarmuschek+Partner in der Potsdamer Straße ist ja groß genug, um dem verordneten Abstandsgebot Genüge zu leisten. Und er ist leer. An der Wand, wo sonst Kunst hängt, reihen sich lediglich neun schwarze T-Shirts mit je einem Buchstaben darauf: „postponed“ ergibt das Wort – verschoben, auf September voraussichtlich.  

„Sollten“ ist das Modalverb der Stunde 

Gemeint ist die Kunstmesse Paper Positions. Denn Kristian Jarmuschek und Heinrich Carstens sind nicht nur erfahrene Galeristen, sie sind auch die Macher der beiden Kunstmessen Positions und Paper Positions. Letztere sollte am 30. April eröffnet werden. Zeitgleich zum Gallery Weekend sollten 60 internationale Aussteller über das 1. Mai-Wochenende im Frühlingsturnus wieder die viel besungene Karawane aus Sammlern, Kunstbummlern und Käufern anlocken. Sollten, ja: das Modalverb der Stunde.

Kristian Jarmuschek, Kunsthändler, Galerist und Vorsitzender des deutschen galeristenverbandes.
Foto: Carolin Saage/Galerie Jarmuschek+Partner

„Das ist alles ganz furchtbar“, sagt Heinrich Carstens, „nicht nur für uns“. Dabei hatte das Jahr so vielversprechend angefangen. Die Paper Positions hätte sich in diesem Jahr vergrößert, die Aussteller haben großartige Konzepte vorgelegt, es sollte mehr Raum für die freie Szene, für Projekträume, die Kunstvereine und für Talks geben. Nach der Absage der großen Schwester art berlin durch deren Betreiber Kölnmesse Ende 2019 war das Interesse an der Paper Positions und der Positions enorm gewachsen, erzählen sie. Das Kunstmessen-Pflänzchen fing gerade an, auf dem schwierigen Kunstmarktplatz Berlin neu zu gedeihen. 

Und dann geht die Tür auf  und alle dürfen staunen

Eine Messe zu entwickeln, sei quasi wie Weihnachten vorzubereiten, sagt Jarmuschek: „Man weiß schon, worauf sich alle freuen können, dann geht die Tür auf, alle dürfen rein und können staunen!“ – nach den Osterferien, so dachten sie. Stattdessen Vollbremsung, Shutdown. So heißt es nun, Ideen aus dem erzwungenen Stillstand heraus zu entwickeln. Die wichtigste Frage sei: „Was können wir für die Aussteller tun?“

Heinrich Carstens (links) bei der Art Week 2015 mit Florentine Weiss und Till Brönner.
Foto: Imago/Fabian Matzerath

Jarmuschek und Carstens haben eine solidarische Videobotschaft an die Aussteller geschickt, in der sie sie motiviert haben, ihnen persönliche Videos zu senden, um der Krise in der Kunstwelt ein Gesicht zu geben. Für viele Messeteilnehmer sei Berlin das Fenster und der Zugang zur internationalen Kunstwelt. Man braucht sich gegenseitig – die Aussteller, die in ihren Galerien Umsätze machen, damit sie dann auch Lust haben, auf die Messen zu kommen. „Diesen Kreislauf, die Wertschöpfungsketten wollen wir aufrechterhalten.“ Die Öffentlichkeit dafür stellt das Internet her. Aber es ersetze natürlich nicht die persönliche Erfahrung des Kunstwerks im Raum, das Gespräch vor einem Bild: „Messen schaffen diese komplexen Situationen, vielschichtige Erlebnisräume. Dafür arbeiten wir mit Leidenschaft“, sagen die beiden Messemacher und haben noch eine Idee entwickelt, die durch echte Haptik überzeugt: Ein umfangreiches Ausstellungsbuch soll zum abgesagten Mai-Termin bei den Sammlern und Ausstellern eintreffen.

Wir versuchen, Sachen auch immer ein bisschen anders anzugehen.

Kristian Jarmuschek

„Wenn wir schon keine Besucher empfangen können, so besuchen wir sie mit dem Buch. Vielleicht haben das die Wenigsten erwartet, da alle ihre Aktivitäten ins Digitale verlagern, aber wir versuchen, Sachen auch immer ein bisschen anders und besonders anzugehen und einen partnerschaftlichen Umgang zu pflegen.“ Fast noch wichtiger als die Frage nach dem nächsten Umsatz sei, im Gespräch zu bleiben und nicht einfach alles runterzufahren und wieder hoch. Das gehe bei Galerien, die oft hohe Mieten in guten Lagen zahlen, ohnehin nicht. Die Krise wirke wie ein Verstärker, auch in der Verantwortung, die sie trügen, betonen Jarmuschek und Carstens. Nicht nur für ihre jeweils eigene Firma, ihr Team, ihre Familien und die Aussteller, sondern auch für Transporteure, Bilderrahmenbauer, Messebauer.

Zu loben sei in dem Zusammenhang die vom Berliner Senat und der Bundesregierung aufgelegte Soforthilfe für Soloselbständige und Selbständige mit bis zu zehn Mitarbeitern. Das Geld sei schnell und unkompliziert geflossen. Nachgebessert werden müsse allerdings die Kredithilfe durch Banken für Galerien mit mehr als zehn Mitarbeitern, sagt Jarmuschek, der auch Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher Galerien und Kunsthändler, BVDG, ist. Die Gespräche darüber laufen gerade, auch die über eine Förderung durch die Wiedereinführung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes von sieben Prozent.

Alle planen jetzt für den September

Bleibt noch die Sorge um den Messestandort im ehemaligen Flughafen Tempelhof, wo die Positions im Herbst zur Art Week stattfinden soll. Die Hangars bedürfen dringender Investitionen wie beispielsweise in Sicherheit und Brandschutz. Ohne Mietzuschuss könnten die Veranstalter alleine diese Ausgaben künftig nicht mehr stemmen.  Es ist ein Schwebezustand auf allen Ebenen. Am schlimmsten aber sei: „Wir können nichts planen“, sagt Heinrich Carstens. Alle schieben ihre Veranstaltungen ja jetzt auf den Herbst. Das ziehe viele Probleme nach sich, praktische, logistische, finanzielle. Aber ein Wunschtraum wäre es schon, im September zur Messe eine große Videowand zu haben, auf der die 60 persönlichen Krisenvideos der Aussteller parallel laufen – „Und wir alle stehen davor und sagen, wow, wir haben es geschafft!“