Gesichtsplastiken im Ersten Weltkrieg: Hilfe vom Nasenjoseph

Berlin - Es war im Jahr 1915 an der Front in Nordfrankreich. Während eines Gefechts traf ein Granatsplitter das Gesicht des jungen Leutnants Karl Hasbach, 26 Jahre alt. Das Geschoss zertrümmerte seinen Oberkiefer und die Nase. Seine Leidensgeschichte ist im Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin dokumentiert. In einer Vitrine dort sieht man ein Foto des jungen Mannes. Er trägt Uniform. Sein Profil wirkt wie abrasiert, auf furchtbare Weise begradigt.

Karl Hasbach wurde zunächst in einem Kriegslazarett behandelt, dann kam er in die Chirurgische Klinik in Bonn. Neunzehn Mal wurde er dort operiert. Eine neue Nase zu konstruieren, gelang den Ärzten jedoch nicht. Sein Fall ist einer von zahlreichen, in denen Mediziner hilflos vor einer der schweren Verletzungen standen, wie der Erste Weltkrieg sie massenhaft verursachte. Einige der verwüsteten Gesichter sind durch Ernst Friedrichs Bilderdokumentation „Krieg dem Kriege!“ aus dem Jahr 1924 bekannt geworden.

Eine Nase aus Glyzerin

„Es war wohl die schlimmste Zeit meines Lebens“, schrieb Karl Hasbach über seine Zeit in Bonn. „Der Defekt im Gesicht war wohl geheilt, nun sollte ich eine künstliche Nase tragen.“ Sie ist aus Gelatine und Glyzerin geformt, Karl Hasbach behalf sich mehrere Monate mit diesem Gebilde. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch und kam schließlich nach Berlin.

Dort war im Juni 1916 eine Abteilung für Gesichtsplastik an der Charité eingerichtet worden. Die Aufgabe der Ärzte bestand nicht darin, die verwundeten Soldaten so schnell wie möglich wieder einsatzbereit für die Front zu machen, wie es der Logik der Militärmedizin damaligen Zeit entsprach. Sie sollten sich um die Wiederherstellung der zerstörten Gesichter bemühen. Das war ein Novum, das unter dem Eindruck der schweren Entstellungen entstanden sein muss. Ihr Anblick, so befürchtete man wohl auch, könnte nicht zuletzt die Moral zersetzen.

Der Leiter dieser Abteilung hieß Jacques Joseph. Er war 1865 als Sohn eines Rabbiners in Königsberg auf die Welt gekommen, seine Eltern hatten ihm den Namen Jakob gegeben. In Berlin studierte er Medizin und betrieb dann zunächst eine Praxis für Allgemeinmedizin in Mitte. Aber sein Ziel war es, Chirurg zu werden.

Jacques Joseph bewarb sich an der Universitätsklinik für orthopädische Chirurgie, die von Julius Wolff geleitet wurde, im Berliner Volksmund „Knochenwolff“. Dort nahm er den ersten Eingriff vor, der dem Bereich der Schönheitschirurgie zuzuordnen ist. Er operierte einen zehnjährigen Jungen mit extrem weit abstehenden Ohren. Heimlich geschah das.

Joseph weihte seinen Chef nicht ein, denn es war eine Operation ohne medizinische Notwendigkeit. Doch Joseph sah das anders. Der Junge hatte schwer unter der Hänselei wegen seiner Eselsohren gelitten, er hatte nicht mehr in die Schule gehen wollen. Der Eingriff glückte, doch Joseph wurde entlassen. Er eröffnete daraufhin wieder eine Praxis und operierte dort weiter. Einen Gutsbesitzer etwa, der wegen seiner unförmigen, riesigen Nase schwermütig geworden war, der andere Menschen mied.

OP-Instrumente selbst konstruiert

Das Geschick des Arztes sprach sich herum. Bis 1907 hatte Jacques Joseph an die 200 Nasen verkleinert. Er hatte Ende der 1890er-Jahre eine Technik der plastischen Chirurgie entwickelt, mit deren Hilfe er durch die Übertragung von körpereigenem Knochen, Hautgewebe, Knorpel oder auch Elfenbein aus der Berliner Pianofabrik Bechstein Nasen eine andere Form gab.

Jacques Joseph konstruierte seine eigenen Operationsinstrumente, im Museum sind sie zu besichtigen. Es liegen bajonettförmige Schwingmesser in der Vitrine, Elfenbein-Haltezangen, eine Nasensäge. Weltbekannt ist der sogenannte Joseph, ein nach dem Arzt benanntes Raspatorium, ein Instrument, mit dem sich die Schleimhaut vom Knorpel in der Nasenscheidewand trennen lässt.

Jacques Joseph gilt als Begründer der modernen plastischen Chirurgie, der Schönheitschirurgie. Er stellte sie in den Dienst der Seele, zunächst wenigstens. Für die Soldaten mit den verheerten Gesichtern ging es um ihre seelische Gesundheit, denn wenn sie nach Berlin kamen, schwebten sie nicht mehr in Lebensgefahr, ihre Wunden waren meist schon verheilt. Aber ihr Körper war in einer Weise gestaltet, die das Gemüt krank machte. Manche Verwundete wurden auch von den Schlachtfeldern in Sanitätswaggons mit der Eisenbahn direkt zum Bahnhof Friedrichstraße und von dort auf Josephs Station gebracht. Aber alle litten sie unter den psychischen Auswirkungen, die ihr Aussehen verursachte. Es ging darum, ihr Leben wieder lebenswert zu machen.

Der Berliner Volksmund nannte Jacques Joseph „Nasenjoseph“ oder „Noseph“. Und auch Karl Hasbach bekam von ihm eine neue Nase. Ein Foto nach der Operation ist in Jacques Josephs Werk „Nasenplastik und andere Gesichtsplastiken“ zu sehen. Karl Hasbach kehrte nicht mehr an die Front zurück, er heiratete nach dem Krieg, hatte drei Töchter und arbeitete als Gymnasiallehrer. Ohne Nase hätte er sich wohl kaum vor eine Schulklasse gestellt.

Im Januar 1922 wurde die Abteilung für Gesichtsplastik an der Charité geschlossen. Jacques Joseph, damals fast sechzig Jahre alt, bekam den Professorentitel, der ihm vier Jahre zuvor aufgrund seines jüdischen Glaubens verwehrt worden war. Er hatte sich, so heißt es, damals geweigert zu konvertieren. Auch das Eiserne Kreuz wurde ihm verliehen.

In der Weimarer Republik galt Jacques Joseph dann als einer der bekanntesten Schönheitschirurgen weltweit, seine Patienten kamen von überallher, aus den USA, selbst aus Indien. Egon Erwin Kisch schrieb über ihn den Text „Das Haus der veränderten Nasen“. „Der Herr Professor muß zuerst wissen, wie reich einer ist“, so Kisch, „danach läßt er sich die Operation bezahlen [...], und er muss die Wesensart kennen, denn danach stellt er die Nase her. Wünschen Sie eine kecke Nase oder eine intelligente, eine kokette oder eine energische? Jeder kann sich bestellen, welche Nase er haben will.“ Und im Wintergarten sang Otto Reutter „Mensch, lass dir deine Nase ändern.“

Grab auf dem Jüdischen Friedhof

Joseph formte verschiedene Nasen, er entwickelte aber auch objektive Kriterien für Schönheit oder Normalität. Er konstruierte einen ästhetischen Profilwinkel, der die normale Form einer Nase beschreiben sollte. Der ideale Winkel lag für ihn bei 30 Grad.

Nachdem 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, verlor Joseph seine Zulassung und durfte Operationen bald nur noch nach einem Sondergenehmigungsverfahren durchführen. Im Jahr 1934 starb er, durch einen Herzinfarkt auf dem Weg zur Arbeit. Seine Witwe und die Tochter konnten vier Jahre später in die USA flüchten. Nur die ausländische Fachpresse nahm Notiz vom Tod des berühmten Mediziners. Begraben wurde Joseph auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Im Zweiten Weltkrieg wurde sein Grab durch Fliegerbomben zerstört. 70 Jahre später fand man den Stein, das Grab konnte mithilfe von Spenden wieder errichtet werden. Eine späte Ehrung.

Medizinhistorisches Museum der Charité, Charitéplatz 1, Di, Do, Fr, So 10 bis 17 Uhr, Mi und Sa 10 bis 19 Uhr.