Spätestens seit „Wie später ihre Kinder“, 2018 mit dem Prix Goncourt geehrt, gehört Nicolas Mathieu, 42, zu den Stars der französischen Literatur. 
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BerlinNicolas Mathieus Roman „Wie später ihre Kinder“ (2018 mit dem Prix Goncourt geehrt, 2019 auf Deutsch) ist so episch und so abgründig, dass die Beunruhigung durch das neue Buch „Rose Royal“ fast zu überschaubar wirkt. Zu überschaubar, zugleich zu merkwürdig und zu plakativ, um auf 90 Seiten erzählt zu werden. Kurzum wünscht man sich diese Geschichte in einem größeren Mathieu-Zusammenhang, denn sie ist dafür interessant genug. Hier aber zeigt sie sich in aller Kürze. Erneut übersetzten Lena Müller und André Hansen gemeinsam. Die Wörter sitzen.

„Royal“ heißt die bisherige Stammkneipe von Rose, Sekretärin in Nancy, dreizehntes Monatsgehalt, Fiat Punto, günstige Mietwohnung. Die sehr attraktive Frau, geschieden, die erwachsenen Söhne aus dem Haus und Blickfeld, ist fast fünfzig und leidet darunter nicht wenig. „Sie hatte jenes schwierige Alter erreicht, in dem sich die verbliebene Frische, das Funkeln im Alltag aufzulösen schien.“ Sie lernt auf Datingportalen Männer kennen, etliche, viele sortieren sich aber selbst aus mit einem Auftakt wie „Na, wie gehts?“. Rose trinkt zu viel, und sie hat – jetzt wird es interessanter – in ihrer Jugend und auch später noch so viele Gewalterfahrungen gemacht, dass sie sich nach dem letzten Mal (Thierry sein Name) eine Waffe übers Internet beschafft hat, neun Millimeter, fünf Patronen, 650 Euro. „Keine kleine Investition und eine Ansage ... Die Angst sollte die Seiten wechseln.“

Rose reflektiert das sonst kaum, „Schweigen und Groll“ haben in ihrer lothringischen Familie geherrscht, damit kann sie umgehen. Als junge Frau feiert sie gerne und mag Jungen. Dass sie dabei auch in Situationen gerät, die man gemeinhin Vergewaltigung nennt, ist ihr als Jugendliche gar nicht so klar. Nicht weil sie dumm wäre, Rose ist keineswegs dumm. Es läuft eben so. Jetzt sagt sie sich: „Der Revolver würde den üblichen Lauf der Dinge stoppen.“

Unter ungewöhnlichen Umständen – Gewalt spielt auch hierbei eine Rolle, die „Neun Millimeter“ kommt zum Einsatz – lernt sie Luc kennen. Es entwickelt sich eine Beziehung, beide scheinen überrascht und erfreut davon. „Es war noch Leben übrig.“ Seine Schweigsamkeit kennt sie von zu Hause, das ist ihr nicht unangenehm. Sein Geld ist ihr nicht wichtig, aber es verändert viel. Seine Geschäfte und die Art, wie er sie tätigt, markieren ihn – und da ist es doch erstaunlich, wie sehr das beim Lesen auffällt, nur Rose nicht – als Männertypus, von dem Rose, von dem Frauen sich fernhalten sollten.

Es mag sein, es wird so sein, dass Menschen immer wieder in die gleichen Fallen tappen. Mathieu gerät dabei allerdings doch ins Schlingern zwischen der überdeutlichen Herausarbeitung, nein, Präsentation von als geschlechtsspezifisch deklarierten Eigenschaften – die Frau mit der Neigung, sich abhängig zu machen, sowie dem unausgeführten Willen, sich endlich zu wehren; der Mann, der auf der Klaviatur der Gewalt zu spielen weiß, zugleich allerdings mit Potenzproblemen ringt – und der konkreten Handlung. Sie wirkt etwas parabelhafter, als es dem Roman bekommt.

Mathieu, der selbst in Nancy lebt und dem vernachlässigten Lothringen schon mit „Wie später ihre Kinder“ einen bleibenden Platz in der französischen Gegenwartsliteratur sicherte, ist aber ein viel zu glänzender Autor und psychologischer Beobachter, um nicht trotzdem Punkte zu machen. Die glasklare Einbettung von „Rose Royal“ im Hier und Jetzt von Macrons Frankreich lässt die herkömmlichen Gewaltschilderungen aus Roses Leben umso erschütternder erscheinen. Die Gewalt findet weder damals noch woanders noch unter anderen Leuten statt. Gewalt hat viele Facetten, bis hin zur „so merkwürdigen wie verbreiteten Neugier auf gewöhnliche Gräueltaten“, die Rose und Luc „glücklich vereint“. Wie die beiden zur „Neun Millimeter“ stehen, demonstriert den unterschiedlichen Umgang mit Gewalt fast zu lehrbuchhaft, aber griffig.

Mag er sich im Großen mit Skizzen begnügen, so seziert Mathieu im Detail unerbittlich das dümpelnde Glück. „Abfällig über andere zu reden, war immer ein dankbares Gesprächsthema. Dabei konnte man leicht einer Meinung sein.“ Und in der Tradition von Tennessee Williams und Edward Albee, aber auch von Yasmina Reza interessiert ihn das Alkoholproblem von Rose und Luc nicht bloß als Folge anderer Probleme, sondern auch als Problem selbst. Wenn die Augen nicht schon offen sind, kann dieses schmale Buch sie weit öffnen.

Nicolas Mathieu: Rose Royal. Roman. Aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen. Hanser Berlin 2020. 95 S., 18 Euro.